Der Turm der Stadtkirche wird abgeräumt. Steinmetze holen mit einem Kran alle Steinelemente zu Boden und markieren sie für das spätere „Puzzle“. Ein Video zeigt die Arbeit auf Unnas höchster Baustelle.

Unna

, 14.08.2019 / Lesedauer: 3 min

Schon früh am Morgen haben die Steinmetze am Mittwoch damit begonnen, den Turm der Evangelischen Stadtkirche abzuräumen. Erste Steinelemente waren schnell am Boden. Darunter ist auch eine Kreuzblume. So nennen die Fachleute die fein verzierten Spitzen der Fialen auf den Ecken des Kirchturms. Alle sollen abmontiert werden, damit sie saniert und später wieder neu befestigt werden können.

Video
Stadtkirche Unna: Abbau am Kirchturm

Erste Kreuzblume schon morgens sicher am Boden

Eigentlich sollten erst die Teile der Umrandung alle zu Boden gelassen werden. Bauleiter Eberhard Tiemann entschied aber am Mittwochmorgen, dass auch die Kreuzblume von der südöstlichen Fiale schon abgenommen wird. „Der Kran drehte immer darüber hinweg“, erklärte Tiemann. Das steinerne Ornament sollte nicht beschädigt werden, also wurde es schon von seinem Unterbau getrennt und behutsam zu Boden gelassen.

Mit Video von Unnas höchster Baustelle: Abräumen des Kirchturms geht zügig voran

Die Kreuzblume von Südostecke wurde schon früh am Mittwoch vom Turm abgebaut. Der Kranausleger schwenkte gefährlich nah an dem kostbaren Steinornament vorbei. © Raulf

Daneben ruhen Teile der Sandsteinumrandung, die den Kirchturm am Fuß des Kupferdachs umgibt. Alle Elemente waren gelöst und fertig für die Fahrt zum Boden. Diese Vorarbeiten waren bereits ab Montag in 40 Metern Höhe erledigt worden. Augenzeugen, die die Abbauarbeiten verfolgen, können gut erkennen, dass die gerade laufende Sanierung am Kirchturm nicht die erste in der Geschichte des Gebäudes ist.

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Einige Teile der Brüstung aus Sandstein sind bereits am Boden. Gut erkennbar sind die Namen von Spendern: Sie hatten ein Sanierungsprojekt 2006 unterstützt und konnten sich im Stein verewigen lassen. © Raulf

Spendernamen von 2006 eingraviert

Seit dem Bau des Turms im 13. Jahrhundert wurde immer wieder daran gearbeitet, um ihn vor dem Verfall zu retten, Brand- oder Unwetterschäden auszubessern. Eine der jüngeren Sanierungsaktionen war 2006. Spender, die das Projekt unterstützten, konnten ihre Namen in die Rückseite der Umrandung einmeißeln lassen. Sie waren bisher nur lesbar für Besucher, die an einer Kirchturmführung teilnahmen. Nun sind die Steine am Boden, und wer vor 13 Jahren schon für Unnas Stadtkirche gespendet hat, das ist für Schaulustige nun gut am Boden erkennbar.

Mit Video von Unnas höchster Baustelle: Abräumen des Kirchturms geht zügig voran

Vor allem mit Hebelkraft lösen die Steinmetze Arne Ortgies und Stefan Rost die Brüstungselemente - unter den wachsamen Augen von Architekt Eberhard Tiemann. © Udo Hennes

Ein Puzzle aus Riesensteinen

Alle Steinelemente, die vom Turm abgebaut werden, sollen nachher wieder oben montiert werden. Jedes soll an seinen angestammten Platz zurück. Da die meisten der etwa meterlangen Stücke sich doch sehr ähnlich sehen, werden sie am Boden direkt markiert. Die Steinmetze der Firma Bachmann und Wille aus Göttingen bohren je ein kleines Loch seitlich in den Stein und dübeln eine Metallplakette mit einer Buchstaben-Zahlen-Kombination daran fest. Später wird daran zu erkennen sein, welches Stück wohin gehört.

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Hilfe für die spätere Puzzlearbeit: Kleine Metallplaketten mit Buchstaben und Zahlen verraten den Steinmetzen, so genau auf dem Turm welcher Stein hingehört. © Raulf

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Steine werden überarbeitet

Eine Markierung mit Wachsstiften sei ungeeignet. Die Steine lagern erst einmal draußen, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt sind, und eine Beschriftung könnte dann verloren gehen. Wie lange genau es dauert, bis die Sandsteinelemente wieder in 40 Meter Höhe zusammengesetzt werden, ist noch unbekannt. Direkt vor Ort auf dem Kirchplatz wird zunächst ein Restaurator eine Methode zur Überarbeitung des Steins an einem Stück ausprobieren. Wenn sie erfolgreich ist, kommen alle Stücke in eine Werkstatt, wo sie unter idealen Temperatur- und Feuchtigkeitsbedigungen überarbeitet werden. Das soll im Winter geschehen.

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Ein Blick ins Innere der abgebauten Fiale: Die in den 1970er-Jahren aufgetragene, wasserabweisende Schicht hat dem Stein nicht gut getan. © Udo Hennes

Wasserabweisende Schutzschicht: Gut gemeint, heute ein Problem

Das Problem an dieser Stelle ist die Folge einer Sanierungsmaßnahme in den 1970er-Jahren. Im Glauben, das beste für die Kirche zu tun, wurden die Steine mit einer Methode behandelt, die seinerzeit gängig war, die heute aber niemand mehr empfehlen würde, erläuterte Bauleiter Eberhard Tiemann. Der Architekt, Steinmetzmeister, Restaurator und Sachverständige hat Jahrzehnte Erfahrung mit uralten Gebäuden wie der Stadtkirche. Er erläuterte, wieso die „Hydrophobierung“ heute Probleme macht. Die Steine wurden mit einer Schutzschicht überzogen, die verhindern sollte, das Wasser eindringt. Sie verhindere aber auch, dass eingedrungenes Wasser wieder austreten kann. Wasser im Stein ist das Grundproblem am Turm der Stadtkirche: Bei Frost dehnt es sich aus und sprengt den Stein kaputt. Nun sollen die bei der Behandlung in den 70ern verschlossenen Poren wieder geöffnet werden.

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Rund 140 Jahre blickte er dramatisch von Unnas höchstem Punkt Richtung Holzwickede. Seit April 2019 liegt der Höllenhund am Boden. Was gerade passiert an seinem Kirchturm, kann er nicht mit ansehen. Zumindest wirkt die Verhüllung des Monstergesichts mit einer Arbeitsjacke so. © Raulf

Die Abbauarbeiten am Kirchturm werden mehrere Tage in Anspruch nehmen. Rund zwei Wochen sind dafür veranschlagt, es kann aber auch schneller gehen. Genau planen können die Verantwortlichen den Ablauf nicht.

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© Raulf


Autokran

Das 60-Tonnen-Monster

Mehrere Hundert Kilogramm, einige ein bis zwei Tonnen: So schwer sind die Steinelemente, die vom Turm der Stadtkirche abmontiert werden. Was das reine Gewicht angeht, wäre der Autokran, der auf dem Kirchplatz steht, eigentlich völlig überdimensioniert. Die Maschine mit 500 PS wiegt 60 Tonnen und kann 100 Tonnen tragen. Nötig ist diese Kraft allerdings, weil die Arbeit hoch oben erledigt werden muss. Der Kran hat einen bis zu 58 Meter langen Ausleger, der nur mit einem so hohen Eigengewicht gefahrlos eingesetzt werden kann. Das Ende des Teleskoparms muss höher ragen als die 40 Meter Hohe Oberkante des gemauerten Kirchturms. Weil der Kran so schwer ist, wurde eigens dafür eine Baustraße aus Stahlplatten auf dem Kirchplatz verlegt.
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