Ob Unna eine Fahrradstadt ist, wird hitzig diskutiert. Zumindest war Unna einmal eine Stadt mit eigenem Fahrradhersteller. Werner Wülfing erforscht die Geschichte einer Marke, die einst erstaunlich verbreitet war.

Unna

, 19.10.2019, 17:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

An Selbstbewusstsein hat es Walter Staby nicht gefehlt. In einem seiner Fahrradkataloge preist er Modelle an, die „aufs eleganteste ausgeführt und mit allen modernen und praktisch bewährten Neuheiten versehen“ seien, dabei in Qualität und Ausstattung „zweifellos Veranlassung zu belangreichen Nachbestellungen“ böten. Wer es verlangte, der bekam zu seinem „Roverkönig“ Zubehör wie Öllaternen, Fahrradglocken, allerhand Lederpacktaschen und auch einen Taschenrevolver zur Abwehr von Hunden. Das war 1898, als das Fahrrad einen revolutionären Auf- und Umbruch erlebte.

Radfahren mit einem Revolver zur Hundeabwehr

Das Deckblatt des Kataloges, der Werner Wülfing zufällig untergekommen ist. © Werner Wülfing

Walter Staby war Mitglied einer verzweigten Kaufleute-Familie in Unna. In seinem Laden kauften die Unnaer auch Waschmaschinen, Kochherde, Öfen und Nähmaschinen. Und in einer wohl überschaubaren Zeit war Staby auch eine Fahrradmanufaktur mit üppigem Angebot und deutschlandweitem Vertrieb.

Radfahren mit einem Revolver zur Hundeabwehr

Werner Wülfing ist Fahrradmensch durch und durch. Durch Zufall stieß er auf die Geschichte des „Roverkönigs“. © Udo Hennes

Werner Wülfing, Fahrradenthusiast und Kreisvorsitzender des ADFC, erforscht die Geschichte der Firma Staby. Es ist ein herausforderndes Projekt, denn die Quellenlage ist dünn. Selbst im Westfälischen Wirtschaftsarchiv gibt es für den „Roverkönig“ aus Unna keinen Eintrag. Ein wichtiges Fundstück hatte Wülfing durch Zufall im Internet-Auktionshaus Ebay entdeckt und gleich gesichert: Besagten Katalog aus dem Januar 1898, den der Fahrradforscher digitalisiert und dann dem Stadtarchiv zugeführt hat.

Das 32 Seiten starke Druckwerk war für die damalige Zeit aufwändig gemacht. Vor allem aber zeigte es ein erstaunliches Angebot. 14 verschiedene Modelle konnte man seinerzeit bei Staby bestellen. Dazu zählten gängige Baumuster vom Touren- oder Damenrad bis zu Rennrädern für die Straße und für die Bahn. Aber auch Exoten hätte Staby den Kunden auf Wunsch gebaut. So enthält der Katalog auch diverse Tandemmodelle, darunter einen Dreisitzer und ein Modell, dessen Rahmen Herren- und Damenradmerkmale kombiniert.

Radfahren mit einem Revolver zur Hundeabwehr

Sechs Beine strampeln kräftiger als vier – weshalb es in Stabys Katalog auch einen Dreisitzer gab. © Werner Wülfing

Vor dem Kauf in die Fahrradfahrschule

Trotz der klar definierten Modelle dürften Stabys Räder nicht in Serie, sondern erst auf Bestellung und mit viel Handarbeit gebaut worden sein. Über den nahen Bahnhof gingen die Räder dann in den Versand. In seinem Fahrradladen an der Bahnhofstraße verkaufte Staby offenbar auch Räder anderer Hersteller, das zeigt ein Plakat der Marke Puch, das auf einer alten Postkartenansicht an seinem Laden zu sehen ist. Stabys Räder waren offenbar etwas für Menschen mit höherem Qualitätsbewusstsein und auch für damalige Verhältnisse recht teuer. Fahrrad fahren zu können, war damals keine Selbstverständlichkeit. Staby bot seinen Kunden sogar Kurse an, in denen sie lernen konnten, das stählerne Pferd zu bändigen.

Radfahren mit einem Revolver zur Hundeabwehr

Ein Blick auf die Bahnhofstraße. Rechts liegt die Fahrradhandlung Walter Staby, Residenz des Roverkönigs. © Werner Wülfing

225 Mark etwa rief Staby für die „Original-Roverkönig-Tourenmaschine No. 1“ auf – in einer Zeit, in der der durchschnittliche Jahresverdienst eines Facharbeiters etwa 750 Mark betrug, wie Wülfing zur Einordnung erklärt. Der Vertrieb von Rädern bis in weite Teile des Reichs war ein ambitioniertes Vorhaben, Staby auf Wachstum aus. In Zeitungsannoncen suchte er nach Vertretern, die seine Produkte verkaufen sollten.

Radfahren mit einem Revolver zur Hundeabwehr

Mit dieser Annonce suchte Staby Vertriebspartner, die den Roverkönig deutschlandweit anbieten sollten. © Werner Wülfing

Über den Erfolg dieses Unternehmens ist wenig bekannt. Und auch zeitlich lässt sich nur schwer eingrenzen, wann die Roverkönige aus Unna zu ihren späteren Fahrern geschickt wurden. Vermutungen lassen sich aus der Geschichte des Fahrrades an sich ableiten, die zu jener Zeit eine starke Dynamik hatte. Staby selbst schreibt im 1898er-Katalog seinem „Strassenrenner No. 7“ zu, dass das zwölf Kilo schwere Rennrad „seit Jahren glänzend bewährt“ sei. Allerdings ist schon der Markenname „Roverkönig“ ein Hinweis auf das britische „Sicherheitsfahrrad Rover“, das als erstes modernes Fahrrad überhaupt gilt und 1884 vorgestellt wurde.

Im Ursprung war der „Rover“ ein Engländer

Mag die Erfindung des Fahrrades auch dem deutschen Freiherrn Karl von Drais zugeschrieben werden, der 1817 erstmals mit seinem aus Holz gebauten Laufrad durch Mannheim holperte, so ist das Fahrrad von heute doch eigentlich ein Brite. Es waren die Engländer, die damit begonnen, Fahrräder aus Stahlrahmen zu bauen und damit eine Fließbandfertigung zu ermöglichen. Und vor allem waren es die Engländer, die auf die Idee kamen, den Antrieb mit Kette und Übersetzung aufs Hinterrad zu legen. Das ermöglichte eine Abkehr von den sturzgefährlichen Hochrädern zum Niederrad und einen Vorderbau, der sich ohne Berührung der Beine frei drehen und zum Lenken benutzen ließ – eben das Modell „Rover“.

In Deutschland gilt die Dortmunder Firma Dissel und Proll als erste Fabrik, die Hochräder produziert hat. Das war 1879. Ob Walter Staby schon in dieser Epoche des Fahrradwesens Fahrzeuge verkauft hat, ist unbekannt.

Zur Jahrhundertwende erlebte das Fahrrad den Durchbruch

Die „Saison 1898“, aus der der von Wülfing gefundene Katalog stammt, stand für eine Zeit, in der die Menschen das Rad bereits entdeckt hatten, aber der große Durchbruch kurz bevorstand. 1893 hatte sich nach Wülfings Forschungen der erste Fahrradclub in Unna gebildet. Es war der „Radverein Freiweg“, dessen Vorsitzender, ein Herr Russ, an der Morgenstraße wohnte. Die Vereinstreffen fanden im Hotel „Deutscher Kaiser“ am Markt statt.

Radfahren mit einem Revolver zur Hundeabwehr

Heute hätte man wohl ein „Selfie“ mit dem Smartphone geschickt, meint Werner Wülfing. Hier ist es eine klassische, analoge Fotografie, auf der sich einer der Unnaer Fahrradclubs an der Gaststätte Doering ins Bild setzen ließ. © Werner Wülfing

Doch erst zur Jahrhundertwende schossen die Fahrradclubs in Unna regelrecht hervor. Im Mai 1900 wurde im Hellweger Anzeiger zur Gründung eines Vereins in Obermassen eingeladen. Im Juni schloss sich in Niedermassen die Gründung des Fahrradvereins „All Heil“ an. Zudem entstanden in dem Jahr der „Radfahrer-Verein Unna 1900“ und der „Arbeiter-Radfahrer-Verein Lünern“.

Was den Boom des organisierten Radfahrens erklärt, war neben der Aufhebung der Sozialistengesetze mit ihrem Vereins- und Versammlungsverbot auch ein deutlicher Preisverfall, durch den auch Menschen mit niedrigerem Einkommen Fahrradbesitzer werden konnten. Die Industrialisierung mit ihrer effizienteren Fertigung machte es möglich. Das Rad an sich fand weitere Verbreitung und leistete allmählich einen Beitrag dazu, ein Volk in Bewegung zu bringen.

Für die Hersteller allerdings bedeutete es einen Konzentrationsprozess. Wer nicht in entsprechende Fertigungsanlagen investierte, konnte der Preisentwicklung am Markt nicht folgen. Ob dies auch zum Sturz des „Roverkönigs“ aus Unna geführt hat, ist unklar. Die Unternehmung muss irgendwann später noch einmal verkauft worden sein. Dabei ist aber nicht bekannt, welches Geschäftsmodell der Metallwarenhändler mit eigener Fahrradproduktion zum Schluss noch verfolgt hat. Und so verläuft die Spur des Roverkönigs im Sand der Zeit.

Radfahren mit einem Revolver zur Hundeabwehr

Ein Blick ins Zubehör-Kapitel des Roverkönig-Kataloges. Die Lampen waren ölbetriebene Laternen. Dochte und Brennstoff gab es natürlich separat. © Werner Wülfing

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