Alt und Jung unter einem Dach: „Salier“ entwickeln sich in zehn Jahren wie Großfamilie

dzMehrgenerationenwohnen

Das Pionierprojekt des Mehrgenerationenwohnens in Königsborn entwickelt sich wie eine Großfamilie. Jung und Alt unter einem Dach: Die Idee soll in Unna bald Nachwuchs bekommen: am Hertinger Tor.

Unna

, 23.09.2019, 14:31 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eis gibt es bei Marlies, das wissen die zwölf Kinder im Haus. Für Gummibärchen ist Antoinette zuständig. Das Schöne daran: Die Beinahe-Omas beziehungsweise -Tanten haben von diesen kleinen Geschäften mindestens genauso viel wie die Kinder. Sie freuen sich, wenn ihre kleinen Mitbewohner kommen. So funktioniert das Mehrgenerationenwohnen. „Ich habe es nie bereut, hierher gezogen zu sein“, sagt Marlies.

Nicht alles perfekt, aber es funktioniert

Es funktioniert freilich nicht alles perfekt in der großen Hausgemeinschaft der „Salier“ an der Effertzstraße. Dort wurde kürzlich der zehnte Geburtstag des Projekts gefeiert. Und einige Bewohner der Unnaer Pioniergemeinschaft zogen gern eine kleine Bilanz. „Es gibt auch mal unterschiedliche Meinungen. Es gibt auch mal Streit“, sagt Sigrid Oberländer. Sie gehört zu den Bewohnerinnen der ersten Stunde an der Effertzstraße. „Ja, es ist nicht immer so einfach, aber es funktioniert“, sagt ihre Mitbewohnerin Marlies Schilling. Putzpläne, die Gartenarbeit, die Organisation von Veranstaltungen wie nun zum Zehnjährigen - all das will organisiert werden, und um die anfallenden Arbeiten müssen die Zuständigen sich auch kümmern. Ein jüngerer Mieter zum Beispiel sei zuletzt einfach nie da gewesen. Der Mann lebe im Grunde bei seiner Freundin in einer anderen Standt, halte sich aber die vergleichsweise günstige Wohnung bei den „Saliern“ frei. Und das geht nicht. „Bei uns ist eben Mitarbeit erwünscht“, sagt Schilling. Solche Dinge müssen besprochen werden.

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Die Gemeinschaft hat das Sagen

Den Rahmen für regelmäßigen Austausch bilden zum Beispiel monatliche Zusammenkünfte, an denen möglichst alle Bewohner der 21 Wohnungen teilnehmen. Die Wohngemeinschaft hat Rechte, die Mieter normaler Mehrfamilienhäuser nicht haben. Ist eine Wohnung frei, bestimmt die Gemeinschaft, wer einzieht. Bei der Zusammensetzung soll immer auf eine gute Mischung Acht gegeben werden: ideal sind ältere, mittelalte und junge Menschen je zu einem Drittel. Vermieter ist die kommunale Wohnungsgesellschaft UKBS, die die Häuser an der Effertzstraße seinerzeit gebaut hatte.

Alt und Jung unter einem Dach: „Salier“ entwickeln sich in zehn Jahren wie Großfamilie

Bewohnerinnen der ersten Stunde: Marlies Schilling (l.) und Sigrid Oberländer können über Höhen und Tiefen des Wohnprojekts berichten. © Raulf

Neue Wohnprojekte lernen von den älteren

Erprobte Konzepte wie die regelmäßigen Treffen würden von jüngeren Wohnprojekten gern übernommen, berichtet Christiane Hahn. Sie ist die Vorsitzende des Vereins Neue Wohnformen Unna, unter dessen Dach die Salier entstanden sind. Sie selbst lebt im jüngsten Mehrgenerationenprojekt, in Unna-Mitte an der Mozartstraße.

Projekte

Vier Groß-WGs in Unna

Bisher gibt es vier Mehrgenerationenwohnprojekte unter dem Dach des Vereins „Neue Wohnformen“ in Unna:
  • „Salier“, Mietprojekt in Königsborn, Effertzstraße (21 Wohnungen)
  • „Große Wiese“, Mietprojekt in Massen, Nebenstraße der Bismarckstraße (30 Wohnungen)
  • „FortUNa“, Eigentumsprojekt in Unna-Mitte, Weberstraße (8 Wohnungen)
  • „bUNte Palette“, Mietprojekt in Unna-Mitte, Mozartstraße (25 Wohnungen)
Weitere Informationen, auch über eventuell freie Wohnungen, gibt es auf der Internetseite des Vereins: www.nwf-unna.de

Noch vor dem Dachverein hatte sich 2007 ein Interessentenstammtisch in Unna gegründet. „Das war der Schlüssel für den weiteren Projektverlauf“, sagt Werner Neumann. Er hatte als Leiter des Bereichs Wohnen, Soziales und Senioren die Neuen Wohnformen für die Stadt Unna begleitet und tut es noch heute nach seiner Pensionierung.

Höhen und Tiefen wie in einer Familie

Echten Nachwuchs gab es auch schon in der Wohngemeinschaft an der Effertzstraße, auch mit Trauer hat sich die Quasi-Großfamilie schon auseinandersetzen müssen. Und wie in einer echten Familie gehört alles „dazwischen“ eben auch dazu. Schöne Feste zum Beispiel: Ilse und Manfred Lippmann sind das älteste Paar im Haus. Sie haben schon in der Gemeinschaft ihre Diamanthochzeit gefeiert. Das haben Antoinette Haferkemper-Doll und ihr Mann Jörg Doll noch vor sich, aber sie sind auf dem besten Wege: Die beiden haben als „Salier“ geheiratet.

Fünftes Projekt geplant am Hertinger Tor

Und nun kündigt sich Nachwuchs für die Neuen Wohnformen an: Wie beim Fest der Salier zu erfahren war, ist ein fünftes Wohnprojekt am Hertinger Tor geplant. Dort sollen wie berichtet eine Schule und ein Kindergarten auf dem Gelände des früheren Sportplatzes errichtet werden. Daneben plant die UKBS Wohnbebauung. Man habe Interesse an einem weiteren Mehrgenerationenprojekt, bestätigte UKBS-Geschäftsführer Matthias Fischer im Gespräch mit unserer Redaktion. Weitere Details sollen später bekannt gegeben werden, wenn der Plan tatsächlich umgesetzt werden kann.

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