Stromausfall: So erlebten wir in der Redaktion den Blackout in Unna

In eigener Sache

Der Strom war weg, berichtet haben wir trotzdem: So hat unsere Redaktion den Blackout in Unna erlebt. Ein Einblick, der auch eine oft gestellte Frage beantwortet.

Unna

, 31.08.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 4 min
Stromausfall: So erlebten wir in der Redaktion den Blackout in Unna

So sieht es in unserer Redaktion normalerweise aus: Anna Gemünd (links), Sebastian Smulka (stehend) und Dirk Becker berichten. Am Freitagmorgen war es auch hier zunächst zappenduster. © Udo Hennes

Es ist 8.39 Uhr, als Michael Neumann sich das erste Mal meldet. Er ist Blaulichtreporter – also unser Mann für alles, was mit Feuerwehr und Polizei zu tun hat. „Moin Alex, da kommt ‘was Größeres“, sagt er. Während ich noch beim Kaffee sitze, war er schon in Unna unterwegs, hat zufällig eine Kolonne von Einsatzfahrzeugen an sich vorbei rasen sehen. „Hier brennt irgendwas von den Stadtwerken.“ Im Hintergrund ist das Getöse von Martinshorn zu hören.

„Hier brennt irgendwas von den Stadtwerken.“
Michael Neumann, Blaulichtreporter

Irgendwas – das ist eines von zwei Umspannwerken der Stadtwerke Unna, das in Folge des Feuers ausfällt, einen Blackout in Unna auslöst; und damit auch die Redaktion im Herzen der Stadt vor eine Herausforderung stellt. Das weiß ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht, ich bin noch Zuhause in Wickede.

Stennei: „Im Verlag geht gar nichts“

Ich wähle mir die Finger wund, versuche, in der Redaktion jemanden zu erreichen. Alle Anschlüsse besetzt; beziehungsweise tot, wie sich gleich herausstellen wird. Um 8.49 Uhr ruft der Chef an: „In Unna ist Stromausfall, im Verlag geht gar nichts“, sagt Volker Stennei. Das erklärt einiges. Und vor allem: Es lässt uns erahnen, wie groß die Sache wirklich ist, die Kollege Neumann da angekündigt hat. Zumal Stadtwerkechef Jürgen Schäpermeier in einem ersten telefonischen Statement noch davon ausgeht, dass es Stunden dauern kann, bis die Stromversorgung wieder steht.

Die erste Eilmeldung in der Sache geht um kurz vor 9 Uhr über alle Kanäle live – erst über unsere Internetseite und via Facebook, wenig später auch über WhatsApp.

Redakteure und ihre ganz praktischen Probleme

Zu dieser Zeit trudeln nach und nach die Redakteure ein, haben so ihre ganz praktischen Probleme. Das elektrisch betriebene Tor zum Mitarbeiterparkplatz öffnet sich nicht, der Seiteneingang muckt auch irgendwie. Erst am Schreibtisch angekommen geht ihnen das sprichwörtliche Licht auf – wenigstens das braucht keinen Strom. Hier aber geht gar nichts. Weder Telefon, noch Internet.

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Sebastian Smulka bricht zur Heisenbergstraße auf, um sich vor Ort ein Bild von dem Ereignis zu machen. Alle anderen schwärmen in umliegende Orte aus, um von dort aus zu arbeiten. Mit Laptops und Smartphones ausgestattet, können die Redakteure inzwischen überall arbeiten. Nur eine Internetverbindung braucht es – und das ist in Unna an diesem Morgen nicht machbar. Der Blackout zwingt auch das Mobilfunknetz in die Knie.

„Offenbar auch weite Teile des Handynetzes ausgefallen.“
Liveticker hellwegeranzeiger.de

Ich merke das aus dem fernen Wickede, weil ich unsere Leute jetzt selbst über ihre Mobiltelefone nicht mehr erreichen kann. Selbst den Chef nicht; und der geht eigentlich immer dran. Klar, denke ich – ohne Strom geht eben gar nichts. Aber auch das ist eine Nachricht für den Liveticker, der inzwischen läuft. Um 9.36 Uhr, nachdem ich seit fast 20 Minuten niemanden mehr ans Telefon kriege, schreibe ich – zugegebenermaßen – auf Verdacht: „Offenbar auch weite Teile des Handynetzes ausgefallen.“ Um 9.40 Uhr klingelt dann endlich mein Handy wieder. Stennei ist dran. Der Strom ist wieder da, das Handynetz in Unna offenbar auch. Auch Sebastian Smulka meldet sich wieder, gibt telefonisch Updates vom Einsatzort durch.

Stromausfall: So erlebten wir in der Redaktion den Blackout in Unna

So sieht eine Redaktionskonferenz bei uns aus: Im Bild zu sehen sind die Kollegen der Mantelredaktion, die den überregionalen Teil für den Hellweger Anzeiger beisteuern. © Udo Hennes

Um 10.30 Uhr treffen wir uns zur Redaktionskonferenz im Verlagshaus, planen das Thema in all seinen Facetten. Was ist eigentlich genau passiert? Wie sind die Krankenhäuser mit der Situation umgegangen? Welche Notfallkonzepte gibt es für solche Fälle? Wie hat sich der Blackout auf das Leben in der Stadt ausgewirkt?

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Fragen über Fragen, auf die wir im Laufe der nächsten Stunden Antworten suchen. Auch wenn es nicht ganz einfach ist, denn die Telefonanlage im Verlagshaus wird den ganzen Tag über nicht wieder ans Laufen kommen; aber dafür haben wir ja Handys. Wir: Das sind Dirk Becker, Jennifer Freyth, Christian Greis, Sebastian Smulka und ich – unterstützt durch unsere Praktikantin Charlotte, die in der Stadt O-Töne für uns sammelt. Derweil führen wir ungezählte Telefonate, stellen noch viel mehr Fragen und werden bis zum Abend fast pausenlos in die Tasten hauen.

30.000 Zeichen und fast 4000 Wörter geschrieben

Für die Zahlenfetischisten unter Ihnen: Am Ende werden es diesen Text eingeschlossen fast 30.000 Zeichen und fast 4000 Wörter sein – das entspricht bei normaler Schriftgröße etwa elf DIN A4-Seiten. So wächst im Laufe des Tages auf hellwegeranzeiger.de ein umfangreiches Themenpaket, das möglichst alle Facetten dieses Gaus beleuchtet.

Stromausfall: So erlebten wir in der Redaktion den Blackout in Unna

30.000 Zeichen und fast 4000 Wörter – das ist unsere ganz persönliche Bilanz des Stromausfalls in Unna. © Udo Hennes

Als wir fertig sind, bleibt Zeit zum Durchatmen. Wir erinnern uns an einen Stromausfall im Juni 2014. Die Auswirkungen für die Stadt waren damals klein, für uns umso größer. Ein Kurzschluss hatte einen Stromausfall in einem Teilbereich der Wasserstraße ausgelöst, auch wir waren betroffen. „Eine Zeitung im Leerlauf – Vier Stunden Stromausfall bringen Redaktionsalltag gehörig durcheinander“ titelten wir am nächsten Tag in unserer Zeitung. Ich erinnere mich noch, wie wir Eis schleckend vor dem Verlagshaus gesessen und den Arbeitern bei der Reparatur des Schadens zugesehen haben. Uns waren die Hände gebunden.

Stromausfall: So erlebten wir in der Redaktion den Blackout in Unna

Nervennahrung: Mit Brötchen, Pizza und Teilchen war die Redaktion über den gesamten Tag bestens versorgt – Zeit, für ein Mittagessen außer Haus war nicht. © Alexander Heine

Das sieht diesmal freilich ganz anders aus, wir arbeiten durchgehend unter Hochdruck. Eben weil wir unsere Nachrichten fortlaufend im Internet veröffentlichen. Das Sekretariat bringt zwischenzeitlich Weingummi als Nervennahrung, die Auszubildenden besorgen Pizza für die Redaktion – und der Chef organisiert für den Nachmittag noch Brötchen und Teilchen. So eine Situation ist schließlich auch für uns eine Herausforderung. Und trotzdem können wir durchweg für unsere Leser berichten. So ändern sich eben die Zeiten.

Stromausfall: So erlebten wir in der Redaktion den Blackout in Unna

Ein Bild vom Stromausfall 2014: Chefredakteur Volker Stennei erkundigt sich über den Stand der Reparaturarbeiten, im Hintergrund sitzen Redakteure Eis schleckend auf dem Fenstersims – in der Redaktion ging ohne Strom gar nichts. © Roman Grzelak / Archiv

Und vielleicht ist das auch eine Antwort auf die Frage, die uns über soziale Netzwerke immer wieder erreicht – so auch diesmal. „Warum nicht kostenlos?“ Dazu noch eine Zahl: Die Arbeitsstunden aller Beteiligten aus unserer Redaktion – Fotografen, Reporter und Layouter – summierten sich am Abend nur für die Berichterstattung rund um den Stromausfall auf über 30 Stunden; das entspricht fast einer ganzen Arbeitswoche eines Einzelnen.

Stromausfall: So erlebten wir in der Redaktion den Blackout in Unna

Yvonne Schütze-Fürst, Philipp Stenger, Christoph Schmidt und Gabriele Hoffmann (nicht im Bild) sind für das Layouten der Zeitungsseiten verantwortlich. Auf diesem Tisch landeten am Freitagabend alle Geschichten, die die Reporter im Laufe des Tages zusammengetragen hatten. © Udo Hennes

Richtig: Andere bieten die Nachricht kostenlos im Internet an; aber die beschränken sich auch auf die Frage nach dem Was; und die ist in diesem Fall schnell beantwortet. Wir aber gehen allen Fragen nach, die mit so einem Ereignis in Verbindung stehen. Und das ist einen Preis wert – davon sind wir überzeugt.

Telefonische Erreichbarkeit weiter eingeschränkt: In Folge des Stromausfalls ist die Telefonanlage im Verlagshaus Unna ausgefallen, der Schaden konnte im Laufe des Freitags nicht behoben werden. Für Samstagvormittag hat sich ein Servicetechniker angekündigt, vorerst kann es jedoch zu Einschränkungen bei der telefonischen Erreichbarkeit kommen. Unter Tel. (02303) 202-0 erreichen Sie unser Servicecenter. Wir bitten, etwaige Probleme zu entschuldigen.
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