Es ist ein furchtbares Schicksal, das Millionen von Legehennen teilen. Sobald sie weniger Eier legen, werden sie getötet und zu Dünger oder Tierfutter verarbeitet. Eine Rettung ist möglich.

Unna

, 01.10.2019, 14:12 Uhr / Lesedauer: 3 min

Helga hört auf jeden Ruf. Das Huhn ist so zahm, dass Irene Müller es ohne Problem auf den Arm nehmen und streicheln kann. Äußerlich erinnert nicht mehr viel an das Schicksal, das die Henne mit Millionen Artgenossen teilt.

Helga war mal eine Legehenne. Eingesperrt in einem Stall. Möglicherweise sogar ein Freilandhuhn, das aber vor seiner Rettung nie den Himmel gesehen hat. Denn um ein Freilandhuhn zu sein, braucht es nicht mehr als die Chance, den Stall zu verlassen. Ob die Rangordnung das überhaupt zulässt, spielt keine Rolle.

Ein kurzes Hühnerleben

Ohnehin schien Helgas Leben von Beginn an limitiert. Sie durfte eigentlich kein Huhn sein, sondern war eine Eierlegemaschine, die mit wenigen Federn durch einen Stall lief, gefüttert mit der immer gleichen Futtermischung, die die Produktion ankurbeln sollte. Nach eineinhalb Jahren aber legen Hühner deutlich weniger Eier – und werden für viel Betriebe damit wertlos.

Mit Video: Rettung für ausgediente Legehennen: Lünernerin sucht (neue) Hühnerhalter

Hühner wie Helga sind nicht besonders anspruchsvoll, aber dankbare Tiere. Auch wenn sie in der Industrie ausgedient haben, legen sie noch Eier – allerdings werden das immer weniger. © Marcel Drawe

Ausstallung

Kooperation mit Landwirten

  • Die Ausstallungen nimmt „Rettet das Huhn“ nur bei kooperierenden Landwirten vor. Die Termine werden abgesprochen, die Initiative kommt mit rund 30 Helfern.
  • Grundsätzlich gibt der Landwirt die Hühner aus seinem Stall heraus. Sogenannte Läufer bringen sie zu den Transportfahrzeugen. Dort werden die Hühner einem ersten Gesundheits-Check unterzogen. Kranke Hühner werden nicht vermittelt. Alle übrigen Hühner werden an verabredeten Stellen an die neuen Adoptanten übergeben.

Allzu oft endet ihr Leben im Schlachthof, ihr Besitzer bekommt gerade einmal 10 Cent pro Huhn. Denn essen kann man sie nicht. Die Tiere sind auf Eierlegen hin gezüchtet, die meisten Schlachthühner werden sogar nur drei Monate alt. Ausgemusterte Legehennen wie Helga werden zu Katzenfutter oder Dünger verarbeitet.

Einige Tiere aber haben auch Glück. Denn es gibt den Verein „Rettet das Huhn“. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, Ställe von kooperierenden Landwirten zu leeren und sämtliche Hühner zu vermitteln. Eine solche Vermittlerin ist jetzt auch Irene Müller. Sie hat ein paar Hühner und den prächtigen Hahn Fridolin in ihrem Garten in Lünern. Nicht alle Tiere stammen wie Helga aus Rettungsaktionen. Aber alle fühlen sich wohl, vertragen sich mit der Hündin Suki, den Kaninchen der Müllers und der Katze Babe. Nur wenn Babe die Hühnerleiter blockiert, gackern die Hühner dagegen an.

Mit Video: Rettung für ausgediente Legehennen: Lünernerin sucht (neue) Hühnerhalter

Wenn Irene Müllers Katze Babe die Hühnerleiter blockiert, muss das Federvieh auf die Sitzstangen flattern. © Marcel Drawe

Wer mit Irene Müller in ihren Garten geht, sieht glückliche Hühner. Das Federvieh ist nicht anspruchsvoll und lässt sich gerne auch aus der Hand füttern. Dass sie mal als Legehennen ausgemustert wurden und nur mit wenig Federn bei den Müllers ankamen, sieht man den Hühnern nicht mehr an. Sie sind dick und puschelig, bringen Leben in den Garten.

Gemüse und Blumen einsperren

Anspruchsvoll sind Hühner nicht. Haben sie genug Auslauf, lassen sie auch die Grasnarbe ganz. „Nur mein Gemüse muss ich einsperren, sonst ist es weg“, lacht die Tierfreundin. Auch Blumen sind für Hühner ein Genuss. Kompromisse sind also nötig.

Eigentlich kann aber fast jeder zum Hühnerhalter werden, der den Tieren genug Platz bieten kann. Solche Tierfreunde sucht Irene Müller, die bei „Rettet das Huhn“ Ansprechpartnerin für den Kreis Unna und den Märkischen Kreis ist. Denn am 22. Dezember findet die nächste Ausstallung in einem sauerländischen Betrieb statt. Etwa 1500 Hennen suchen dann ein neues Zuhause.

Mit Video: Rettung für ausgediente Legehennen: Lünernerin sucht (neue) Hühnerhalter

Selbstgenähte Pullover gibt es für jedes Huhn dazu. Weil vielen Tieren Federn fehlen, frieren die Hühner schnell. Die Ställe, aus denen sie kommen, sind in der Regel 20 Grad warm. © Dirk Becker

„Den Termin hat der Betrieb vorgegeben“, erklärt Irene Müller. Ideal ist er für den Landwirt, für die Hühner eher nicht. Die Tiere kommen aus einem klimatisierten Stall und sind konstante Temperaturen von 20 Grad gewöhnt. Die dürften im Dezember draußen nicht herrschen. Die Hühner würden also frieren, denn viele haben nur wenig Gefieder.

Pullover für jedes Huhn

Da ist es gut, dass die Adoptanten für jedes Huhn gleichen einen Pullover mitgeliefert bekommen. „Wir haben Frauen, die nicht aktiv bei Ausstallungen dabei sind, uns aber helfen wollen. Die nähen die Pullover für alle Tiere“, berichtet Irene Müller. Die Pullover können den Hühnern dank der Klettverschlüsse übrigens einfach angezogen werden.

Mit Video: Rettung für ausgediente Legehennen: Lünernerin sucht (neue) Hühnerhalter

Wenn es eine Extraportion Futter gibt, eilen die Hühner schnell herbei. © Marcel Drawe

Vermittlung

Das ist der Weg zum eigenen Huhn

  • Wer sich dafür interessiert, selbst ausgestallte Hühner bei sich aufzunehmen, wendet sich über die Internetseite www.rettetdashuhn.de an die Tierschutzorganisation.
  • Über den Reiter „Ansprechpartner“ findet man auch die für den Kreis Unna und den Märkischen Kreis zuständige Irene Müller.
  • Beim Klick auf „Kontaktformular“ bekommt man zunächst einige Hinweise zur Vermittlung und nach einem weiteren Klick eine Maske, die ausgefüllt werden muss.
  • Zusätzlich zum Kontaktformular müssen Fotos vom Stall und vom Auslauf zugesendet werden.
  • Nach der Bearbeitung meldet sich die zuständige Ansprechpartnerin bei den Interessenten mit weiteren Hinweisen zu den Bedingungen und zur Übergabe. Sie beantwortet dann auch gerne noch offene Fragen.
  • Sollten Hühner krank werden und durch die neuen Halter nicht versorgt werden können, nimmt „Rettet das Huhn“ die Tiere auch zurück.

Je länger die Hühner in ihrem neuen Zuhause sind, desto weniger werden sie die Pullover benötigen. Denn die fehlenden Federn wachsen nach, die Hühner sind immer besser vor der Kälte geschützt. „Man kann zusehen, wie es den Hühnern Tag für Tag besser geht“, freut sich die Tierschützerin. All das ändert aber nichts daran, dass die Leistungshennen eine kürzere Lebenserwartung haben. Sie haben viel Energie verloren. Wer sie bei sich aufnimmt, bekommt zwar noch einige Eier von ihnen, kann sie aber nicht als Nutztier bezeichnen. Die Hühner sind eher neugierige Gartentiere.

Wer über „Rettet das Huhn“ Tiere bekommt, muss zwischen drei und 15 Hühner aufnehmen. Hühner sind Herdentiere, die aber nicht unbedingt einen Hahn brauchen. „Natürlich beraten wir auch gerne Menschen, die Interesse haben, aber bisher keine Hühner gehalten haben“, sagt Müller. Es versteht sich von selbst, dass die Tiere nicht geschlachtet werden dürfen und im Krankheitsfall auch tierärztlich versorgt werden sollten.

Grundsätzlich entsteht der Kontakt über das Internet. Unter www.rettetdashuhn.de sind alle Ansprechpartner für die jeweiligen Regionen zu finden, ebenso die Termine für die Ausstallungen.

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