Wie wollen wir leben, wenn wir alt sind? Die meisten Menschen denken da zuerst ans eigene Zuhause oder an ein Altenheim. Das Wohnen in einer Senioren-WG ist vielen nicht bekannt – dabei pulsiert hier das Leben.

Unna

, 25.10.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Manchmal gibt es auch einfach ein Glas Sekt. Ob Geburtstag, der Besuch der Enkel, die Tatsache, dass die Sonne scheint oder einfach aus Freude am Leben: In der Senioren-WG „Stadtfenster“ wird auch mal angestoßen. Wieso auch nicht, schließlich ist das Leben es wert, gefeiert zu werden – auch und gerade wenn man alt wird. Wie Altwerden außerhalb der eigenen vier Wände und eines Altenheims aussehen kann, zeigen die Senioren-Wohngemeinschaften des Pflegedienstes Busch auf eindrucksvolle Weise.

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Es ist später Vormittag, bald gehen die Vorbereitungen fürs Mittagessen los. Einer schält die Kartoffeln, ein anderer deckt den Tisch – die Aufgaben sind klar verteilt unter den zwölf Bewohnern der „Stadtfenster“-WG. „Jeder darf das machen, was er will und was er noch kann“, beschreibt Constanze Wesnigk das Konzept, das hinter dem WG-Leben steckt.

Selbstbestimmt leben im Alter: So funktioniert das in einer Senioren-WG in Unna

Die Aufgaben in der Gemeinschaft sind verteilt. Jeder Bewohner erledigt, was er oder sie kann und möchte. © Anna Gemünd

Im Grunde ist das nicht anders als in einer typischen Studenten-WG: Jeder hat seine Aufgabe, für die er verantwortlich ist und kann sich auf die anderen verlassen.

Im Überblick

Leistungen und Kosten

  • In den Senioren-Wohngemeinschaften, die vom Pflegedienst Busch betreut werden, wohnen in der Regel zwölf Mieter. Sie alle haben ein eigenes Zimmer, das sie anmieten. Die Pflegedienstleistung durch Busch wird als zusätzliche Leistung quasi „eingekauft“ und gilt daher als ambulante Pflege. Abhängig vom jeweiligen Pflegebedarf und möglichem Pflegegrad schließt jeder Mieter einen individuellen Vertrag mit dem Pflegedienst ab.
  • Die Mitarbeiter von Busch sind in wechselnden Schichten rund um die Uhr in der Wohngemeinschaft und nehmen ganz normal am Alltagsleben teil. Sie sind angeleitet in den Grundmaßnahmen der Pflege und werden durch examiniertes Fachpersonal im Hintergrund unterstützt. Zur Medikamentenverteilung oder auch Wundversorgung kommen beispielsweise examinierte Fachpfleger in die Wohngemeinschaften.
  • Die Kosten für das Leben in einer solchen Wohngemeinschaft richten sich unter anderem nach der Zimmergröße. Von 12 bis 20 Quadratmetern reichen die Möglichkeiten momentan. In dem sich im Bau befindlichen neuen Haus in Lünern sowie in der Seniorenwohngemeinschaft in Massen haben die Bewohner jeweils ein eigenes Bad zur Verfügung; in den anderen WGs gibt es Gemeinschaftsbäder.
  • Auch wenn die individuellen Kosten variieren – und auch abhängig von Pflegegraden sind – liegen sie in aller Regel deutlich unter denen eines Platzes im Altenheim.

Mit einem Unterschied: Das „Stadtfenster“ ist keine Studenten-WG. Die Menschen, die hier zusammen leben, sind in der Regel 70, 80 Jahre oder älter und teilweise demenziell erkrankt. Dass sie trotzdem einen weitestgehend normalen Familienalltag leben können, liegt an den Mitarbeitern des Pflegedienstes Busch.

Geschäftsführerin Constanze Wesnigk vergleicht die Idee hinter den Senioren-Wohngemeinschaften, die der Pflegedienst betreut, mit der eines alten Bauernhofes: „Dort war es auch immer so, dass jedes Familienmitglied das gemacht hat, was es konnte. Da hat die Oma vielleicht die Kartoffeln geschält und der Enkel den Abwasch gemacht – eine Familie eben.“

Genau das sollen auch die Senioren-Wohngemeinschaften sein. Gemeinsam kochen, Wäsche sortieren oder auch die Blumenkübel bepflanzen – das alles machen die Bewohner selbstständig, soweit sie es noch können. Unterstützt werden sie dabei von den Mitarbeitern des Pflegedienstes, die rund um die Uhr in der WG arbeiten. Insgesamt 55 dieser „Alleskönner“, wie Constanze Wesnigk sie nennt, arbeiten in den vier Senioren-WGs in Unna und einer weiteren in Schwerte.

„Die Mitarbeiter müssen tatsächlich alles können, was so anfällt: Sie kochen mit den Bewohnern, helfen ihnen bei der Hygiene, putzen die Wohnung und vor allem bieten sie Möglichkeiten zum Aktivwerden an: Spiele spielen, Singen, Basteln, alles was die Bewohner interessiert“, erklärt Constanze Wesnigk und ergänzt: „Im Grunde machen sie all das, was eine Mutter macht.“ Tatsächlich sind die meisten dieser „Alleskönner“ Frauen.

Sie werden im Laufe der Zeit zu regelrechten Familienmitgliedern der Senioren-WGs – genauso wie die jeweiligen Bewohner auch. Zwölf Mieter wohnen in einer WG zusammen; jeder hat sein eigenes Zimmer, aber alle teilen sich einen großen Gemeinschaftsbereich samt Küche. Hier ist es auch, wo der Alltag stattfindet. „Uns ist es wichtig, dass die Menschen nicht den ganzen Tag auf ihrem Zimmer sitzen und warten, dass der Abend kommt“, sagt Constanze Wesnigk.

Selbstbestimmt leben im Alter: So funktioniert das in einer Senioren-WG in Unna

Die Zimmer werden individuell eingerichtet mit den Möbeln der Bewohner. © Anna Gemünd

Ob jemand an den Gemeinschaftsangeboten der WG teilnimmt oder nicht, bleibt aber jedem Bewohner selbst überlassen. „Jeder darf hier machen, was er will. Wenn jemand keine Lust zu basteln hat, ist das doch völlig in Ordnung. Wir schauen dann, was wir diesem Bewohner vielleicht alternativ anbieten können, damit er oder sie motiviert wird.“ Unterstützt werden die Betreuungsmitarbeiter dabei von einer Altentherapeutin, die die Wohngemeinschaften regelmäßig besucht. Sie kommt ebenso vorbei wie ein Hausarzt, der auf Wunsch die Bewohner betreut. Kooperationen mit Ergo- und Physiotherapeuten ermöglichen auch hier kurze Wege – und entlasten die Angehörigen.

„Wir möchten, dass unsere Bewohner hier bis zu ihrem Lebensende bleiben können.“
Constanze Wesnigk, Geschäftsführerin Pflegedienst Busch

Überhaupt, die Angehörigen: Kommen sie zu Besuch, ist das in aller Regel ein Ereignis für die gesamte WG. Am großen Gemeinschaftstisch gibt es dann Kaffee und Kuchen für alle – ein schönes Erlebnis auch für die Bewohner, die keine Angehörigen mehr haben.

Natürlich spielt auch in der Senioren-WG der Tod eine Rolle. An einem großen Wandbild, das einen Baum zeigt, hängen die Fotos der Bewohner, die bereits verstorben sind. Ob beim Mittagessen, Basteln oder Spielen sind sie so irgendwie immer noch dabei. „Wir möchten, dass unsere Bewohner hier bis zu ihrem Lebensende bleiben können“, sagt Constanze Wesnigk, „wir haben dank Kooperationen mit der palliativen Pflege und den Hausärzten hier alle Möglichkeiten, dass unsere Bewohner hier in ihrem gewohnten Umfeld sterben können.“ Denn im Kreise der Familie – und sei es in diesem Falle die neugewonnene Familie der Senioren-WG – zu sterben, das wünschen sich vermutlich die meisten Menschen.

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