Die 31-Jährige Johanna Verhoven ist im Landesvorstand NRW der Deutschen Aidshilfe aktiv und geht offen damit um, dass sie sich selbst mit HIV infiziert hat. © Privat
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Sex und Partnersuche mit HIV: Es gibt keine Pflicht, es zu sagen

Johanna Verhoven war noch jung, als sie sich in einer Beziehung mit HIV infizierte. Heute arbeitet sie bei der Deutschen Aidshilfe und lebt in einer ganz normalen Partnerschaft.

Johanna Verhoven war knapp 20, als sie auf den Philippinen arbeitete und sich dort in einer Beziehung mit HIV infizierte. Weder sie noch der Mann, bei dem sie sich angesteckt hat, wussten von der Krankheit. Zurück in Deutschland absolvierte die junge Frau ein Praktikum bei der Aidshilfe – machte in diesem Rahmen einen HIV-Test, der positiv ausfiel. Seitdem engagiert sich die inzwischen 31-Jährige für Menschen mit HIV, möchte aufklären und das Image-Problem der Krankheit beseitigen.

Ziel sei es, „und das wird noch einige Zeit dauern“, dass die Gesellschaft alles über HIV weiß und Betroffene nicht mehr stigmatisiert werden. Inzwischen lebt Johanna Verhoven in einem ländlichen Teil von Bielefeld. Sie arbeitet für die Deutsche Aidshilfe, kennt viele Mitarbeiter wie auch Manuel Izdebski in Unna. Ihr Schwerpunkt liegt bei frauenpolitischen Themen. „Manche Menschen sind ganz erstaunt, dass sich auch Frauen mit HIV infizieren können.“

Gesundheitlich geht es der 31-Jährigen gut. Mit Medikamenten lasse sich HIV inzwischen so gut kontrollieren, dass das Virus im Blut nicht mehr nachweisbar ist. „Da reicht in den meisten Fällen eine Tablette am Tag“, weiß die Bielefelderin, die von dem Medikament nicht einmal Nebenwirkungen spürt.

Offene Freunde, Sorgen am Arbeitsplatz

Privat war der Umgang mit der Krankheit für sie allerdings nicht immer ganz so einfach. Während sie im Familien- und Freundeskreis weitgehend geoutet war, bemühte sich die junge Frau, ihre Infektion etwa auf der alten Arbeitsstelle geheim zu halten. „Da habe ich viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet“, sagt Verhoven. Verständliche aber überfürsorgliche Reaktionen der Eltern waren es, die sie befürchtete.

Umso gelegener kam, dass bei der Aidshilfe in Bielefeld ein Job frei wurde. Und weil sie noch keine Familie hat, die es zu schützen gilt, scheut sich Johanna Verhoven nicht, offen über ihr Schicksal, die Arbeit mit Frauen und das Virus zu sprechen.

Bei der Aidshilfe Unna kann sich jeder Testwillige einen kostenlosem HIV-Schnelltest besorgen – oder diesen vor Ort mit Hilfe der „Profis“ machen. © Hornung © Hornung

Weil HIV nun mal beim Geschlechtsverkehr übertragen werden kann, sind vor allem Sexualität und Partnerschaft Themen, die viele Infizierte umtreiben. Wie bringt man es dem neuen Partner bei, oder auch nur einem Sexualkontakt? „Ist das Virus mit Medikamenten eingedämmt, besteht keine Gefahr, HIV zu übertragen“, erklärt Verhoven. Deswegen seien Infizierte auch nicht gesetzlich dazu verpflichtet, vor dem Geschlechtsverkehr preiszugeben, dass sie positiv sind.

Sehr früh in einer Beziehung angreifbar

„Da macht man sich sehr früh in einer Beziehung angreifbar“, kann sie das Problem rund um das Outing vor dem Partner verstehen. Die 31-Jährige selbst ist inzwischen verheiratet. Ihr Mann stammt aus dem Freundeskreis. Als sie ihm alles erzählte, kamen sie sich gerade erst näher. So herrschten von Beginn an klare Verhältnisse.

„Ich kenne Frauen, die sagen: ‚Für einen One-Night-Stand mache ich das Fass nicht auf.‘“ Grundsätzlich kann die Mitarbeiterin der Aidshilfe keinen goldenen Weg empfehlen. Es gebe Infizierte, denen es sehr schwer fällt, mit der Thematik umzugehen. Sie suchen sich dann aktiv Partner, die auch infiziert sind, um nichts beichten und nicht so viel erklären zu müssen.

„Man sollte nicht zu lange warten“

Eine Faustregel hat Johanna Verhoven dann aber doch: „Man sollte nicht zu lange warten.“ Denn jemand, der nach dem Outing ablehnend reagiere, sei nicht der richtige Partner. Und diejenigen, denen die HIV-Infektion aus Sorge vor der Reaktion verheimlicht wurde, könnten sich hintergangen fühlen. Oder sie beklagen das mangelnde Vertrauen. Auch das schadet einer Beziehung.

Wenn alle Menschen noch besser über HIV Bescheid wüssten, wären die Berührungsängste wohl auch geringer. Unproblematisch sei sogar eine Schwangerschaft mit HIV. Weil das Virus zu groß ist, um durch die Nabelschnur zu gelangen, könne das Baby im Mutterleib nicht infiziert werden, erklärt Johanna Verhoven. Lediglich die natürliche Geburt stelle ein Risiko dar.

Natürliche Geburten sind wieder möglich

Bevor bekannt wurde, wie gut die neusten Medikamente sind, waren deshalb Kaiserschnitt-Geburten vorgeschrieben. Inzwischen können HIV-Positive ihr Baby auf natürlichem Wege zur Welt bringen. Sogar dann, wenn die Infektion erst zu Beginn der Schwangerschaft erkannt wird, schlagen die Medikamente noch rechtzeitig an.

Voraussetzung: Die Infektion wird erkannt. „Wir sagen immer, dass jedes positive Testergebnis ein gutes Ergebnis ist.“ Denn so würden Ansteckungen verhindert und die Infektionen schnell behandelt. Dann hätten HIV-Positive gute Chancen, dass ihr Immunsystem in Takt bleibt und Aids gar nicht erst ausbricht. Und sie leben genau so lang wie Menschen ohne HIV. Johanna Verhoven: „Inzwischen schätzt man die Lebenserwartung sogar länger ein, weil HIV-Patienten alle drei Monate zum Arzt gehen.“

Über die Autorin
Redaktion Fröndenberg
Jahrgang 1988, aufgewachsen in Dortmund-Sölde an der Grenze zum Kreis Unna. Hat schon in der Grundschule am liebsten geschrieben, später in Heidelberg und Bochum studiert. Ist gerne beim Sport und in der Natur.
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Dagmar Hornung

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