Sie sind 21, 20 oder auch erst 19 Jahre alt – und sie sind in diesen Tagen die Chefs in der Sparkassen-Filiale in Massen. „Azubi-Geschäftsstelle“ nennt sich das dann.

Massen

, 28.07.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer dieser Tage die Sparkassen-Filiale in Massen betritt, der mag auf den ersten Blick verwundert sein: Keiner der anwesenden Berater wirkt älter als Anfang 20. Der Eindruck täuscht nicht. Es sind die Auszubildenden im zweiten Lehrjahr, die die Filiale zwei Wochen lang eigenverantwortlich betreuen.

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Für Sabrina Neuhaus und Alexander Röser bedeutet das: Sie sind, zusammen mit ihren vier Kollegen, verantwortlich für alles, was die die Führung der Geschäftsstelle angeht – und zwar ohne, dass ihnen dabei ein erfahrener Kollege über die Schulter schaut. „Wir können in diesen zwei Wochen alles ausprobieren, was uns wichtig ist“, sagt der 21 Jahre alte Alexander Röser.

Kunden beraten, Geldbestände im Blick behalten, Geld bestellen oder auch mal Probleme am Geldautomaten lösen – all das haben die angehenden Bankkaufleute bereits gelernt. Doch all dies komplett in Eigenregie zu machen und dabei die volle Verantwortung zu tragen, das erleben die meisten Auszubildenden erst nach ihrer Abschlussprüfung.

Zweimal gab es die Azubi-Geschäftsstelle schon in Kamen

Anders die Azubis der Sparkasse Unna-Kamen. Es ist das dritte Mal, dass die „Azubi-Geschäftsstelle“ den Azubis kurz vor ihrer Abschlussprüfung die Möglichkeit gibt, ihr erlerntes Wissen im „echten Leben“ auszuprobieren. Zweimal verjüngten sich auf diese Weise schon die Geschäftsstellen in Kamen; in Unna ist es in diesem Jahr eine Premiere. Noch bis zum 2. August haben die jungen Männer und Frauen das Sagen in der Geschäftsstelle in Massen.

„Das hier ist eine super Vorbereitung auf unsere Abschlussprüfungen.“
Sabrina Neuhaus, angehende Bankkauffrau, 20 Jahre

Eine Idee, die bei den Azubis sehr gut ankommt. „Das hier ist eine super Vorbereitung auf unsere Abschlussprüfungen. Wir wissen ja nicht, mit was die Kunden ankommen und welches Anliegen sich vielleicht noch im Gespräch ergibt. Da müssen wir flexibel reagieren können“, sagt Sabrina Neuhaus.

Einen Filialleiter gibt es während der zwei Wochen übrigens nicht. „Wir bilden als Team eine Einheit und haben uns in unseren Vorplanungen darauf geeinigt, dass es keinen Chef in diesem Sinne gibt, sondern wir alle gleichermaßen in der Verantwortung stehen“, erklärt Neuhaus.

Und das scheint sehr gut zu funktionieren, wie die Bilanz der ersten Woche zeigt. Im Vorfeld hatten die jungen Männer und Frauen nicht nur überlegt, worauf sie während ihrer „Azubi-Geschäftsstelle“ einen besonderen Schwerpunkt legen wollen; sie haben auch Stammkunden gezielt angerufen, um sie über das Projekt zu informieren – und sie einzuladen, vorbeizuschauen.

„Wenn man den Kunden erklärt, was wir hier machen, sagen die meisten, dass das eine tolle Idee sei und wie schade es doch wäre, dass es das früher noch nicht gegeben hätte.“
Alexander Röser, angehender Bankkaufmann, 21 Jahre

„Viele kommen natürlich hier ein und schauen erstmal überrascht: Wo ist denn mein Berater? Wenn man ihnen dann erklärt, was wir hier machen, sagen die meisten, dass das eine tolle Idee sei und wie schade es doch wäre, dass es das früher noch nicht gegeben hätte“, berichtet Alexander Röser.

Der Fokus liegt auf den Chancen der Digitalisierung

Den Fokus haben er und seine Kollegen in diesen zwei Wochen auf die Chancen der Digitalisierung gelegt. Online-Banking oder die Möglichkeit, durch eine Virtual-Reality-Brille die von der Sparkasse angebotenen Immobilien zu „besichtigen“ – damit treffen die Azubis auf offene Ohren bei ihren Kunden. „Es ist schön zu sehen, wie viele Kunden bereit sind, sich auf etwas Neues einzulassen, das wir ihnen vermitteln können“, sagt Sabrina Neuhaus.

Wieso in der Sparkassen-Geschäftstelle in Massen die Mitarbeiter auffallend jung sind

Sabrina Neuhaus und Alexander Röser zeigen, wie die virtuelle Wohnungsbegehung mit „Virtual Reality“-Brille funktioniert. Auf die digitalen Angebote haben die Azubis einen Schwerpunkt ihrer Arbeit in den zwei Wochen „Azubi-Geschäftsstelle“ gelegt. © Udo Hennes

Zum Berufsalltag gehört auch, jungen Menschen einen Eindruck vom eigenen Job zu vermitteln – und wer könnte das besser als fast genauso junge Menschen, die bereits in der Ausbildung sind? Deswegen bekommen die sechs Azubis zu Beginn der kommenden Woche noch Besuch: Jeweils zwei Praktikanten schauen den Azubis an jeweils zwei Tagen über die Schulter – umgekehrte Welt für die Azubis, die sonst diejenigen sind, denen man über die Schulter schaut.

Auch die Anwerbung der Praktikanten lag schon in der Verantwortung der Auszubildenden. Seit Januar haben sie sich auf ihre Zeit als Geschäftsstellen-Manager vorbereitet - und dazu gehörte auch, sich Gedanken über eine PR-Strategie zu machen. Mit einem selbst gestalteten Flyer warben sie um Schüler, die sich den Job als Bankkaufmann während der Azubi-Geschäftsstelle anschauen können.

In der zweiten Woche kommen noch Praktikanten dazu

Auf ihre jungen Begleiter sind die Azubis gut vorbereitet: „Wir haben uns schon Dinge überlegt, die sie machen können. Außerdem bekommen sie von uns jeder ein individuelles Bewerbungstraining während dieser zwei Tage“, sagt Sabrina Neuhaus.

Auf die zusätzliche Belastung, die die Praktikanten im Arbeitsalltag bedeuten, freuen sich die jungen Azubis. „Das bringt uns ja allen etwas: Wir können unser gelerntes Wissen weiter geben und für die Praktikanten ist es die Chance, dass ihnen Leute den Beruf erklären, die selbst gerade erst angefangen haben und gar nicht so viel älter als sie selbst sind“, findet Alexander Röser.

Ohnehin scheint die Azubi-Geschäftsstelle sowohl für Kunden, die Azubis als auch die anderen Sparkassen-Mitarbeiter nur Vorteile zu bringen: Am Freitag schaute die Regionalleiterin vorbei - mit Eis für alle. Uta Prünte kann gerade ihren Urlaub genießen - dank der Azubis weiß sie „ihre“ Geschäftsstelle ja in guten Händen.

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