G9 und Inklusion. Mit diesen beiden Schlagworten lässt sich das Dilemma der Unnaer Schulleiter zusammenfassen. Denn beides bringt mehr Schüler an Schulen, die faktisch schon jetzt aus allen Nähten platzen.

Unna

, 10.10.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

19 Kinder mit Förderbedarf besuchen aktuell den 5. Jahrgang an der Peter-Weiss-Gesamtschule. 19 Kinder, die anderen Unterricht brauchen als ihre Klassenkameraden - und trotzdem dazu gehören. 19 Kinder, für deren optimale Ausbildung es Räume braucht: um sich auch mal „herausziehen“ zu können aus dem Alltag im Klassenraum, um punktgenau auf den Förderbedarf jedes dieser Kinder eingehen zu können. Räume, die es an der Peter-Weiss-Gesamtschule faktisch nicht gibt. Und die Schule ist damit kein Einzelfall in Unna.

Jetzt lesen

Arbeitskreis Bildung


Gewerkschaft erhöht den Druck

  • Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kurz GEW, hat in Unna mit einem Arbeitskreis Bildung ein Gremium geschaffen, in dem Schulleiter, Lehrer, Verwaltung, aber vor allem auch politische Mandatsträger miteinander über die dringend notwendigen Schritte für die Schullandschaft in Unna diskutieren können.
  • Auf dem aktuellen Treffen des Arbeitskreises betonten alle Schulleiter, dass die Schulverwaltung stets schnell reagiere und viel getan werde. Gleichzeitg vermisse man aber ein langfristiges Konzept, um angemessen und vor allem zügig auf Entwicklungen wie beispielsweise den Inklusionserlass oder die Rückkehr zu G9 reagieren zu können. Kerstin Heidler, zuständige Beigeordnete der Stadt, merkte an, dass die Stadt in diesem Bereich vom Land allein gelassen werde. „Die Regeln werden immer weiter verschräft oder geändert, ohne dass dafür ein finanzieller Rahmen geschaffen wird.“
  • Der Arbeitskreis will sich daher nun an die Landtagsabgeordneten wenden und sie nach Unna einladen, um ihnen vor Ort zu zeigen, was tatsächlich noch alles passieren muss, damit die vom Land beschlossenen Gesetze - wie beispielsweise die Rückkehr zu G9 - auch in der Realität funktionieren.
  • Außerdem werden alle weiterführenden Schulen, die Mitglieder in den Arbeitskreis entsandt haben, detailliert auflisten, wo bei ihnen jeweils „der Schuh drückt“ und ihren tatsächlichen Raumbedarf aufschreiben. Diese Liste wird an den Schulausschuss übergeben, damit die Ratsfraktionen sich einen Überblick verschaffen und über Lösungen beraten können.

„Das ist jetzt das erste Schuljahr, in dem nur noch wir Gesamtschulen Kinder mit Förderbedarf aufnehmen. Jetzt haben wir 19 Kinder im fünften Jahrgang. Wenn wir das weiterdenken, bis diese Kinder im 10. Jahrgang sind, werden wir jahrgangsübergreifend bei über 100 Kindern mit Förderbedarf angekommen sein. Da entsteht eine kleine Förderschule innerhalb unserer Schule. Die Frage ist: Wie können wir ihnen gerecht werden? Sicherlich nicht mit Fluren aus den 1960er-Jahren.“ - Das, was Schulleiterin Gabriele Sowka hier schildert, ist der Alltag an Unnas Gesamtschulen, nachdem die Landesregierung entschieden hat, dass Gymnasien grundsätzlich nicht mehr als „Schulen des gemeinsamen Lernens“ zur Verfügung stehen.

Die Gesamtschulen: Akuter Platzmangel für die Inklusion

Das heißt im Klartext: Alle Kinder mit Förderbedarf können in Unna nur noch an der Peter-Weiss- oder der Werner-von-Siemens-Gesamtschule angemeldet werden. Erst wenn die Kapazitäten dort überschritten sind, kommt auch die Hellweg-Realschule ins Spiel. Die Gymnasien sind außen vor.

Für die Gesamtschulen ergibt sich daraus vor allem ein Platzproblem. „Die Raumsituation ist bei uns extrem angespannt. Ich weiß auch, dass man nicht von heute auf morgen einen Neubau hinsetzen kann, aber was ich erwarte, ist ein Konzept, wie wir mit den Kindern des Gemeinsamen Lernens umgehen und wie wir auf sie vorbereitet sind“, sagt Hans Ruthmann, Schulleiter der Werner-von-Siemens-Gesamtschule in Königsborn. Um Kindern mit Förderbedarf gerecht zu werden, brauche man Differenzierungsräume, das sei längst Allgemeinwissen in einer modernen Pädagogik.

Doch diese Räume fehlen an beiden Gesamtschulen schon jetzt. „Wir haben in zwei Klassen des fünften Jahrgangs jetzt jeweils sechs Kinder mit dem Förderbedarf Lernen. Da wird es in Mathematik aber schon schwierig, wenn da Kinder dabei sind, die mit dem Zahlenraum bis 20 klarkommen, weiter aber nicht. Da können Sie nicht einfach unterrichten, da müssen Sie immer gucken, ob vielleicht irgendwo ein Raum frei ist, wo diese Kinder in Ruhe lernen können. Denn das personelle Potenzial, diese Kinder zu fördern, ist ja da: Da sitzen mittlerweile drei bis vier Erwachsene zusätzlich zum Lehrer mit im Klassenraum. Es fehlt einfach der Platz und das hat nichts mit modernen Konzepten zu tun“, schildert Gabriele Sowka die Situation an der Peter-Weiss-Gesamtschule.

„Es fehlt einfach der Platz und das hat nichts mit modernen Konzepten zu tun.“
GABRIELE SOWKA, SCHULLEITERIN DER PETER-WEISS-GESAMTSCHULE

Kinder mit Förderbedarf haben je nach Förderschwerpunkt Anspruch auf einen Schulbegleiter, der sie im Unterricht begleitet und ihnen hilft. Ganz abgesehen davon, dass diese Mitarbeiter im Klassenraum mit dabei sind, brauchen sie auch Aufenthaltsräume für die Pausen - denn in die Lehrerzimmer dürfen sie aus Datenschutzgründen nicht. Wie sehr die Konzentration der Kinder mit Förderbedarf den Unterricht an den beiden Gesamtschulen verändert, zeigt laut Hans Ruthmann auch ein Blick auf die Zahlen: „Wenn wir fünf Jahre vorausschauen, dann haben unsere beiden Gesamtschulen zusammen so viele Förderschüler wie die neu geplante Förderschule auf dem Bildungscampus.“ Mit dem Unterschied, dass es sich dabei um das Förderzentrum Unna, also eine auf die Bedürfnisse der Förderschüler ausgerichteten Schule handelt.

Jetzt lesen

Die Gymnasien: Defekte Fenster und marode Turnhallen

An den Gymnasien herrscht ebenfalls Platzmangel, allerdings aus einem ganz anderen Grund: Mit der Rückkehr zu G9 wird es zwangsläufig wieder zu einem doppelten Jahrgang kommen, wenn die letzten G8er und die ersten G9er vor ihrem Abschluss stehen. Aber eigentlich müssten ja Räume leer stehen, schließlich hat der achtjährige Weg zum Abitur ja einen Jahrgang „gespart“? Weit gefehlt.

Kaputte Fenster, marode Turnhallen und zu wenig Platz: Unnas Schulleiter schlagen Alarm

Wirklich einladend sieht der Schulhof des Ernst-Barlach-Gymnasiums nicht aus. Die Pläne für einen modernen Aufenthaltsbereich sind jedoch zunächst wieder hinten angestellt, der im Bild zu sehende Graben wird nun aber zumindest asphaltiert. © Raulf

„Die Klassenräume, die damals im alten G9 genutzt wurden, standen während G8 jetzt ja nicht leer“, sagt Ulrich Schmitz, Schulleiter des Ernst-Barlach-Gymnasiums (EBG). „Wir haben sie umgewandelt zu Lern- und Aufenthaltsräumen, die durch die längeren Schultage auch dringend gebraucht wurden.“

Jetzt lesen

Jetzt sei der Punkt, an dem man planen müsste, wie man sich auf den zusätzlichen Jahrgang durch G9 einstelle, meint Schmitz. „Doch genau das passiert nicht.“ Zudem erschwere ein massiver Sanierungsstau den Schulalltag. „Allein unsere Fensterflächen sind ein gutes Beispiel: Die sollen seit Jahren saniert werden, passiert ist nichts, außer dass ein Oberlicht mal festgeschraubt wurde, nachdem ein anderes plötzlich herabgestürzt war.“

Kaputte Fenster, marode Turnhallen und zu wenig Platz: Unnas Schulleiter schlagen Alarm

Bis zu 30 Grad heiß wird es hinter den Fensterscheiben des Geschwister-Scholl-Gymnasiums. Rollos oder Vorhänge gibt es nicht. © Raulf

Am Geschwister-Scholl-Gymnasium stellen die Fenster aus einem ganz anderen Grund ein Problem dar: „In den Sommermonaten ist es in den Räumen zur Südseite nicht auszuhalten“, sagt Schulleiterin Stephanie Friske. Keine Rollos, keine Vorhänge - es gibt faktisch nichts, das Schatten im Klassenraum spendet. Im Juni wandten sich Eltern und Lehrer an die Öffentlichkeit und die Stadtverwaltung und forderten eine Lösung. Die wird es vor 2021 wohl nicht geben, denn erst dann sind für „Sonnenschutz am Schulzentrum“ Gelder im Haushalt vorgesehen.

Das Pestalozzi-Gymnasium (PGU) steht derweil vor dem Problem, dass die Sporthallen im Umfeld der Schule nicht alle nutzbar sind. Mit der Wiedereinführung von G9 erhöht sich auch der Sporthallenbedarf - die beiden derzeitigen Hallen werden dann nicht mehr reichen, wenn G9 voll greift. Das PGU und die Peter-Weiss-Gesamtschule teilen sich die Hallen im Schulzentrum Süd.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Gesundheit

Mit tropischen Pflanzen zu mehr Erfolg im Bett: Unnaer Mediziner gibt ungewöhnliche Sex-Tipps

Hellweger Anzeiger Mit vielen Fotos

Umweltschutz macht keine Ferien: Wie Grundschüler den bewussten Umgang mit Papier lernen

Hellweger Anzeiger Neben dem Kamen-Karree

Das passiert neben Ikea und L‘Osteria: Namhafte Firmen in der Warteschlange

Meistgelesen