Schneller als geplant ist das zerstörte Gewölbe der Stadtkirche Unna wiederhergestellt: Am Mittwoch begutachteten Mitarbeiter der Denkmalpflege die Arbeiten der Steinmetze, die in aufwendiger Kleinarbeit das jahrhundertealte Mauerwerk wieder zusammengesetzt haben. Für Steinmetz Werner Paetzke ein wichtiger Tag.

Unna

, 16.08.2018 / Lesedauer: 4 min

„Eigentlich machen wir alles genauso wie unsere Handwerkskollegen damals auch“, sagt Werner Paetzke mit Blick auf das Gewölbe der Stadtkirche. Drei Monate, nachdem er und sein Team mit den Reparaturarbeiten an dem alten Gewölbe begonnen haben, ist es nun fertig und sieht aus wie vorher – eigentlich. Denn noch ist das Gewölbe unverputzt und die roten Backsteine, aus denen die vier Kappen des Gewölbes bestehen, gut zu erkennen. Ein Gewölbe komplett neu zu mauern, das vor über hundert Jahren gebaut wurde – für Paetzke und sein Team war das eine riesige Herausforderung. Und das trotz moderner Technik, die vielleicht den einen oder anderen Vorteil gegenüber den Handwerkskollegen von damals brachte.

„Wir haben Aufzüge, um das Material zu transportieren, das ist vielleicht der größte Unterschied zu damals“, gibt Paetzke zu, „aber wir arbeiten nach der gleichen Technik, die beim Bau des Gewölbes angewandt wurde.“ Und das bedeutet vor allem viel Geduld. „Im Prinzip weiß man, wie so ein Gewölbe funktioniert, was man beachten muss, aber vor Ort ist dann doch alles immer anders“, schildert Paetzke die Situation für sein Team. Gewölbesanierungen sind für ihn und seine Kollegen zwar keine Seltenheit, doch das, was sie in Unna erwartete, übertraf alles bisher Bekannte.

Sturmschaden: Gewölbe der Stadtkirche Unna ist wiederhergestellt

Auch der Schlussstein des Gewölbes musste erneuert werden. © Silke Dehnert/Kirchenkreis

„Dieser Schaden, dass eine herabgestürzte Fiale ein Gewölbe so sehr zerstört, das ist in Deutschland sicherlich einmalig“, meint Paetzke, „so etwas haben wir noch nie gemacht.“ Und die Herausforderung begann bereits mit den Vorbereitungen für die eigentliche Gewölbe-Rekonstruktion. Denn damit die Steinmetze unter dem einsturzgefährdeten Gewölbe überhaupt sicher arbeiten konnten, musste zunächst das ganze Umfeld abgesichert werden. Die Sicherung und Bergung der Bruchstücke der tonnenschweren Fiale waren dabei nur der erste Schritt. „Anschließend musste das Gerüst aufgebaut werden, auf dem wir oben am Gewölbe arbeiten konnten. Das ging nur schrittweise, damit immer die Sicherheit der Arbeiter gewährleistet war“, erklärt der Steinmetz, wieso allein der Aufbau des Gerüsts fünf Wochen dauerte.

Mit dem fertigen Gerüst konnten die Steinmetze auch das erste Mal ganz nah ran an das, was in den nächsten Wochen ihre ganze Aufmerksamkeit fordern sollte. „Das Gewölbe besteht aus mehreren Teilen: Den vier Rippen aus Naturstein, die zum Schlussstein zusammenlaufen und den dazwischen liegenden Kappen, die aus Backstein-Mauerwerk bestehen“, erklärt Paetzke. Die herabgestürzte Fiale hatte die Rippen zerstört und damit die Statik des gesamten Gewölbes gefährdet.

Schritt für Schritt bauten Paetzke und sein Team als Erstes die Backsteine der Kappen zurück, bis nur noch das „Gerippe“ der vier Streben samt Schlussstein übrig blieb. Dabei waren alle Bestandteile des Gewölbes die ganze Zeit mit Kanthölzern abgestützt. Die beschädigten Naturstein-Rippen richteten die Steinmetze neu aus und reparierten sie, ebenso den Schlussstein. Anschließend mauerten sie aus den gereinigten Backsteinen die Kappen neu. „Die wurden frei gemauert, das war eine Herausforderung“, sagt Paetzke. Denn die teilweise extrem schräg stehenden Steinreihen konnten nicht einfach „in einem durch“ gemauert werden. „Da muss man genau hinschauen und abwarten, wie viele Steine man tatsächlich setzen kann, ohne dass die Gefahr eines Einsturzes besteht“, so Paetzke. Manchmal wuchs das Gewölbe daher nur um zwei Steinreihen pro Tag.

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Eigentlich waren bei Beginn der Bauarbeiten im Mai fünf Monate für die Wiederherstellung des Gewölbes anvisiert worden – jetzt waren es nur drei. „Wir sind tatsächlich sehr gut im Zeitplan“, freut sich Paetzke. Mit der Abnahme des gemauerten Gewölbes durch die Denkmalpflege ist aber nur der erste Schritt zum endgültig neuen Gewölbe getan. In den nächsten Wochen wird das Gewölbe verputzt. Dazu haben Paetzke und seine Mitarbeiter in einer der Kappen ein Versorgungsloch geöffnet gelassen. „Durch dieses Loch transportieren wir das Material, das wir zum Verputzen brauchen, von außen in das Gewölbe“, erklärt Paetzke. Denn das Gerüst, das an der Außenseite des Gewölbes angebracht ist, bleibt noch länger stehen. Hier befindet sich der Lastenaufzug, der das Material in die Höhe bringt.

Das Gerüst im Innern wird im Anschluss an die Putz-, Maler- und Dachdeckerarbeiten abgebaut – und auch das wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Vier bis fünf Wochen, so schätzt Werner Paetzke. „Das Gerüst muss ja auch gereinigt werden, bevor es aus der Kirche abgebaut wird. Die Staubentwicklung im Kirchenraum wäre sonst zu groß.“ Vor allem die Orgel könnte unter dem Baustaub leiden. So oder so muss sie nach Abschluss aller Bauarbeiten im Kircheninnern gereinigt werden. Mindestens sieben Wochen wird das dauern – zu Weihnachten, wenn die Kirche erstmalig wieder für einen Gottesdienst öffnen soll, wird sie daher nicht erklingen.

Sechs Meter hohe Fiale wird neu erstellt

Für Werner Paetzke geht die Arbeit unterdessen weiter: Er wird die zerstörte Fiale neu erstellen. „Das ist eine Herausforderung, allein wegen der Größe“, sagt der Steinmetz. Denn Sandstein in der Größe zu bekommen, den die Fiale erfordert, ist heute nicht mehr so leicht. „Solche großen Blöcke werden heute eigentlich gar nicht mehr geschnitten“, weiß Paetzke. Fialen, die er sonst erstellt, sind in der Regel bis zu zwei Meter hoch. Die aus Unna messen sechs Meter.

Zumindest die Vorlagen für die neue Fiale hat Paetzke im Haus: „Wir haben die Bruchstücke der zerstörten Fiale bei uns in der Firma und werden daraus ein Modell erstellen, an dem wir uns beim Bau der neuen Fiale orientieren“, sagt Paetzke. Aus vier einzelnen Stücken wird die knapp zwei Tonnen schwere Fiale dann zusammengesetzt – mit einem kleinen Unterschied zu ihrer Vorgängerin. „Die einzelnen Stücke der alten Fiale waren mit Verzapfungen miteinander verbunden. Wir nutzen bei der neuen aber Edelstahlverbindungen“, sagt Paetzke. Ein bisschen anders als die Arbeit der Handwerkskollegen vor über hundert Jahren ist sein Werk dann schließlich doch.

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Sanierung der Stadtkirche Unna

16.08.2018
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Das Gerüst für die Gewölbe-Sanierung musste durch die Orgeltribüne hindurch gebaut werden.© Anna Gemünd
Für die Tragrohre des Gerüsts wurden Löcher durch die Orgeltribüne gebohrt. © Anna Gemünd
Das komplette Gerüst ist von einer Folie umgeben, um Staubentwicklung im Kirchenraum zu vermeiden. Der Abbau des Gerüsts wird vier bis fünf Wochen dauern.© Anna Gemünd
Von Außen steht ebenfalls ein gerüst an der Stadtkirche. Hier befindet sich der Versorgungsaufzug, über den Material in das Gewölbe transportiert wird. Im gewölbedach wird zunächst eine Lücke freigehalten, um das für den Putz notwendige Material ins Kircheninnere zu transportieren.© Anna Gemünd
Mit disen Backsteinen wurden die vier Kappen des Gewölbes gemauert. Die Streben bestehen dagegen aus Naturstein.© Anna Gemünd
Den Abschluss des Gewölbes bildet traditionell der Schlussstein. Auch dieser wurde neun eingesetzt.© Silke Dehnert/Kirchenkreis
Steinmetz Werner Paetzke unter dem frisch gemauerten Gewölbe, das noch unverputzt ist.© Silke Dehnert/Kirchenkreis
So wie das südliche Gewölbe wird auch das nördliche, zerstörte Gewölbe nach dem Verputzen und Streichen wieder aussehen: Von den roten Backsteinen, die die Kappen des Gewölbes bilden, wird dann nichts mehr zu sehen sein.© Anna Gemünd
Wenn das Gerüst im Innern der Kirche abgebaut ist, steht die Reinigung der Orgel an. Dies wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Zu Weihnachten, wenn die Kirche wieder öffnet, wird sie wohl noch nicht wieder erklingen.© Anna Gemünd

Während die Wiederherstellung des Gewölbes als Folge des Sturmschadens ein Fall für die Versicherung ist, braucht die Kirchengemeinde für die umfassende Sanierung der maroden Fassaden Unterstützung. Dazu hat die Kirchengemeinde zwei Spendenkonten eingerichtet: Sparkasse Unna: IBAN: DE27 4435 0060 1000 4233 82 Volksbank Unna: IBAN: DE73 4416 0014 6459 8902 01 Verwendungszweck: Stadtkirche
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