74 Jahre nach dem Ende des Holocausts hat jüdisches Leben in Unna wieder eine Heimat. Mit einer ergreifenden Zeremonie haben die Jüdische Gemeinde und viele Ehrengäste Unnas neue Synagoge eingeweiht.

Unna

, 04.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Es gibt Tage im Lauf eines Stadtlebens, die nachher in Geschichtsbüchern stehen. Der 4. Juli 2019 ist so ein Tag. Ein aus kleinen Lämpchen bestehender Sternenhimmel im ehemaligen Bodelschwingh-Haus an der Buderusstraße in Massen stellt die Sternenkonstellation am 4. Juli 2019 um 11 Uhr dar. Blickrichtung: von Unna nach Jerusalem. Dieser Zeitpunkt markiert den Höhepunkt einer für den Kreis Unna bedeutenden Entwicklung: Die Jüdische Gemeinde im Kreis Unna hat eine Synagoge. Das Gemeindehaus in Massen Nord, das die Gemeinde Ha Kochaw einst als Provisorium von der Evangelischen Kirche übernommen hatte, wurde am Donnerstag festlich eingeweiht.

Neue Tora Geschenk aus Illinois

Am Beginn dieser Feier für das Zuhause jüdischer Menschen durften sich auch die vielen Gäste christlicher Herkunft ein wenig wie zu Hause fühlen: Ein Bläserchor spielte das klassische Kirchenlied „Großer Gott wir loben Dich“ und begleitete damit den Einzug der Tora in das Gebäude. In den neu gestalteten Toraschrein „Aron ha-Kodesch“ wurde zu dem besonderen Anlass eine besondere Schriftrolle gelegt. Sie stammt aus den USA. Carla Gordon vom „Temple B‘nai Sholom“ in Quincy im Staat Illinois übergab der Jüdischen Gemeinde in Unna die Tora als Geschenk.

Synagoge feierlich eingeweiht: Unna ist jetzt die „Stadt des strahlenden Sterns“

Ein ergreifender Moment: Ein Posaunenchor spielt getragen „Großer Gott wir loben Dich“, während unter einem Baldachin die Heilige Schrift in die Synagoge getragen wird. © Udo Hennes

Geschichte nicht vergessen

Zahlreiche Festredner hoben die Bedeutung der neuen Synagoge hervor, vor allem vor dem Hintergrund der Geschichte der Stadt Unna, die bekanntlich auch ein düsteres Kapitel hatte: Nach Flucht, Vertreibung und Verschleppung in der NS-Zeit war 1943 offiziell verkündet worden, Unna sei „judenfrei“. Bürgermeister Werner Kolter erinnerte daran und mahnte: „Lasst uns die Geschichte nicht vergessen.“ Die Synagoge sei nun der „feste Ausdruck gewünschten und gewollten jüdischen Lebens in Unna“. Zur Neueröffnung überbrachte Kolter nicht nur Glückwünsche von Rat und Verwaltung, sondern „vor allen Dingen aus den Herzen der Menschen“.

Stolz auf 27.000 Juden in NRW

Dass Antisemitismus nicht nur Geschichte ist, sondern erschreckend nah, vergaß niemand. Die Festgäste gingen durch ein neues Stahltor zur Synagoge. Zuvor begegneten ihnen schon zahlreiche Polizisten, sicher auch, weil unter den Gästen unter anderem der Vorsitzende der Union progressiver Juden in Deutschland und der Vizepräsident des Zentralrats der Juden waren. Im Inneren wies die NRW-Heimat- und Bauministerin Ina Scharrenbach ihre Zuhörer auf die Fenster des umgebauten Gebäudes hin. Diese seien wunderschön, sie hätten aber auch Sicherheitsverglasung, „weil die jüdische Gemeinde unseren Schutz braucht“, so Scharrenbach. Bei aller Freude über die Einweihung dürfe nicht vergessen werden, dass es auch in Nordrhein-Westfalen heutzutage Angriffe oder Anfeindungen gegenüber jüdischen Menschen gebe – „unerträglich“, so die Ministerin.

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In Vertretung von Ministerpräsident Armin Laschet, der in Paris aufgehalten worden sei, verkündete die Ministerin aber auch, man sei stolz in der Landesregierung, dass in Nordrhein-Westfalen 27.000 Menschen die größte jüdische Gemeinschaft Deutschlands bildeten.

Die Pest des Antisemitismus soll nicht das letzte Wort haben

Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, ging in ihren Überlegungen noch weiter in die Unnaer Geschichte zurück. Als Ende des 16. Jahrhunderts die Pest in Unna wütete, schrieb der Stadtkirchenpfarrer Philipp Nicolai unter anderem das Kirchenlied „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Die Pest werde nicht das letzte Wort haben, so die Botschaft vor über 400 Jahren, verbunden mit dem Symbol des Sterns. Die „Pest des Antisemitismus“, so Kurschus, werde auch nicht das letzte Wort behalten. Als Zeichen der Hoffnung wies auch sie auf den Stern: Der Davidstern leuchtet jetzt am Turm der Synagoge. Weithin sichtbar ist das neue jüdische Gotteshaus. Unna sei nun die „Stadt des strahlenden Sterns“, so Kurschus.

Synagoge feierlich eingeweiht: Unna ist jetzt die „Stadt des strahlenden Sterns“

Unter dem Sternenhimmel richtete die Gemeindevorsitzende Alexandra Khariakova ihren Dank an all jene Menschen oder Institutionen, die den Umbau zur Synagoge ermöglicht haben. © Udo Hennes

Sterne und Staub

Das Gebäude, an dem dieser Stern leuchtet, weist einige andere Besonderheiten auf. Wer im Gottesdienstsaal nach oben blickt, sieht Sterne, der Blick nach unten richtet sich auf Sand – tatsächlich original aus Israel. Den Hintergrund erläuterte Rabbinern Natalia Verzhbovska: Zahlreich wie Sterne und Staub sollten die Nachkommen Abrahams sein. Die Fenster sind nicht bloß bunt, in ihnen sollen sich symbolisch alle Farben der zwölf Stämme Israels vereinen.

Besucher willkommen

Tag der offenen Synagoge am Sonntag

Die neu gestaltete Synagoge an der Buderusstraße ist am Sonntag, 7. Juli, für Besucher geöffnet. Von 12 bis 17 Uhr können sich alle Interessierten das Gebäude, seine Ausstattung und künstlerische Gestaltung erläutern lassen. Eine Führung beginnt um 12.30 Uhr. Um 14 Uhr spielt das Nodelmann-Quartett klassische und jüdische Musik.

Alexandra Khariakova, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, durfte sich von einigen Rednern bescheinigen lassen, dass es vor allem ihre Persönlichkeit, Kraft und Energie waren, die die Gemeinde in die Lage versetzten, zwölf Jahre nach ihrer Gründung eine Synagoge zu eröffnen. Khariakova dankte den vielen Förderern, herzlich und humorvoll, wie man sie kennt. Und sie machte einmal mehr deutlich, dass die Unnaer Gemeinde für das liberale, fortschrittliche Judentum steht. Sie begrüßte unter anderem auch einen Vertreter einer orthodoxen Gemeinde. Sie freue sich, dass er an der Feier teilnehme, obwohl dabei Frauen die Tora trugen, sagte Khariakova mit einem Augenzwinkern.

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