Warum Fritzi aus Unna das Fräulein Helene zum Essen gern hatte

dzGeheimschrift

Das Rätsel des Roverkönigs ist gelöst - und es offenbart tatsächlich eine schamlose Tat, zumindest für damalige Zeiten. Die Entschlüsselung zeigt, warum eine Postkarte aus dem Museum in Geheimschrift beschrieben ist.

Unna

, 25.03.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für Werner Wülfing war es die Ankündigung einer Straftat, die er aus einer verschlüsselten Postkarte im Hellweg-Museum las. „Kannibalismus“ schickte er dann noch hinterher. Und bemühte sich arg darum, sein Schmunzeln dabei nicht durchscheinen zu lassen. Nun ist der Corpus Delicti entschlüsselt und ein jeder Leser möge sich selbst ein Bild davon machen, wie es um die Schuld des Verfassers bestellt sei.

Hier noch einmal die Ansicht der Postkarte zum Nachrätseln, verbunden mit der Frage: Hätten Sie‘s gewusst?

Hier noch einmal die Ansicht der Postkarte zum Nachrätseln, verbunden mit der Frage: Hätten Sie‘s gewusst? © Hellweg-Museum Unna

Katja Bolzenius aus Holzwickede hat die außerirdisch wirkenden Schriftzeichen auf der 1901 verschickten Postkarte mit dem Motiv aus Unna lesbar gemacht und damit das Rätsel gelöst, das Wülfing als Zufallsfund bei seinen Recherchen über die Unnaer Fahrradmarke Roverkönig in die Hände gefallen war.

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Schriftsystem stammt von den Freimaurern

Sie setzte dafür auf eine Mischung aus systematischem Vorgehen und geduldiger Tüftelei. Einen Ansatzpunkt fand sie in einem Hinweis, den Wülfing schon bei seinem Rätselaufruf auf der Seite des ADFC-Kreisverbandes gegeben hatte. Sie überlegte sich, welche Geheimschriften zur Zeit um die Jahrhundertwende genutzt wurden und von wem. Schnell kam sie dabei völlig richtig auf die Freimaurer.

Das System, mit dem ein „Fritz“ unbekannten Nachnamens vor 119 Jahren an eine Helene Obermeyer in Arnsberg schrieb, erklärt Wülfing inzwischen als sogenannten Hühnerstallcode. Dieses Wissen allerdings erklärt im Grunde genommen nur, wie man den Schlüssel einsetzt und dreht. Zurechtschleifen muss ihn sich der Kryptologe vorher auch noch.

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Katja Bolzenius stieß wie zuvor Wülfings Leute auf einige zusätzliche Hindernisse, nämlich auf Eigenarten in der Rechtschreibung. Neben echten Fehlern finden sich auch volkstümliche Umformungen. Statt „Liebe Helene“ redete der Verfasser die Adressatin mit „Lieb Schätzerl“ an, und dass dort nur vier Buchstaben in der Anrede waren, ließ zunächst an eine Fremdsprache denken, was sich aber als Irrweg erwies. Ein anderes Mal stand dort „LIED“, wo eigentlich „LIEB“ hätte stehen müssen.

Kannibalismus oder wilde Leidenschaft?

Ein Pack-Ende für die Zuordnung von Symbolen zu echten Buchstaben lieferte ein Wort in einer Struktur, wie sie im Deutschen nur einige Male vorkommt: Vier Zeichen, die wie an einer Spiegelachse stehen. Konnte es „Anna“ sein? „Otto“? Mit viel Tüfteln fand Katja Bolzenius den Schlüssel: „ESSE“ stand dort. Im ganzen Satz: „LIEB MORDEN ESSE ICH DICH AUF GARANTIRE VOR NICHTS“. Wobei „morden“ aber auch ein Schreibfehler sein und „morgen“ meinen könnte.

Was Werner Wülfing als Ankündigung einer Straftat ausgegeben hat, ist aus heutiger Sicht vielleicht nicht einmal halb so wild, könnte im Jahr 1901 aber zumindest als etwas schlüpfrig aufgefasst worden sein. Insofern war es schon nachvollziehbar, dass Fritzi seinen Text verschlüsselt und die Hauswirtin von Fräulein Helene ein wenig geärgert hat.

Herzliche Grüße an alle von Fritz

Im Ganzen wirkt Fritz einfach wie ein verliebter Mann, der seiner Herzdame für Zehn nach Vier am Nachmittag sein Eintreffen am Bahnhof ankündigt und um einen Treffen dort bittet, der dem Fräulein Helene artig „HERZLICHE GRÜSZE AN ALLE“ aufträgt und sich einfach nur freut wie Bolle, dass er die Helene im fernen Arnsberg bald zu sehen bekommt. Wir wissen nicht, was die beiden wie lange getrennt hat. In einem ist sich Fritz aber sicher, wie sein Text verrät: „MORGEN LACHEN WIR BEIDE“ - und 119 Jahre später tun es vielleicht auch andere. Danke, Fritz!

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