Briefe mit verdächtigem Pulver zu verschicken, ist eine einfache und sichere Methode, Angst zu schüren und den gewohnten Ablauf des Alltag zu stören. Gerade darin scheint für die Täter der Gewinn zu liegen.

Unna

, 12.03.2020, 14:22 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wer macht denn so etwas? Diese Frage drängt sich auf, wenn irgendwo ein Brief mit einem unbekannten und verdächtig wirkenden Pulver eingeht, der nach seiner Öffnung ein Großaufgebot von Polizei und Feuerwehr beschäftigt. Selten kann man die Frage beantworten. Und wer es mit mit einer Vermutung versucht, steht damit schnell auf wackeligen Beinen.

Ein mögliches Motiv für die Pulverbriefe der zurückliegenden Monate ist naheliegend: die Wirkung, die so ein Brief erzielt, wenn er geöffnet wird. Irgendjemand hat Angst. Irgendwo stehen für einige Stunden die Räder still. Bilder von Feuerwehrleuten in Seuchenschutzmontur finden ihren Weg in und durch die Öffentlichkeit.

Die unlösbare Frage nach dem Warum

Aber schon zu der Frage, wonach sich so ein Täter eigentlich die Opfer aussucht, fällt selbst das Spekulieren schwer. Der Fund im Büro einer Zeitarbeitsfirma könnte vielleicht von einem enttäuschten Mitarbeiter stammen. Briefe an Medienhäuser lassen vielleicht eher an ein politisches Motiv denken. Aber würde so ein Mensch auch den Betrieb in einer Grundschule lahmlegen? Ist diesem Menschen klar, dass er Kinder verängstigt? Dass er Rettungsdienstmitarbeiter davon abhält, echte Gefahren abzuwehren und Menschen zu retten?

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ABC-Alarm für die Kinder der Dorfschule

Die Liedbachschule in Billmerich war im Januar Ziel einer verdächtigen Briefsendung. Schulleiterin Silke Ungelenk und ihre Sekretärin waren mit dem Brief in Kontakt gekommen. Kinder mussten in ihren Klassen bleiben. Eltern gerieten in Sorge. Die Polizei riegelte das Gelände ab, während die Feuerwehr den Brief sicherte und das Pulver analysierte. Es waren unwirkliche Szenen im idyllischen Billmerich. Mit zwei Monaten Abstand fällt es schon wieder schwer, sich so etwas vorzustellen.

„Damals war es eine riesige Sache, aber ich habe damit abgeschlossen und mag auch gar nicht mehr drüber sprechen“, sagt Schulleiterin Ungelenk. Sie selbst, ihre Kollegin, aber auch Kinder und Eltern scheinen den Vorfall gut weggesteckt zu haben. „Es gab Gesprächsangebote auch an die Eltern, die dann aber nicht wirklich gefragt waren“, blickt Silke Ungelenk zurück. Entscheidend war vermutlich, dass die Spezialisten der Feuerwehr aus Dortmund die Substanz schnell als ungefährlich bestimmt hatten. „Es waren einfach alle erleichtert, dass es nur das war, was es war“, fasst die Schulleiterin die Reaktion in der Schulgemeinde zusammen. „Es hat keinen nachhaltigen Schaden angerichtet“, betont sie. Aber die eingehenden Briefe schaue man sich nun doch etwas genauer an.

Auch wenn es am Ende immer eine harmlose Substanz war, die aus den Briefen gerieselt ist, fährt die Feuerwehr ein Großaufgebot auf. Für die Analyse der Substanz kommt eine Spezialeinheit aus Dortmund mit einem mobilen Labor.

Auch wenn es am Ende immer eine harmlose Substanz war, die aus den Briefen gerieselt ist, fährt die Feuerwehr ein Großaufgebot auf. Für die Analyse der Substanz kommt eine Spezialeinheit aus Dortmund mit einem mobilen Labor. © Udo Hennes

Wirklich vergessen lässt sich so ein „Anschlag“ nicht

Es ist eine typische Folge bei Menschen, die eine so diffuse Bedrohungslage erleben mussten. Der Mensch neigt zum Verdrängen. Psychologische Nachsorgeangebote von der Polizei werden in der Regel ausgeschlagen. Aber vergessen lässt sich das Erlebte eben nicht. Ein leichtes Unbehagen beim Erledigen der Post bleibt doch.

Vorsorge braucht auch „Bauchgefühl“

Die Angst in Tüten trifft die Opfer unvorbereitet. Vorbeugen lasse sich kaum, erklärt Polizeisprecherin Vera Howanietz. „Wir können keinen sicheren Tipp zur Vorbeugung geben, kein Non-plus-ultra ausgeben. Wenn einem ein Brief verdächtig erscheint, weil er keinen Absender trägt oder irgendwie bedrohlich wirkt, sind Fingerspitzen- und Bauchgefühl gefragt. Wichtig: Die Polizei anrufen kann man immer.“

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Im vergangenen Jahr sechs Fälle im Kreis

Sie nahm im vergangenen Jahr kreisweit sechs Fälle zu Protokoll, in denen ein Brief mit verdächtigem Pulver für Verunsicherung sorgte. Fünf davon erreichten Empfänger in Unna. Die Aufklärungsquote: null.

Die Polizei tut sich schwer damit, Ermittlungsansätze zu finden. Natürlich kann sie Spuren sichern. Sie kann Fingerabdrücke aufnehmen und DNA ermitteln. Manchmal liegt auch eine Schriftprobe des Täters vor, wenn er seinen Umschlag von Hand adressiert. Aber solange es keinen Verdächtigen gibt, mit dem man diese Spuren abgleichen kann, bringt das alles wenig.

Dieser Brief mit einem verdächtigen Pulver war an die Mantelredaktion unseres Pressehauses am Ostring adressiert – sogar von Hand, was den Täternachweis erleichtern könnte, würde es denn einen Verdächtigen geben.

Dieser Brief mit einem verdächtigen Pulver war an die Mantelredaktion unseres Pressehauses am Ostring adressiert – sogar von Hand, was den Täternachweis erleichtern könnte, würde es denn einen Verdächtigen geben. © Anna Tiemann

Offen ist zudem, was man dem Absender eigentlich anlasten kann. In allen Fällen hat sich die verdächtige Substanz am Ende nicht als Krankheitserreger oder Kampfmittel erwiesen, sondern um eine haushaltsübliche Substanz in Pulverform: Waschmittel, Backpulver, Mehl, Salz und Zucker sind die Klassiker unter den Verdacht erregenden Briefinhalten.

Objektiv müssen die Täter damit rechnen, dass man ihnen keine Bedrohung, sondern eine Verängstigung und Verärgerung nachsagt. Und – das mag schwerer wiegen – dass man ihnen die Kosten eines Großeinsatzes in Rechnung stellt.

Bislang noch keiner der Täter vor Gericht gestellt

Die Polizei ermittelt in solchen Fällen zunächst mit dem Verdacht der „Störung des öffentlichen Lebens durch Androhen einer Straftat“, und von der Staatsanwaltschaft ist überliefert, dass sie einen Fall auch damit zur Anklage bringen würde. Aber was Recht und Unrecht ist, entscheiden am Ende die Gerichte. Und bislang musste sich noch keiner der Pulverversender dort verantworten.

Einfache und sichere Methode, Angst und Störung zu produzieren

Möglichwerweise ist es auch das, was diese Art des Terrors für den oder die Täter so attraktiv macht. Es kostet nicht viel Mühe, einen solchen Brief aufzugeben, das Entdeckungsrisiko ist gering und die erzielte Wirkung bequem in der Zeitung nachzulesen. Es ist ist ein feiger Schuss aus der sicheren Deckung, mit dem sich Angst verbreiten lässt.

Täter darf eindeutig als psychisch gestört gelten

Was es dem Tätern gibt, ist reine Spekulation. Geht es ihm um die Angst der Empfänger? Um die Aufmerksamkeit? Oder ist es ein Gefühl von Macht, das der Anonymus angesichts seiner erzielten Wirkung erfährt? Meinungen gibt es viele dazu, Fakten nicht.

„Wir hatten noch nicht den Fall, dass wir einen Täter danach fragen konnten“, verweist Polizeisprecherin Vera Howanietz auf die Nullquote beim Ermittlungserfolg. Und so seien die Motive des Täters reine Spekulation. Auch der angesehene Kriminologe Professor Dr. Thomas Feltes, langjähriger Lehrstuhlinhaber in Bochum, winkt ab. „Fragen sie den Psychiater ihres Vertrauens!“, sagt er. „Aus meiner Sicht kann es sich nur einen psychisch gestörten Menschen handeln, somit also um Einzelfälle, von denen sich nichts Allgemeines ableiten ließe.“ Sogar die Forensiker des LWL, Fachleute für Straftäter mit psychischer Störung, müssen dazu passen: Ohne einen Täter konkret begutachtet zu haben, seien Mutmaßungen bezüglich seiner Motive unseriös.

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