Steinmetze finden Zeitung von 1927 hinter marodem Turmstein

dzStadtkirche Unna

Hoch oben im Turm der Stadtkirche, knapp unterhalb der Balustrade, haben Steinmetze eine Zeitung von 1927 gefunden. Die Ausgabe des Hellweger Anzeigers lag lose hinter einem maroden Stein.

Unna

, 03.05.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

In Leipzig brannte ein Gut nieder und in Breslau brachen drei Knaben in einem gefrorenen Teich ein, zwei ertranken - wirklich erbaulich sind die Nachrichten am 2. Februar 1927 nicht, die der Hellweger Anzeiger unter der Rubrik „Nachrichten aus Nah und Fern“ vermeldet. Dennoch dürften sie einem Arbeiter als Lektüre zur Mittagspause gedient haben. Eine Pause hoch oben über der Stadt - entdeckt wurden die Reste der Zeitungsseite jetzt von Steinmetzen, die am Turm der Stadtkirche arbeiten.

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Hinter einem Stein direkt unter der Brüstung fanden die Steinmetze die Reste einer alten Zeitung. Anders als die sogenannten „Zeitkapseln“, die bei Grundsteinlegungen oder besonderen Bauarbeiten in einen Stein eingelassen werden und stets eine Zeitung des aktuellen Tages enthalten, spricht bei dem Fund der Steinmetze vieles dafür, dass es sich um eine zufällig abgelegte Zeitung handelt.

Aus vier größeren Stücken ließ sich die Zeitungsseite halbwegs wieder zusammensetzen. Sie datiert auf den 2. Februar 1927.

Aus vier größeren Stücken ließ sich die Zeitungsseite halbwegs wieder zusammensetzen. Sie datiert auf den 2. Februar 1927. © privat

„Möglicherweise hat ein Arbeiter damals die Zeitung während seiner Mittagspause gelesen und anschließend zwischen die Steine gesteckt“, meint Dietrich Schneider, Pressereferent des Evangelischen Kirchenkreises Unna. Das setzt allerdings voraus, dass 1927 Bauarbeiten am Kirchturm stattgefunden haben müssen. Der Kirchenkreis hat recherchiert und tatsächlich: 1924 wurde im Rahmen einer Baubegehung festgestellt, dass die in den Jahren 1861 bis 1863 verwendeten Mauer- und Ziersteine unterhalb der Galeriebalustrade bereits wieder stark verwittert waren. Es wurde beschlossen, dass die Mauersteine auf der West- und Südseite in einer Höhe von ungefähr zehn Metern unterhalb der Balustrade in einer Tiefe von circa 18 bis 20 Zentimetern abgespritzt und erneuert werden sollten.

Der Fundort der Zeitungsseite unterhalb der Balustrade passt zu der Stelle, wo Ende der 1920er-Jahre Bauarbeiten stattfanden.

Der Fundort der Zeitungsseite unterhalb der Balustrade passt zu der Stelle, wo Ende der 1920er-Jahre Bauarbeiten stattfanden. © privat

Neben den reinen Mauersteinen wurden in den Jahren 1924 bis 1927 auch die Ziersteine des Spitzbogenfrieses unterhalb der Balustrade aus Stieghorster Kalkstein erneuert. Das passt genau mit dem Fundort der Zeitungsseite zusammen - spricht also dafür, dass tatsächlich einer der damaligen Arbeiter die Zeitung dort abgelegt hat.

Seine Nachfolger, die derzeit mit der Sanierung der Turmfassade beschäftigt sind, tauschen aktuell noch immer marode Steine aus. „Das geschieht mit jedem Stein einzeln“, erklärt Schneider.

Unten auf dem Boden ist derweil ein entscheidendes Bauteil eingetroffen: Die neue Fiale ist da. Die Nachfolgerin des massiven Steintürmchens, das während des Sturmtiefs „Friederike“ im Januar 2018 auf das Dach der Stadtkirche stürzte und die nun laufende Sanierung erst auslöste, liegt einbaubereit neben der Stadtkirche.

Die Bauteile der neuen Fiale sind bereits in Unna eingetroffen. Rechts im Vordergrund liegt das neue Stück, das mit Bändern gesichert ist. Aufgebaut werden kann die Fiale jedoch erst, wenn die Dachsanierung abgeschlossen ist.

Die Bauteile der neuen Fiale sind bereits in Unna eingetroffen. Rechts im Vordergrund liegt das neue Stück, das mit Bändern gesichert ist. Aufgebaut werden kann die Fiale jedoch erst, wenn die Dachsanierung abgeschlossen ist. © Anna Gemünd

Bis sie tatsächlich ihren Platz hoch oben auf dem Kirchturm einnehmen wird, dauert es aber noch einige Zeit. „Diese Aufbauten sind erst möglich, wenn die Dacharbeiten erledigt sind“, erklärt Dietrich Schneider. Zur Zeit sind die Zimmerer an dem Dach zugange, darauf folgen die Dachdecker. Erst wenn das Dach komplett fertiggestellt ist, kann die Stadtkirche auch ihre neue Fiale bekommen.

Vielleicht ja mit einer Zeitungsseite aus dem Jahr 2020 - auch heutzutage brauchen Steinmetze ja etwas Lektüre in ihrer Mittagspause hoch über der Stadt.

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