Solidarität in Zeiten des Coronavirus: Einkäufe, Botengänge, Gassi gehen für Ältere

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Aus Verpflichtung wird Verantwortung: Während das gesellschaftliche Leben durch den Coronavirus immer mehr zum Erliegen kommt, gibt es Solidarität mit immungeschwächten oder älteren Mitmenschen.

Unna

, 15.03.2020, 13:21 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Coronavirus krempelt gerade das gesellschaftliche Leben um: Der Rückzug ins Häusliche, um dem Ansteckungsrisiko aus dem Weg zu gehen, setzt plötzlich Kräfte frei für soziale Hilfen – ein Gastronomiebetrieb aus Unna macht aus der Not eine Tugend.

»Das ist für mich eine gesellschaftliche Verpflichtung, da mitzuhelfen.«
Katja Vogt, Inhaberin des „Refugio“

„Wir werden leider in den kommenden Wochen mehr Zeit haben, als uns lieb ist!“, sagt Katja Vogt, Inhaberin des „Refugio“ in Unna. Bis Samstag sind die Umsätze in ihrem Betrieb „Vinothek & Feinkost-Bistro“ in der Flügelstraße um 50 Prozent eingebrochen, wie Vogt im Gespräch mit der Redaktion berichtet.

Gäste meiden Lokale und Kneipen wegen der womöglich höheren Ansteckungsgefahr. Katja Vogt wird in der kommenden Woche zwar weiter öffnen, ahnt aber bereits, dass sie den Betrieb schlimmstenfalls komplett wird einstellen müssen.

19 Mitarbeiter wollen „gewonnene“ Zeit sinnvoll nutzen

„Wenn das Menschenleben rettet, ist das die absolut richtige Entscheidung“, sagt sie. Und mehr noch. Entlassen aus der Verpflichtung, ihre Gäste zu bedienen, wollen Vogt und ihre 19 Mitarbeiter die so „gewonnene“ Zeit sinnvoll einsetzen. Kostenlose Dienstleistungen für immungeschwächte oder ältere Menschen, die sich in besonderem Maße schützen sollen, bietet der Betrieb im fußläufig erreichbaren Umkreis daher an. Das können Einkäufe ebenso sein wie der Gang in die Apotheke oder zur Reinigung. „Das ist für mich eine gesellschaftliche Verpflichtung, da mitzuhelfen“, betont Katja Vogt.

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Kurzarbeit beantragt – Wirtschaftsförderung kontaktiert

  • Umsatzeinbußen von 50 Prozent in der Spitze bringen den Gastronomiebetrieb von Katja Vogt in arge wirtschaftliche Bedrängnis.
  • Man benötige bei 19 Mitarbeitern monatlich einen fünfstelligen Betrag, um alle Kosten decken zu können.
  • Das eilends beschlossene Kurzarbeitergeld habe sie daher bereits beantragt; leider profitierten hiervon nicht die Minijobber.
  • Den Angestellten entgingen zudem die Trinkgelder, die einen nicht unerheblichen Teil des Verdienstes im Gastronomiebereich ausmachen.
  • Anderen betroffenen Betrieben empfiehlt Katja Vogt, die Wirtschaftsförderung Kreis Unna zu kontaktieren; hier habe sie von der Abteilung für Fördermaßnahmen wertvolle Tipps erhalten.

Die Nachricht aus Italien von der sogenannten „Triage“, also der Aussortierung von über 80-jährigen Menschen, die nachrangig in den Kliniken behandelt werden sollen, hat sie geschockt. „Das müssen wir bei uns vermeiden.“

Ihr Post in den Sozialen Medien hat innerhalb von 24 Stunden schon ein großes, ausnahmslos positives Echo erhalten.

Eine Studentin meldet sich aus freien Stücken und will helfen

Eine Studentin aus Unna hat am Samstag sogar angeboten, persönlich zu helfen, Botengänge zu übernehmen oder mit Hunden Gassi zu gehen. Auch wer hilfebedürftige Menschen kennt, kann sich ab sofort per Nachricht auf der Facebook-Seite des „Refugio“ oder telefonisch (Tel. 0 23 03/59 27 39) oder persönlich melden.

Als selbstständige Gastronomin habe sie immer wieder Existenzängste, das kann ein verregneter Sommer ebenso wie tropische Hitze sein. Katja Vogt: „Doch das hat jetzt eine andere Qualität, wo auch Menschen sterben können – da sind die anderen Ängste ganz klein geworden.“

Ihre Zuversicht will sie sich dennoch nicht nehmen lassen. Wer weiß, sagt sie, vielleicht feiere man in einige Monaten ein großes Fest „bei uns in der Gasse“.

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