Immer anders, immer für alle: Wie Peter Möbius in Unna die Soziokultur erfand

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Für Peter Möbius war jeder Mensch ein Künstler. Er selbst war jeweils die Art von Künstler, die ihm für seine Botschaft passend erschien. Wir erinnern an einen der streitbarsten kreativen Köpfe Unnas.

Unna

, 14.04.2020, 11:47 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wie nennt man es, wenn jemand im schwarzen Ausgeh-Anzug des 19. Jahrhunderts durch die Fußgängerzone geht, die Handglocke läutet, um dem Volk als „Kommerzienrat“ eine Abrechnung mit der Stadtverwaltung vorzutragen? Ist es Theater? Ist es Rhetorik? Peter Möbius selbst hätte gesagt: „Es ist angebracht.“

Denken in Schubladen und Kategorien war Möbius ein Graus. Ein Wikipedia-Eintrag beschreibt den Unnaer als Autor, Zeichner und Bühnenbildner. Das ist nicht falsch und greift dennoch zu kurz. Möbius war ein echter Universalkünstler, was die Wahl seiner benutzten Mittel angeht. Und doch war diese Wahl zweitrangig: Am Anfang stand immer eine Botschaft. Und sie war oft eine kontroverse.

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Kunst ist immer Trägerin einer Botschaft

Möbius‘ Auftritt als Kommerzienrat in der Fußgängerzone stand im Dienste des Kampfes um ein historisches Gebäude. Als der Dehne-Komplex an der Massener Straße großzügig überplant wurde, um dort eine Seniorenresidenz mit den heutigen Handelsflächen von Woolworth und Schuhhaus Hammerschmidt zu bauen, kämpfte eine Bürgerinitiative für den Erhalt eines historischen Gebäudes an der Massener Straße 20. Und Möbius ließ sich einiges einfallen, um Aufmerksamkeit zu gewinnen für dieses Thema.

Nur echt mit Hut: Ein kreativer und kritischer Kopf wie der von Peter Möbius trug ihn als Wahrzeichen.

Nur echt mit Hut: Ein kreativer und kritischer Kopf wie der von Peter Möbius trug ihn als Wahrzeichen. © Hennes

Kunst ist ein Weg, den jeder gehen kann

Nicht die Begeisterung für die Kunst als solche, sondern die Wirkung, die sie erzielen kann, waren für Möbius ein wichtiger Antrieb. Kunst hatte dem Menschen und der Gesellschaft zu dienen, statt sich in elitärer Selbstgefälligkeit zu baden. Für Möbius hatte jeder das Zeug zum Künstler. Und dies ließ er auch in seiner Wahlheimatstadt Unna viele Menschen selbst erfahren. Peter Möbius zählt zu Ideengebern und Antreibern vieler Projekt, in denen sich Hobbykünstler und Anfänger auf die große Bühne trauten, um damit lokale Kulturgeschichte zu schreiben.

Möbius war auch ein Vater der Lindenbrauerei

Zusammen mit seinem Bruder Ralph - besser bekannt als Rio Reiser - schrieb Autor Gerd Möbius modernes Musiktheater mit Botschaft. Die „Märzstürme“ über den Kapp-Putsch und die Arbeiteraufstände 1920 im Ruhrgebiet machten die Lindenbrauerei zur viel beachteten Kulturstätte und ihre Kellerräume zu einem Anti-Kriegs-Museum. Möbius darf als ein Urgestein der Soziokultur in Unna und als ein Vater des Kultur- und Kommunikationszentrums in der Lindenbrauerei gelten.

„Hoffmanns Comic Teater“ (wirklich ohne h!) galt als eines der frühesten Beispiele der Soziokultur, in deren Geist schließlich soziokulturelle Zentren wie das in der Lindenbrauerei entstanden. Dort erinnerte Möbius mit einer Ausstellung an die Theatergruppe und verwandte Projekte.

„Hoffmanns Comic Teater“ (wirklich ohne h!) galt als eines der frühesten Beispiele der Soziokultur, in deren Geist schließlich soziokulturelle Zentren wie das in der Lindenbrauerei entstanden. Dort erinnerte Möbius mit einer Ausstellung an die Theatergruppe und verwandte Projekte. © Udo Hennes

Am Anfang stand „Hoffmanns Comic Teater“

Soziokultur in Reinform war auch „Hoffmanns Comic Teater“ (ohne h), mit dem der gebürtige Berliner Möbius über Frankfurt am Main und Dortmund nach Unna kam. Das Projekt, in dem neben Peter Möbius auch sein Bruder Gerd C. Möbius, Filmemacher und Puppenspieler, später dann Claudia Roth und der Kabarettist Rainer Pause mitwirkten, verstand sich als Lehrlings-, Improvisations- und Mitspieltheater. Im Geiste dieses Jedermanntheaters schuf Möbius die Stadtoper „Das Wasser des Lebens“, für die sein Bruder Rio Reiser die Musik schrieb.

Den Rio-Reiser-Weg und das Rio-Reiser-Festival gibt es in Unna auch deshalb, weil sein Bruder, Mittexter und Nachlassverwalter Peter Möbius den Musiker in seine Projekte eingebunden hat.

Den Rio-Reiser-Weg und das Rio-Reiser-Festival gibt es in Unna auch deshalb, weil sein Bruder, Mittexter und Nachlassverwalter Peter Möbius den Musiker in seine Projekte eingebunden hat. © Udo Hennes

Nachlassverwalter für seinen Bruder Rio Reiser

Für seinen bereits 1996 verstorbenen Bruder betätigte sich Peter Möbius als Nachlassverwalter. Der Rio-Reiser-Weg an der Lindenbrauerei und das Musikfestival zu seinen Ehren stehen damit in einem Zusammenhang. Der nach außen hin so pointiert und kritisch denkende, formulierende und schaffende Peter Möbius war ein Verfechter der Freiheit, aber auch seiner durch und durch der Kunst zugewandten Familie verbunden. Möbius war verheiratet mit der Kostümbildnerin Sibyll Möbius und Vater der Schauspielerin Cäcilie Möbius. Nach langer Krankheit verstarb Möbius im Alter von 78 Jahren.

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