Keine sechs Wochen Zeit hatte das Theater Narrenschiff, um eine Ersatzversion ihres Open-Air-Theaters vorzubereiten. Entstanden ist eine Inszenierung, die ihresgleichen sucht: Ein Sommernachtstraum.

Unna

, 17.07.2020, 11:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dass sein „Skyspace“-Turm mal zu Julias Balkon werden würde, hätte James Turrell vermutlich nie erwartet. Dass seine Pest-bedingte Quarantäne 400 Jahre später zum Stoff einer Inszenierung werden würde, damit hätte wiederum Shakespeare wohl nie gerechnet. Und dass eine Aufführung des Theater Narrenschiff auf dem Platz der Kulturen die beliebten Inszenierungen auf dem Westfriedhof übertreffen kann, damit hätte wohl niemand gerechnet - am wenigsten die Ensemble-Mitglieder selbst. Doch genau das ist mit „Aus gleichem Stoff, aus dem die Träume sind“ gelungen.

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Aufführungen am Wochenende


Nur noch wenige Restkarten

  • Am Samstag und Sonntag finden jeweils um 20.30 Uhr noch weitere Aufführungen von „Aus gleichem Stoff, aus dem die Träume sind“ statt.
  • Für beide Termine gibt es noch wenige Restkarten, die unter www.kultur-in-unna.de ausschließlich vorab online zu erwerben sind. Die Karten kosten fünf Euro plus Systemgebühr.

Der Platz der Kulturen ist groß, weitläufig. Wer jemals hier auf einem Konzert war oder Fußballspiele verfolgt hat, weiß, wie voll der Platz werden kann - vor Corona. Mit 100 weißen Plastikstühlen, die in dem schon gewohnten Abstand zueinander stehen, wirkt er schmucklos, wenig einladend. Und hier soll die Magie Shakespeares wirken? Die Skepsis ist groß, sicherlich auch, weil alle Besucher vor Augen haben, wie das Theater Narrenschiff Shakespeare inszenieren kann: In der beeindruckenden Kulisse des Westfriedhofs haben sie in den vergangenen Jahren opulente, prächtige Komödien aufgeführt. Ein grauer Platz, dessen zentrales Element ein grauer, kalter Turm ist, scheint da eine traurige Alternative.

Hundert weiße Plastikstühle auf Abstand: So sieht die neue Theater-Realität in Zeiten von Corona aus.

Hundert weiße Plastikstühle auf Abstand: So sieht die neue Theater-Realität in Zeiten von Corona aus. © Anna Gemünd

Doch was dann, um kurz nach halb neun, seinen Anfang nimmt, lässt jegliche Skepsis sofort verfliegen. Anderthalb Stunden lang nehmen die Mitglieder des Theater Narrenschiff ihre knapp hundert Zuschauer mit in die wunderbare Welt der Shakespeare-Werke. Sieben an der Zahl sind es, miteinander verwoben durch eine Rahmenhandlung, die passender nicht sein könnte: Shakespeare kämpft mit einer Schreibblockade, sitzt seit sechs Monaten in Quarantäne. „Die Theater sind geschlossen worden, weil die Bedrohung durch die Pest nicht ernst genommen wurde. Meine Zunft trifft es besonders hart: Wir brauchen Publikum, das kommt und zahlt!“

Shakespeare (Johannes Schmidt) hadert mit seiner Schreibblockade in der auferlegten Zwangs-Quarantäne: Weil Anfang des 17. Jahrhunderts die Pest in London wütete, waren alle Theater geschlossen.

Shakespeare (Johannes Schmidt) hadert mit seiner Schreibblockade in der auferlegten Zwangs-Quarantäne: Weil Anfang des 17. Jahrhunderts die Pest in London wütete, waren alle Theater geschlossen. © Anna Gemünd

»Was bleibt uns anderes übrig, als uns zurück zu ziehen und Abstand zu halten, bis alles vorbei ist? Es ist ein armes Land, in dem wir leben, das fast vor sich selbst erschrickt.«
Johannes Schmidt als Shakespeare

Gab es je zuvor ein Publikum, das diese Klagen besser verstehen kann als jenes, das seit vier Monaten mit den Einschränkungen der Corona-Pandemie lebt? „Was bleibt uns anderes übrig, als uns zurück zu ziehen und Abstand zu halten, bis alles vorbei ist? Es ist ein armes Land, in dem wir leben, das fast vor sich selbst erschrickt.“ Die unheimlichen anmutenden Schnabelmasken der Pestdoktoren, denen Shakespeare in seinem Jahrhundert begegnet, taugen noch heute dazu, Menschen zu erschrecken. Doch als die vier dunklen Gestalten mit den Masken auf die Bühne treten, scheint es fast ein gewohntes Bild zu sein: Masken gehören im Deutschland des Jahres 2020 ebenso zum Alltag wie im England des Jahres 1606.

Macbeths Hexen tragen Schutzmasken

Immer wieder gibt es diese Bezüge zu der „neuen“ Realität: Da sind die drei Hexen, die Macbeth seine Königswerdung prophezeien - alle drei tragen sie schwarze Schutzmasken mit zugenähtem Mund als Symbol. Da tanzen die Venezianer um Romeo und Julia - mit zwei Metern Abstand zueinander. Und Lady Macbeth verzweifelt an den Blutflecken auf ihren Händen, die nicht verschwinden wollen - es sind rote Gummihandschuhe.

„Fair is foul and foul is fair“: Die drei Hexen, die Macbeth die Krone versprechen tragen Schutzmasken.

„Fair is foul and foul is fair“: Die drei Hexen, die Macbeth die Krone versprechen tragen Schutzmasken. © Anna Gemünd

Keine Frage: Wer Shakespeares Werke kennt, findet sich in dieser Inszenierung schneller zurecht als der Laie. Doch wenn der Elfenkönig Oberon von den vertauschten Jahreszeiten spricht und um ihn herum die Elfen tanzen, dann ist man gefangen in einem Sommernachtstraum - auch ohne ihn bis ins Detail zu kennen. Die Tanzszenen bestimmen einen großen Teil der Inszenierung und zeugen von der Leistung, die das Ensemble in die Inszenierung gesteckt hat: Binnen sechs Wochen choreographierten die Mitglieder mehrere Tänze „auf Distanz“.

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Premiere von "Best of Shakespeare"

Hamlet, Romeo und Julia und natürlich der Sommernachtstraum: Die Inszenierung "Aus gleichem Stoff, aus dem die Träume sind" des Theater Narrenschiffs feierte am 16. Juli 2020 auf dem Platz der Kulturen Premiere.
17.07.2020
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Lady Macbeth inmitten der drei Hexen, die ihrem Mann die Königskrone prophezeien.© Anna Gemünd
Macbeth (André Decker) blickt vom Turrell-Turm auf die Schatten der drei Hexen hinab.© Anna Gemünd
Macbeth und seine Frau - ein gefährliches Duo.
Johannes Schmidt verkörpert Shakespeare, der unter der Pest-Quarantäne leidet.
Tanzen geht in diesen Zeiten nur auf Abstand - auch im Venedig von Romeo und Julia.© Anna Gemünd
Was schreibt der Dichter, wenn die Theater geschlossen sind? Shakespeare hadert mit den Folgen der Pest in London.© Anna Gemünd
Macbeth nimmt den Dolch von den Hexen an - das Feld für seine Bluttaten ist damit bereitet.© Anna Gemünd
Durch geschicktes Lichtspiel wird der Turrell-Turm in die Handlung eingebunden.© Anna Gemünd
Das erste Mal seit vier Monaten spielten die Schauspieler vor "echtem" Publikum.© Anna Gemünd

„Skyspace“ bietet die perfekte Kulisse für die Balkonszene

Der, der wie eine graue Eminenz im Hintergrund thront und zunächst als unwillkommene Kulisse wirkt, bekommt im Laufe der Inszenierung eine Hauptrolle: Der „Skyspace“-Turm von James Turrell bietet den Schauspielern ungeahnte Möglichkeiten. Romeos und Julias Balkonszene ist legendär - gespielt auf dem kalten Betonturm bekommt das Spiel der Liebenden eine besondere Intensität. Nur wenig später betrachtet Macbeth von dort oben die tanzenden Hexen, die ihm die Königskrone versprechen und plötzlich wirkt der Turm bedrohlich: Verblüffend, wie wandlungsfähig grauer Beton sein kann.

Romeo und Julia in einer ungewohnten Version der legendären Balkonszene: Der Turrell-Turm dient hier als Balkon.

Romeo und Julia in einer ungewohnten Version der legendären Balkonszene: Der Turrell-Turm dient hier als Balkon. © Anna Gemünd

Hamlet, Heinrich der Fünfte, der Tyrann Richard der Dritte, Macbeth, Romeo und Julia und der Sommernachtstraum: Was sich liest wie ein Parforceritt durch Shakespeares Werk, „verpackt“ das Narrenschiff-Ensemble in einem wahren Sommernachtstraum, der weit mehr als ein Ersatz für die ausgefallenen Westfriedhof-Inszenierungen ist. Zum Schluss erklingt das fröhlich-melancholische „Sigh no more Ladies“ aus „Viel Lärm um Nichts“ und anschließend wird getanzt, natürlich auf Abstand und unter begeistertem Klatschen des Publikums.

Ein Ensemble hat sein Publikum zurück: Nach vier Monaten Abstinenz ist die Freude über das Wiedersehen auf beiden Seiten groß.

Ein Ensemble hat sein Publikum zurück: Nach vier Monaten Abstinenz ist die Freude über das Wiedersehen auf beiden Seiten groß. © Anna Gemünd

Das Wichtigste an diesem Abend aber geschieht um kurz nach 22 Uhr: Nach vier Monaten ohne Publikum - sozusagen „in Quarantäne“ - stehen sie da, die Narrenschiff-Schauspieler, und empfangen den Applaus ihres Publikums. Ein Blick in die Gesichter sagt alles: Es ist die pure Freude, endlich wieder für Menschen spielen zu können. Der Abstand zwischen Künstlern und Kulturfreunden, er ist an diesem Abend endlich wieder geringer geworden.

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