Der ehemalige Aluwerk-Chef Thomas Wiese und seine Frau Irene rücken ins Visier der Justiz. Wieses Sportwagen-Verträge könnten ein Akt der Veruntreuung sein. Die Staatsanwaltschaft prüft es jetzt.

Unna

, 24.06.2019, 15:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Thomas und Irene Wiese werden sich auf unangenehme Fragen einzustellen haben. Die Staatsanwaltschaft Dortmund nimmt Ermittlungen auf gegen den früheren Mehrheitsaktionär und Vorstandsvorsitzenden des Aluwerkes und gegen seine Ehefrau. Im Mittelpunkt stehen dabei vier Supersportwagen und ein komplexes Vertragsmodell für ihre Finanzierung. Die Staatsanwaltschaft hält es für denkbar, dass Geld vom Aluwerk dafür eingesetzt wurde, Engpässe bei den Wieses beziehungsweise in ihrer Firma W.B. Metallverarbeitung zu schließen. Einen Anfangsverdacht strafbarer Handlungen hält die Staatsanwaltschaft für begründet. Thomas Wiese könnte Veruntreuung anzulasten sein, seiner Frau die Unterschlagung der Fahrzeuge.

Wo die Autos sind, wissen nur die Wieses

Nach der Berichterstattung über Unregelmäßigkeiten im Aluwerk hatte die Staatsanwaltschaft Dortmund zunächst Vertreter des Werks um Aussagen bei der Polizei gebeten, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Was dabei herausgekommen ist, lässt die Wirtschaftskammer der Anklagebehörde nun genauer hinschauen. Es geht darum, den Anfangsverdacht zu prüfen, zudem aber auch um die Frage, wo eigentlich die vier Autos geblieben sind, die Thomas Wiese auf Rechnung des Aluwerks geleast hat. Zweimal schon hat das Aluwerk die Wieses beziehungsweise ihre Firma W.B. dazu aufgefordert, Fahrzeuge herauszugeben. Geschehen ist dies nicht. Stattdessen tauchten die Wagen danach auf einer Verkaufsseite im Internet auf. Dem Aluwerk geht es dabei um drei Fahrzeuge, deren Preise sich auf 1.040.000 Euro summieren. Ein Ferrari 458 zum Preis von 390.000 Euro dagegen beschäftigt die Staatsanwaltschaft stärker als das Aluwerk, da der Leasingvertrag inzwischen ausgelaufen ist.

Wiese-Tochter W.B. war offenbar knapp bei Kasse

Das Vertragsmodell, mit dem Thomas Wiese das Aluwerk zum Autofinanzierer gemacht hat, ist ungewöhnlich - und wirft den Verdacht auf, dass das Aluwerk finanzielle Engpässe in Wieses Firma W.B. ausgleichen sollte. Die „W.B. Metallverarbeitung“ ist eine Tochtergesellschaft von Wieses Holding-Gesellschaft „Familie Wiese GmbH“. Bis 2018 war sie zum einen eine Art Leiharbeitsfirma, die ein Drittel der Personalressourcen im Aluwerk stellte. 110 Arbeiter wechselten zum Jahreswechsel 2018/19 von W.B. in die Stammbelegschaft des Aluwerks. Thomas Wiese nutzte die W.B. allerdings auch für einen Autohandel in einem gehobenen Preissegment. Edle Fahrzeuge, zum Teil von exklusiven Kleinstherstellern wie Mosler oder Gumpert, finden sich noch heute im Angebot der Gesellschaft. Zu sehen waren Fahrzeuge aus ihrem Angebot mitunter bei Veranstaltungen am Reitsportzentrum Massener Heide, dessen Geschäftsführer ebenfalls Irene und Thomas Wiese sind.

Thomas Wiese bekommt Post vom Staatsanwalt

Thomas Wiese (r.) bei der Übergabe der großen Pferdeskulptur am Reitsportzentrum Massener Heide. Der frühere Aluwerk-Chef galt als großer Förderer des Sportes, baute die Reitanlage zu einer eigenen Firmengruppe mit Zubehörhandel, Hengststation und Gastrobetrieben aus. © Udo Hennes

Sportwagen verkauft, um sie dann zu leasen

Nach den ersten Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft scheint W.B. aber zwischenzeitlich schlecht bei Kasse gewesen zu sein. Bekannt ist bei der Staatsanwaltschaft etwa, dass eine Krankenkasse offene Forderungen für Versicherungsbeiträge für W.B.-Beschäftigte im Zwangsverfahren durchsetzen wollte. Und auch die Sportwagen, um die es nun geht, sind in ein Vertragsmodell aufgegangen, das der Volksmund vielleicht als Verpfändung bezeichnen würde: Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft hatte Irene Wiese Fahrzeuge aus dem Besitz der W.B. an eine Leasinggesellschaft verkauft, um zugleich Leasingverträge über diese Wagen abzuschließen. Folgen dieses Geschäfts: Die Wagen bleiben dort stehen, wo sie sind, bringen einmalig Geld in die Kasse, müssen danach aber mit regelmäßigen Raten finanziert werden. Diese Raten allerdings zahlte nicht ausschließlich W.B., sondern das Aluwerk. In seiner Rolle als Vorsitzender der Aktiengesellschaft am Uelzener Weg soll Thomas Wiese laut Staatsanwaltschaft entschieden haben, dass das Werk in den Leasingvertrag der Wiese-Tochter W.B. einsteigt. Erst kurz vor seiner Abberufung als Vorstandsvorsitzender soll Wiese die Verträge für drei Wagen um 36 Monate verlängert haben. Bezahlt wurden die Raten von der Aktiengesellschaft, genutzt wurden die Autos beim damaligen Zeitarbeitspartner.

Die Idee sei wohl gewesen, dass W.B. die Raten erstattet. Geschehen ist dies offenbar nicht vollständig. Dem Verdacht der Ermittler nach könnte im Aluwerk ein Schaden von mehr als einer halben Million Euro entstanden sein. Zum Verhängnis wurde Wiese dabei, dass er nach dem Verkauf seiner Aktien nicht mehr Mehrheitseigentümer, sondern „nur noch“ Vorstandsvorsitzender des Aluwerkes war und den neuen Eigentümern aus China damit Rechenschaft schuldig. Im November 2018 entzog der Aufsichtsrat Wiese das Vertrauen.

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