Shakespeare in Quarantäne: So spielt das Theater Narrenschiff zu Corona-Zeiten

dzKultur

Das beliebte Open Air-Theater auf dem Westfriedhof fällt in diesem Jahr aus. Trotzdem spielt das Theater Narrenschiff draußen - und bringt Shakespeare in Quarantäne.

Unna

, 13.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sechs Monate in Quarantäne. Geschlossene Theater und keine Chance, mit dem Publikum zu agieren. Klingt nach Deutschland im Sommer 2020? Stimmt. Genauso war es aber auch im Sommer 1606 in London. Dass der große Shakespeare sich wegen der Pest in Quarantäne befand, dürften wohl die wenigsten Menschen wissen. Das Theater Narrenschiff nutzt diese Parallele zur aktuellen Corona-Situation jetzt als Rahmenhandlung.

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„Das hat uns selbst überrascht, was wir da alles herausgefunden haben“, sagt André Decker. Der künstlerische Leiter des Theater Narrenschiffs und bekennender Shakespeare-Fan weiß jetzt, dass er ein Schicksal mit dem großen Dramatiker teilt: „Shakespeare war tatsächlich im Jahr 1606 ein halbes Jahr in Quarantäne, weil in London die Pest wütete. Alle Theater waren geschlossen und er hatte nur seine alten Stücke und Ideen in seinem Kopf, mit denen er arbeiten konnte - an Interaktion mit dem Publikum war nicht zu denken.“

Abstand halten - das galt auch für André Decker (2. von rechts), wenn er als künstlerischer Leiter Anweisungen während der Proben gab.

Abstand halten - das galt auch für André Decker (2. von rechts), wenn er als künstlerischer Leiter Anweisungen während der Proben gab. © privat

Theater ab Herbst

Planungen sind schwierig

  • Ob das Theater Narrenschiff ab dem Herbst wieder drinnen spielen wird, ist momentan noch nicht klar. „Wir haben bisher noch keine Zeit gehabt, uns damit in Ruhe auseinander zu setzen“, sagt André Decker, „das machen wir nach den Open Air-Aufführungen. Die sind auch ein guter Test um zu sehen, wie sich das Publikum mit den Corona-Regeln so fühlt.“
  • Für „völlig unrealistisch“ hält Decker es, einen festen Spielplan bis Februar aufzustellen. „Man muss vermutlich so flexibel wie möglich bleiben, damit man nicht wieder im Fall des Falles Hunderte Karten zurückgeben muss.“ Das eigentlich für Ende März geplante Stück „Curtain Call“ bleibt zunächst weiterhin in der Schublade: „Da spielen zu viele Leute mit, als dass wir damit eine Spielzeit drinnen eröffnen könnten“, bedauert Decker.

Vier Wochen von der Genehmigung bis zur Aufführung

Wie ging Shakespeare damit um? Dieser Frage ist das Theater Narrenschiff für seine kurzfristig anberaumten Aufführungen auf dem Platz der Kulturen nachgegangen und nutzt sie nun als Rahmen für eine Produktion, wie es sie so noch nie gegeben hat. „Lange war ja gar nicht klar, ob wir überhaupt irgendetwas machen können. Und dann sind es plötzlich vier Wochen von der Genehmigung der Aufführungen bis zur tatsächlichen Premiere, das ist echt verrückt“, schildert Decker den besonderen Druck, unter dem das Ensemble derzeit arbeitet.

Atmosphäre des Westfriedhofes fehlt

Zumal natürlich auch nicht „normal“ geprobt werden kann. Eine Massenszene mit 30 Leuten, die tanzen und sich umarmen - mit den geltenden Abstandsregeln undenkbar. „Genau solche Szenen wären aber wesentlicher Bestandteil unseres eigentlichen Sommertheaters gewesen“, sagt André Decker. Jane Austens „Emma“ wäre eigentlich in der malerischen Kulisse des Westfriedhofes über die Bühne gegangen. „Das ist natürlich sehr, sehr schade, weil die Atmosphäre dort einfach so besonders ist. Der Platz der Kulturen ist völlig anders, einfach sehr groß. Aber genau das ist ja in diesen Zeiten gut: Wir haben viel Platz.“

Vier Wochen Zeit hatte das Ensemble des Theater Narrenschiffs für die Proben, die wegen der Corona-Regeln draußen und bei weit geöffneten Fenstern im Atelier der Lindenbrauerei stattfanden.

Vier Wochen Zeit hatte das Ensemble des Theater Narrenschiffs für die Proben, die wegen der Corona-Regeln draußen und bei weit geöffneten Fenstern im Atelier der Lindenbrauerei stattfanden. © privat

Abstandsregelung bei Massenszenen schwierig

Auch wenn es keine typischen Massenszenen in der Produktion „Aus gleichem Stoff, aus dem die Träume sind“ gibt, mussten die Proben trotzdem unter Einhaltung besonderer Regeln stattfinden. „Wir haben im Atelier der Lindenbrauerei mit weit geöffnetem Fenstern oder halt so oft es ging, draußen geprobt“, erzählt Decker. Das führte zu ganz neuen Problemen: „Wir mussten teilweise die Proben unterbrechen, weil es anfing zu regnen. Da mussten wir echt aufpassen, dass sich niemand erkältet.“Als vorteilhaft erwies sich dagegen, dass viele der Narrenschiff-Ensemble-Mitglieder privat Paare oder Familienangehörige sind und zusammenleben - damit fällt die Abstandsregelung auch bei den Proben weg.

Auch Tanz-Choreographien gehören zu der Sommerproduktion des Theater Narrenschiff - eine besondere Herausforderung mit den geltenden Abstandsregeln.

Auch Tanz-Choreographien gehören zu der Sommerproduktion des Theater Narrenschiff - eine besondere Herausforderung mit den geltenden Abstandsregeln. © privat

„Wir haben aber auch Tanzszenen dabei, denn wir wollten die ganze Bandbreite dessen, was das Theater Narrenschiff ausmacht, zeigen. Das war angesichts der Abstandsregelungen eine besondere Herausforderung“, sagt André Decker. Erstmals gibt es im Sommertheater des Narrenschiffs eine Mischung aus Komödie und Tragödie. „Üblicherweise spielen wir im Sommer nur Komödien. Aber dieses Mal passte es sehr gut, beides zu mischen, weil ein Blick durch Shakespeares Werke ja beides beinhaltet. Und letztlich ist das Leben ja auch beides, oder nicht?“

Shakespeare durfte übrigens nach sechs Monaten wieder aus der Pest-Quarantäne und auch die Theater öffneten wieder. Eine schöne Perspektive - nicht nur für das Theater Narrenschiff.

Die Premiere am 16. Juli ist bereits ausverkauft. Für die Veranstaltungen am 17., 18. und 19. Juli sind wegen der großen Nachfrage noch weitere 50 Plätze eingerichtet worden - natürlich weiterhin unter den geltenden Auflangen zum Pandemieschutz. Die Karten hierfür können ab dem 15. Juli gegen eine Aufwandsentschädigung von 5 Euro (plus Sytsemgebühr) online unter www.kultur-in-unna.de gekauft werden.
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