Die Bäume an der Massener Straße verleihen der Innenstadt zurzeit ein befremdliches Bild. Der Rückschnitt war in diesem Jahr stärker denn je und ist ein Ausblick auf den Neubau der Fußgängerzone.

Unna

, 17.03.2020, 11:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ob die Bäume an der Massener Straße überhaupt noch Äste haben oder eher schon mit einem verzweigten Stamm in den Himmel ragen, ist Definitionssache. Fakt ist: Der Rückschnitt, mit dem die Stadtbetriebe regelmäßig das Fruchtholz der Kaukasischen Felsenbirnen entfernen, ist in diesem Jahr so drastisch wie noch nie ausgefallen.

Folge ist ein Bild, das wenig gemein hat mit dem eines Straßenbaumes in Westfalen. Im Gegenlicht der tief stehenden Sonne früh morgens oder abends haben die Stümpfe schon etwas Kakteenhaftes. „So krass würde man die Bäume nicht zurückschneiden, wenn sie weiter im Bestand gehalten werden sollten“, bestätigt auch Ralf Calovini, der Baumsachverständige der Unnaer Stadtbetriebe.

Rückschnitt war der letzte vor der Fällung

Calovini geht davon aus, dass der diesjährige Beschnitt der letzte ist, den die Stadt an der Krone dieser Bäume vornehmen wird. Für den Neubau der Fußgängerzone im Bereich Massener Straße werden sie gefällt. Eigentlich hätte dies bereits passiert sein sollen. Der Baubeginn für die Fußgängerzone war zunächst für Anfang 2020 geplant. Dann allerdings ging Unnas Fußgängerzone zur Überraschung der Stadt bei der Mittelvergabe der Städtebauförderung leer aus.

Die Stümpfe haben auch etwas Exotisches an sich, gleichen die Bäume noch nun Kakteen oder dem Joshua Tree aus der Mojawe-Wüste. Viel Grün werden die Unna in diesem Jahr nicht bieten.

Die Stümpfe haben auch etwas Exotisches an sich, gleichen die Bäume doch nun Kakteen oder dem Joshua Tree aus der Mojawe-Wüste. Viel Grün werden sie Unna in diesem Jahr nicht bieten. © Sebastian Smulka

Beschnitten worden waren die Bäume auch in den zurückliegenden Jahren. Grund dafür war ein Malheur bei der Planung der heutigen Fußgängerzone in den 1990er-Jahren. Seinerzeit entschied sich die Stadt für die Anpflanzung der „Kaukasischen Felsenbirne“, auch im Vertrauen darauf, dass diese Bäume keine Früchte tragen würden. Nach einigen Jahren wurde klar: Sie tragen doch, sofern sie niemand daran hindert.

Herabgefallene Mini-Birnen im Spätsommer waren in mehrfacher Hinsicht ein Ärgernis. Die Früchte regneten auf Warenaufsteller der Händler, bildeten am Boden schnell ein Mus, das die Fußgängerzone zur Rutschbahn machte und mit seinem süßlichen Duft Wespen anlockte. „Wir hatten ein echtes Haftpflichtproblem. Deshalb waren schon in den vergangenen Jahren die Äste ausgelichtet worden, die die Früchte getragen hätten“, so Calovini.

Früher allerdings geschah dies mit der Rosenschere. Nun wurde direkt am Stamm die Kettensäge angesetzt. Das war einfach einfacher.

Viel Grün werden die Bäume in diesem Jahr nicht mehr bringen

Wie stark die Bäume aus diesen Stümpfen noch einmal austreiben können, werden vermutlich schon die kommenden Wochen zeigen. Der Frühling naht, die Temperaturen sollen in den kommenden Tagen deutlich steigen. An das gewohnte Frühlings- und Sommerbild werden diese Stadtbäume aber nicht mehr herankommen.

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Im nächsten Jahr soll dann spätestens der Neubau der Fußgängerzone beginnen. Auch er wird die Stadt Grün kosten. Die Zahl der Bäume zwischen Altem Markt und Lindenbrauerei wird dabei reduziert. Nur noch neun Pflanzinseln sind vorgesehen. Zudem gibt es nur noch eine Baumreihe anstelle von zweien.

Die Kaukasischen Felsenbirnen werden dann aus der Fußgängerzone verschwinden. Als Baum der Zukunft schlägt die Stadt nun den Amberbaum vor. Der aus Amerika stammende Baum hat einen ähnlich schlanken Wuchs wie die Felsenbirne, trägt aber keine Früchte. Im Spätsommer und Herbst färben sich seine tief gezackten Blätter rot ein, ähnlich wie die eines Japanischen Ahorns. Der Baum sei auch deshalb ausgewählt worden, weil er mit hohen Temperaturen, wie sie der Klimawandel sie mit sich bringt, besser klar kommt.

Baum der Zukunft ist an der Massener Straße nach derzeitigem Planungsstand der Amerikanische Amberbaum, der im Spätsommer und Herbst mit seinen dann rötlich färbenden Blättern einen Akzent setzen dürfte.

Baum der Zukunft ist an der Massener Straße nach derzeitigem Planungsstand der Amerikanische Amberbaum, der im Spätsommer und Herbst mit seinen dann rötlich färbenden Blättern einen Akzent setzen dürfte. © picture alliance / dpa-tmn

Der Umgang der Stadt mit Bäumen steht in Unna seit geraumer Zeit unter kritischer Beobachtung der Bürger. Unzufriedenheit ist an mehreren Stellen und aus unterschiedlichen Gründen entstanden. So musste an der Alten Post im November eine einst als Naturdenkmal geschützte Blutbuche gefällt werden, weil der Baum nicht mehr standsicher war und die Passanten gefährdet hatte.

Obwohl der Kreis Unna der privaten Eigentümerin einen Zuschuss für eine Neuanpflanzung zugesichert hat, ist das Beet seitdem verwaist. Viel Grün war aber auch auf dem Gelände der Mühle Bremme verschwunden, das nun in ein Einkaufszentrum verwandelt werden soll.

Baumarme Innenstadt zum Teil so geplant

An der Massener Straße hat sich dagegen eine Planung durchgesetzt, in der Bäume einfach nicht den Stellenwert haben, den der Entwurf aus den 1990er-Jahren hatte.

Noch im vergangenen Jahr gab es Vorschläge, das Ausbleiben der Fördermittel für eine Überarbeitung der Pläne zu nutzen und mehr Grün einzusetzen. Mit Blick auf die Fristen für eine erneute Beantragung der Zuschüsse nahm die Politik dann aber noch Abstand davon.

Dass das Grün im öffentlichen Raum abnimmt, sieht man aber an vielen Stellen der Stadt. Stadtweit gibt es über hundert verwaiste Baumscheiben, deren frühere Bepflanzungen durch Klimawandel oder zu knappen Wurzelraum krank geworden waren und daraufhin gefällt werden mussten.

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