Wirtschaft über Landschaftsschutz? Gewerbegebiete verdrängen Tiere aus Lebensraum

dzGewerbegebiet Unna-Kamen

Die Ansiedlung von Woolworth im Gewerbegebiet Unna-Kamen bedeutet zum einen neue Arbeitsplätze, zum anderen aber auch Verlust von Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

Unna

, 10.01.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn auf einer Fläche Gewerbe entsteht, muss die Natur zwangsläufig weichen. So etwa auch beim Bau der Woolworth-Zentrale im Gewerbegebiet Unna-Kamen: Werden auf der einen Seite die Wirtschaft gefördert und neue Arbeitsplätze geschaffen, werden auf der anderen Seite wildlebende Tiere aus ihrem natürlichen Lebensraum verdrängt.

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Thomas Döring, Jäger und stellvertretender Leiter beim Hegering Unna, spricht von einem Problem: „Gerade Rehwild gibt über Generationen hinweg gewohnte Wege weiter“, sagt er. „Die alten Wildwechsel haben sich eingeprägt.“ Eine massive Bebauung wirke sich negativ auf die Orientierung der Tiere aus, sie laufen auch nach Jahren noch zwischen bebautem Gelände her – oder auf die Straße.

Häufige Unfälle mit Rehwild

Das zeige etwa auch das DHL-Lager in Königsborn: An der Hammer Straße komme es immer wieder zu Unfällen mit Rehwild. Das kann auch für den Menschen gefährlich werden: „Wenn ein Auto- oder Motorradfahrer auf Landstraßen mit 70 bis 100 Stundenkilometern unterwegs ist und ein Reh mit 15 bis 20 Kilogramm Gewicht vor das Fahrzeug läuft, besteht Lebensgefahr“, sagt Döring.

Wirtschaft über Landschaftsschutz? Gewerbegebiete verdrängen Tiere aus Lebensraum

Wenn Rehwild aus seinem natürlichen Lebensraum verdrängt wird, verirrt es sich oft auf Straßen. Laut Jäger Thomas Döring kommt es in Unna etwa auf der Hammer Straße vermehrt zu Unfällen. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Immer öfter seien die Jäger daher gefordert, auf das Wild zu schießen. Viele andere Maßnahmen gebe es nicht. „Wir haben auch schon versucht, blaue Rückstrahler an Begleitpfosten anzubringen oder Duftsprays einzusetzen,die die Tiere davon abhalten sollen, auf die Straße zu laufen.“ Allerdings nur mit mäßigem Erfolg, so Döring.

Gewerbefläche vorher geschützter Landschaftsbestandteil

Aber nicht nur Rehwild, auch andere Lebewesen werden aus ihrem natürlichen Lebensraum verdrängt, etwa Kiebitze und Amphibien. Die Gewerbefläche in Unna-Kamen, auf der das Woolworth-Lager errichtet wird, galt zuvor etwa als

geschützter Landschaftsbestandteil. Das bedeutet, dass diese Flächen nach dem Bundesnaturschutzgesetz rechtlich als besonders schützenswert gelten – unter anderem auch wegen ihrer Bedeutung als Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

„Wallhecken werden einfach entfernt. Ob da vorher Kiebitze drin gelebt haben, wird völlig über den Haufen geworfen.“
Thomas Döring, Jäger und Landwirt

Döring wundere es, dass diese Flächen zwar derartigen Auflagen unterliegen, man diese im Falle einer Bebauung aber aufgeben kann. „Wallhecken werden einfach entfernt. Ob da vorher Kiebitze drin gelebt haben, wird völlig über den Haufen geworfen“, sagt er. Auch dass ein natürlicher Teich, der sich zuvor auf dem Gelände befand, dem Bauvorhaben einfach weichen konnte, wundere ihn. „Hätte man dort als Landwirt einen Acker anlegen wollen und den Teich deshalb zugeschüttet, hätte man rund 25.000 Euro Strafe zahlen müssen“, sagt er. Ihm sei es ein Rätsel, wie die baurechtlichen Details zustande kamen.

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Ausgleich für bebaute Landschaftsbestandteile

Das kann Christoph Gutzeit von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) für den Kreis Unna erklären. Diese ist für die Vergabe von Gewerbeflächen verantwortlich. „Wir richten uns nach den Bebauungsplänen, die von den Städten erstellt werden. Im Zuge dessen werden umfangreiche Umweltschutz- und Artenschutzprüfungen erstellt. Wird eine Fläche dann für ein Bauvorhaben versiegelt, muss zwingend ein Ausgleich geschaffen werden.“

Daran habe sich die WFG auch im Falle des Woolworth-Lagers gehalten: Der Tümpel mit Amphibien, der sich zuvor im Gewerbegebiet Unna-Kamen befand, sei daher in Unna-Hemmerde neu angelegt worden. Zwar gelinge eine Umsiedlung laut Gutzeit sicher nicht immer im Verhältnis von eins zu eins, nach etwa fünf Jahren habe ein neuangelegtes Biotop aber die selbe Qualität wie das alte.

Jäger und Landwirt Thomas Döring wünscht sich dennoch mehr Rücksicht auf die Natur: „Es wäre besser, würden für Gewerbebauten bereits bestehende, brachliegende Flächen genutzt, und nicht besonders schützenswerte.“

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