Ein Spaziergang auf dem Westfriedhof gleicht einer Entdeckungstour: Vogelfreunde kommen hier ebenso auf ihre Kosten wie diejenigen, die sich für Unnas Geschichte interessieren. © Anna Gemünd
Freizeit

Spazierengehen: Auf dem Westfriedhof wird das zum Erlebnis für Naturfreunde und Entdecker

Hinaus in die Natur und dabei am besten noch etwas Spannendes entdecken? Das geht auch mitten in Unna: Der Westfriedhof ist Erholungsort, Naturraum und Geschichtsbuch in einem.

Es raschelt in den Rhododendren; eine Amsel scharrt unter den Büschen. Ein Eichhörnchen flitzt zwischen zwei mächtigen Buchen hindurch und nicht weit entfernt ist der melodische Gesang eines Rotkehlchens zu hören. Was nach Waldidylle im tiefsten Sauerland klingt, geschieht aber tatsächlich mitten in Unna: Der Westfriedhof ist eine Oase – für Mensch und Tier gleichermaßen.

Selbst an einem grau-trüben Januartag entfaltet der Westfriedhof seine besondere Atmosphäre, sobald man ihn betritt: Plötzlich ist der Lärm des Verkehrsrings gedämpfter, wirkt die Stadt weit weg, riecht es nach Holz und feuchtem Moos. Wer in diesen Zeiten Ruhe und Erholung an der frischen Luft sucht, ist hier genau richtig.

Ganz bewusst wird auf dem Westfriedhof Totholz liegen gelassen: Es bietet Igeln und anderen Kleintieren Unterschlupf.
Ganz bewusst wird auf dem Westfriedhof Totholz liegen gelassen: Es bietet Igeln und anderen Kleintieren Unterschlupf. © Anna Gemünd © Anna Gemünd

Denn der Westfriedhof mit seinen hundert Jahre alten Grabstätten ist längst zu einem Park und Naturraum geworden. Nur noch ausnahmsweise und nur in einem kleinen Teil des Friedhofes finden noch Bestattungen statt. Wer sich an die Ruheregeln, die auf allen Friedhöfen gelten, hält, kann hier einen schönen Spaziergang machen.

Der Westfriedhof als Naturraum

Die uralten Buchen und Platanen sind nicht nur beeindruckend, sie spenden im Sommer auch angenehmen Schatten – und kühlen die Stadtluft ab: Im Schnitt ist es auf dem Westfriedhof im Sommer fünf Grad kühler als in der Innenstadt. Und natürlich schirmen die Bäume durch ihr Laub im Sommer noch mehr den Verkehrslärm ab.

Auch Fledermäuse finden auf dem Westfriedhof ein Zuhause: An mehreren Bäumen hängen Quartierkästen für sie.
Auch Fledermäuse finden auf dem Westfriedhof ein Zuhause: An mehreren Bäumen hängen Quartierkästen für sie. © Anna Gemünd © Anna Gemünd

Die Tatsache, dass der größte Teil des insgesamt 4,3 Hektar großen Westfriedhofs nicht mehr für Bestattungen genutzt wird, hat auch Auswirkungen auf die Natur: Gefällte Bäume werden bewusst als Totholz liegen gelassen; auch Äste und Sträucher bleiben liegen und bilden Rückzugsräume für Igel und Co.

An den Bäumen hängen Fledermauskästen und sogar vogelkundliche Führungen wurden auf dem Westfriedhof schon angeboten, weil dort so viele verschiedene Vogelarten ansässig sind. Unüberhörbar: Rotkehlchen scheinen sich hier besonders wohl zu fühlen.

Die Gräber auf dem Westfriedhof

Ein Rundgang über den Westfriedhof gleicht einem Spaziergang durch Unnas Stadtgeschichte: Von bekannten Namen wie dem Mühlengründer Carl Bremme über den Lindenbrauerei-Schöpfer Wilhelm Rasche bis zu dem Unnaer Lehrer, der im 19. Jahrhundert den Vorläufer der heutigen Lehrergewerkschaft GEW gründete – die Gräber erzählen Geschichte und Geschichten. Dass es in Unna mal eine Seidenraupenzucht gab, dürften beispielsweise wohl die wenigsten Unnaer wissen.

Dr. Friedrich Kipp liegt auf dem Westfriedhof bestattet. Ihm verdankt Unna nicht nur das Evangelische Krankenhaus, sondern auch eine kurze Phase der Seidenraupenzucht in der Stadt.
Dr. Friedrich Kipp liegt auf dem Westfriedhof bestattet. Ihm verdankt Unna nicht nur das Evangelische Krankenhaus, sondern auch eine kurze Phase der Seidenraupenzucht in der Stadt. © Anna Gemünd © Anna Gemünd
Geschichte in Stein gemeißelt

Die Symbole auf den Grabsteinen

  • Die Grabsteine auf dem Unnaer Westfriedhof verraten oftmals nicht nur die Namen der dort Bestatteten; viele Grabsteine sind um Symbole ergänzt, die weitere Hinweise auf den Verstorbenen geben.
  • Sehr oft findet sich ein Schmetterling als Symbol auf den Steinen der Gräber aus der Biedermeierzeit, also den Jahren von 1815 bis 1848. Im Altertum galt der Schmetterling als Sinnbild der Unsterblichkeit des Lebens. Zusammen mit dem Schmetterling findet sich auf Gräbern aus dieser Zeit oft eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt – ein Symbol für den alten Gedanken an Tod und Wiedergeburt, da die Schlange bekannt dafür ist, ihre Haut abstreifen zu können, also quasi wiedergeboren zu werden.
  • Ein typisches Todessymbol ist die verlöschende Öllampe; auch sie findet man auf den Gräbern auf dem Westfriedhof häufiger. Auf einem Grab sitzt auf der Lampe eine Eule, der Totenvogel; bei einem anderen Grabmal ist die Öllampe mit einem Palmwedel bedeckt.
  • Eine ganz besondere Symbolik steht hinter dem Grabstein von Carl Thomas Heiermann: Er starb mit nur 19 Jahren – symbolisiert wird dieser frühe Tod durch einen jungen Eichenbaum, dessen Haupttrieb von einer aus den Wolken greifenden Hand abgebrochen wird. Ähnlich verhält es sich mit dem Grabstein von Anna Rademacher: Auf ihm ist eine Schlange dargestellt, die die einzige Blütenknospe eines Rosenstocks abbeißt – das Mädchen starb im Alter von nur zwei Jahren.

Seidenraupen und Bienen

Der Mann, der dafür verantwortlich ist, ist auf dem Westfriedhof bestattet: Dr. Friedrich Kipp war eigentlich Arzt, hatte aber ganz offensichtlich viele Interessen. Er gründete nicht nur das Evangelische Krankenhaus Unna, sondern auch die „Unnaer Gasanstalt“ (heutige Stadtwerke) und das Wasserwerk Unna.

Privat waren seinen Interessen ebenfalls breit gefächert: Er gründete und förderte unter anderem die Bienenzucht- und Imkervereine und tatsächlich auch einen Verein, der sich der Seidenraupenzucht in Unna widmete. Das Projekt musste er allerdings mangels Erfolg einstellen. Trotzdem zeigt die Büste auf seinem Grabstein einen Mann, der sehr zufrieden mit sich wirkt.

Engagement für die Bildung

Mit Isaak Hufschmidt ist ein Mann auf dem Westfriedhof bestattet, der sich 1842 für die soziale Anhebung und Sicherung des Lehrerstandes einsetzte und in der Folgezeit den Preußischen Lehrerverein gründete, der als Vorläufer der heutigen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gilt.

Ein weiterer Lehrer, dessen Familienname in Unna bestens bekannt ist, ist ebenfalls auf dem Westfriedhof bestattet: Johann Wolfgang Hornung war Subkonrektor an der Unnaer Stadtschule und Buchbinder. Seine Familie ist seit 1906 als Buchhändler am Alten Markt tätig.

Ruhestätten von Unnas Großindustriellen

Das wohl imposanteste Grabmal auf dem Westfriedhof ist den Menschen gewidmet, die Unna einen Namen als Bierstadt verschafften: Wilhelm Beckmann war der Schwiegersohn des Lindenbrauerei-Gründers Wilhelm Rasche und übernahm nach dessen Tod 1871 die Lindenbrauerei. Beckmann baute die Brauerei zum Großbetrieb um und führte die untergärige „bayerische“ Braumethode ein. Das große Grabmal wird vom Verein zur Förderung und Pflege der Brau- und Kneipenkultur gepflegt.

Wolfgang Patzkowsky, Vorsitzender des Vereins zur Förderung und Pflege der Brau- und Kneipenkultur, steht vor dem Grabmal von Wilhelm Beckmann, der die Lindenbrauerei zum Großbetrieb umbaute.
Wolfgang Patzkowsky, Vorsitzender des Vereins zur Förderung und Pflege der Brau- und Kneipenkultur, steht vor dem Grabmal von Wilhelm Beckmann, der die Lindenbrauerei zum Großbetrieb umbaute. © Anna Gemünd © Anna Gemünd

Unweit des „Brauerdenkmals“ befindet sich der „Rollmann-Hügel“: Hier ist in einer Gruft Bertram Rollmann bestattet, der ab 1815 Direktor der Saline Königsborn und des preußischen Salzamtes war. Dass der Westfriedhof seine heutige Größe hat, ist auch ihm zu verdanken: Rollmann übergab der Stadt Unna ein Gelände zur Erweiterung des Westfriedhofes. Nach seinem Tod 1853 wurde er in einem neugotischen Grabmal mit Gruft bestattet, was heute als Hügel erhalten ist.

Fotostrecke

Ein Rundgang über den Unnaer Westfriedhof

Auch Gottfried Beckmann, Gründer des Messingwerkes Unna (heutiges Aluwerk); Reinhard Effertz, Generaldirektor der Königsborn AG und Förderer des Baus der Herz Jesu- und der Christuskirche; sowie Carl Bremme, Gründer der Mühlenwerke an der Bahnhofstraße, sind auf dem Westfriedhof bestattet.

Erinnerung an Bergbau-Unglück

Auch Unnas Bergbaugeschichte lässt auf dem Westfriedhof nachvollziehen: Eine vor einigen Jahren erneuerte Steinplatte erinnert an die Schlagwetterexplosion in Massen im Jahr 1883. Insgesamt 16 Bergleute kamen damals unter Tage ums Leben; zehn von ihnen sind auf dem Westfriedhof bestattet. Die gleiche Platte erinnert auch in Massen an das Unglück.

Über die Autorin
Redaktion Unna
Sauerländerin, Jahrgang 1986. Dorfkind. Liebt tolle Geschichten, spannende Menschen und Großbritannien. Am liebsten draußen unterwegs und nah am Geschehen.
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Anna Gemünd
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