Herausfinden, ob der ersehnte Beruf etwas für einen ist: Das geht für Schüler am besten durch ein Praktikum. Doch genau das ist in der Corona-Krise schwer zu bekommen.

Unna

, 17.11.2020, 12:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sieben oder acht Absagen, ganz genau weiß David es nicht mehr. Doch die Begründungen waren alle gleich: „Wir nehmen keine Praktikanten während der Corona-Krise.“ Diesen Satz bekam der 14-jährige Realschüler wieder und wieder zu hören, als er nach einem Praktikumsplatz fragte. Damit ist David nicht alleine: Der gesamte neunte Jahrgang der Hellweg-Realschule steht vor dem Problem, dass die Jugendlichen Praxiserfahrungen sammeln möchten, sie aber derzeit kein Unternehmen reinlässt.

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Davids Vorstellungen sind klar: Automechaniker möchte er gerne werden. Dass er das Pflichtpraktikum in der neunten Klasse in einem Autozentrum oder einer Werkstatt verbringen würde, stand außer Frage. Schon ein Jahr vorher fragte David bei seinem Wunsch-Unternehmen dafür an. „Da habe ich einen Termin bekommen, dass ich mich im September 2020 nochmal melden soll, dass das aber schon klappen wird“, erzählt der 14-Jährige. September 2020: Deutschland nähert sich der zweiten Corona-Welle. Und Davids auserkorener Praktikumsbetrieb sagt ab. „Zu riskant.“

Schülern fehlt das Erfolgserlebnis

Für den Neuntklässler eine bittere Erfahrung. Doch er fragt andere Betriebe, ruft Werkstätten an, weicht irgendwann auch auf seine Berufsalternative aus und fragt in einer Anwaltskanzlei nach einem Praktikum. Doch überall das Gleiche: „Sie haben alle wegen Corona abgesagt.“ Sieben Absagen auf eine Bewerbung - das ist schon für Erwachsene mental schwer zu verarbeiten, doch einen jungen Menschen, der gerade erst noch herausfinden möchte, welcher Beruf etwas für ihn ist, kann so etwas zutiefst verunsichern.

Ein Praktikum in einer Autowerkstatt oder einem Autozentrum: Dieser Wunsch bleibt für viele Schüler in der Corona-Krise unerfüllt. Die Betriebe haben Angst vor einer erhöhten Infektionsgefahr.

Ein Praktikum in einer Autowerkstatt oder einem Autozentrum: Dieser Wunsch bleibt für viele Schüler in der Corona-Krise unerfüllt. Die Betriebe haben Angst vor einer erhöhten Infektionsgefahr. © industrieblick - stock.adobe.com

Irene Schomaker beobachtet genau das bei ihren Schülern. „Nicht alle verpacken das so gut wie David“, sagt die Berufsberatungslehrerin der Hellweg-Realschule, „schließlich üben wir mit ihnen lange, wie sie am Telefon mit einem potenziellen Arbeitgeber sprechen und dann hagelt es nur Absagen. Da fehlt das erste Erfolgserlebnis.“ Doch Schomaker kann die Reaktionen der Arbeitgeber verstehen: „Sie sagen uns: Wenn ein Praktikant von außen kommt und dann krank wird, dann müssen wir den ganzen Betrieb dicht machen. Das können wir uns nicht erlauben.“

„Es ist absolut verständlich, dass die Firmen so reagieren. Nur für die Schüler ist es schlimm: Sie können ja nichts dafür und trotzdem stehen sie jetzt ohne jegliche Praxiserfahrung da.“
Irene Schomaker, Berufsberatungslehrerin an der Hellweg-Realschule

Kindergarten oder Krankenhaus fallen komplett weg

Pflegeberufe oder die Arbeit im Kindergarten - beide Berufsfelder waren unter den Realschülern in den vergangenen Jahren sehr beliebt. Und beides sind Bereiche, in denen jetzt gar nichts geht: „Da gibt es überhaupt keine Chance, dass Schüler dorthin gehen. Und das ist ja auch verständlich, gerade in diesen sensiblen Bereichen“, sagt Irene Schomaker. Die Voraussetzungen an der Hellweg-Realschule sind eigentlich ideal: Nicht nur ein, sondern gleich zwei Praktikumsblöcke sind für die Neuntklässler eingeplant. „Dadurch haben sie die Chance, sich in einem weiteren Berufsfeld umzusehen, wenn das erste nicht so gepasst hat. Oder sie vertiefen ihre Erfahrungen in dem ersten Unternehmen weiter.“

Zwei Wochen im Januar und zwei Wochen im April verbringen die Realschüler in ausgewählten Betrieben - eigentlich. Für das Januar-Praktikum sieht Irene Schomaker für die meisten Schüler jetzt schwarz. „Da ist einfach nichts zu machen. Ich kann den Schülern auch keine Praktikumsplätze anbieten, weil die Firmen mir natürlich das gleiche sagen.“ Sie hofft ebenso wie ihre Schüler auf den April. Denn das wäre für die Neuntklässler die letzte Chance Praxiserfahrungen zu sammeln.

Einem ganzen Jahrgang fehlt die Praxiserfahrung

Die Tagespraktika, die an der Hellweg-Realschule als erstes Hineinschnuppern in einen möglichen Praktikumsbetrieb vorgesehen sind, haben die aktuellen Neuner nämlich auch schon verpasst - wegen Corona. „Die waren im April, das war die erste Welle. Da wurde alles abgesagt“, sagt Irene Schomaker. Klappt das Praktikum im April 2021 auch nicht, dann fehlen einem kompletten Jahrgang die wichtigen Praxiserfahrungen. Denn einfach so nachgeholt werden kann das Praktikum in der zehnten Klasse nicht. „Das ist das entscheidende Schuljahr für den Schulabschluss, da passt kein Praktikum rein. Nicht ohne Grund finden die Praktika ja im neunten Schuljahr statt“, erklärt Irene Schomaker.

Ein Praktikum in der Kindertagespflege, wie hier auf einem Archivbild in der Pflegestelle "Kathrinchen", ist in diesen Zeiten undenkbar. Viele Schüler müssen sich umorientieren.

Ein Praktikum in der Kindertagespflege, wie hier auf einem Archivbild in der Pflegestelle "Kathrinchen", ist in diesen Zeiten undenkbar. Viele Schüler müssen sich umorientieren. © Marcel Drawe/Archiv

Einen Lichtblick gibt es dann doch: Esmeralda hat einen Praktikumsplatz gefunden, sofort, im ersten Anlauf. Die 15-jährige Mitschülerin von David wird im Januar zwei Wochen in einem Sportgeschäft mitarbeiten - ihrer Wunschbranche. „Das hat direkt geklappt. Ich hätte sonst auch gerne in einem Kindergarten gearbeitet, aber da war mir schnell klar, dass das in dieser Zeit nicht geht“, sagt die 15-Jährige. Der Einzelhandel oder überhaupt der kaufmännische Bereich, das scheinen in diesen Zeiten die einzigen Branchen, in denen Schüler als Praktikanten willkommen sind. Nicht nur für die Hellweg-Realschüler ist dies eine schwierige Situation - es droht eine Generation „Kein Praktikum“.

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