Stinkefinger und Ausbremsen auf der Autobahn: Angeklagter hat Angst um Arbeitsplatz

dzVor Gericht

Ein Zwischenfall auf der Autobahn in Unna hat einen 59-Jährigen auf die Anklagebank gebracht. Er hatte einen anderen Fahrer mit dem Stinkefinger beleidigt und genötigt. Der Prozess wurde für ihn dramatisch.

von Jana Peuckert

Unna

, 26.10.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein Fall von Beleidigung und Nötigung im Straßenverkehr hat einem Mann einen Gerichtsprozess eingebracht. Und diese Verhandlung wurde für den 59-Jährigen zu einer dramatischen Angelegenheit. Das sei ihm in seinem 38 Jahre langen Berufsleben als Verteidiger noch nicht passiert, erklärte der Anwalt des Angeklagten im Amtsgericht Unna. Eigentlich hätte er sein Mandat niederlegen müssen. Das habe er aber nicht getan, weil sich sein Mandant in einer psychisch äußerst schwierigen Lage befinde. Besagter Mandant, 59 Jahre alt, Berufskraftfahrer aus Bottrop, kauerte geradezu neben dem Verteidiger auf der Anklagebank. Wie sich herausstellte, hatte er seinen Anwalt angelogen und sogar Zeugen erfunden: Er hatte Menschen benannt, die ihn entlasten sollten, die es aber gar nicht gab. Der Richter verurteilte ihn letztlich wegen Nötigung und Beleidigung. Der Mann muss 2100 Euro Geldstrafe bezahlen und für einen Monat auf seinen Führerschein verzichten.

Aufgefahren, beleidigt und zum Bremsen genötigt

Dem Urteil ging ein tränenreicher Prozess voraus. Angeklagt worden war der 59-Jährige, weil er am 25. April auf der A44 am Kreuz Dortmund/Unna mit einem Auto seinem Vordermann zunächst dicht aufgefahren war und diesen mit Lichthupe und Blinker zum Spurwechsel hatte nötigen wollen. Ungeduldig hatte der Angeklagte rechts überholt und dem anderen Fahrer den Mittelfinger entgegengestreckt. Danach hatte er knapp vor ihm wieder eingeschert und abrupt abgebremst. Den Hintermann hatte er damit ebenfalls zur Bremsung gezwungen.

Angeklagter zittert und weint vor dem Richter

Im Gerichtssaal verlor der Mann schon nach wenigen Minuten die Fassung. Er begann zu zittern, weinte, konnte kaum noch sprechen. Es sei das erste Mal in 40 Jahren, dass er sich in solch einer Situation befinde. Tatsächlich gab es weder im Vorstrafen- noch im Straßenverkehrsregister des Berufskraftfahrers Eintragungen. Das sei schon außergewöhnlich, stellte der Richter fest. Jetzt habe er fürchterliche Angst, durch eine Fahrerlaubnisentziehung seine Arbeit zu verlieren, sagte der Angeklagte. Das Schlimmste sei, dass durch sein Fehlverhalten andere leiden müssten. So würde sein elfjähriges Pflegekind immer wieder ängstlich fragen, wann sie aus der Wohnung ausziehen müssten und was dann aus ihrem geliebten Hund werden würde: „Das quält mich.“ Der 59-Jährige war derart fertig mit den Nerven, dass er nicht einmal verstand, dass ihm die Fahrerlaubnis gar nicht entzogen wurde, sondern er lediglich einen Monat nicht fahren darf. Das muss ihm nun sein Bruder, an den sich der Richter schließlich wandte, in Ruhe erklären.

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