Hartmut Hegeler hat gemeinsam mit Jürgen Düsberg die Grabsteine in der Evangelischen Stadtkirche Unna erforscht. Er veröffentlicht nun spannendes Details aus der Unnaer Geschichte. © Privat
Kultur

Pest, Katastrophen und ein Pfarrer mit vier Frauen: Geheimnisse der Stadtkirche gelüftet

Oft finden sich die spannendsten Geschichten im Verborgenen: Die Grabsteine in der Stadtkirche Unna haben viel mehr Bezüge in die Gegenwart, als man vermuten würde.

Die Stadtkirche Unna ist im Gespräch: Die Sanierung der Turmfassade schreitet voran und seit dieser Woche werden die „Höllenhunde“ genannten Wasserspeier wieder auf der Turmbalustrade befestigt. Doch auch im Innern des Gotteshauses findet sich viel Gesprächsstoff: Kaum eine Kirche in Westfalen kann so viele Grabsteine als steinerne Zeugen ihrer führenden Persönlichkeiten aufweisen. Hartmut Hegeler hat ihre Geschichten nun in einem Buch zusammengefasst – und damit erstmalig eine Dokumentation der Grabsteine vorgelegt.

Lebensdaten, Familienwappen, Beziehungen, Beruf, Schicksalsschläge: Ein Grabstein kann viel aussagen über denjenigen, dem er gewidmet ist. In der Stadtkirche Unna finden sich zahlreiche Grabsteine von prominenten Bürgern Unnas, die hier bestattet wurden: Bürgermeister, Pastoren, Richter, Adelige sowie deren Frauen und Kinder. Lange bildeten die Grabplatten den Fußboden der Kirche und wurden von vielen Schritten der Gottesdienstbesucher abgetreten. 1911 wurden sie angehoben und an den Seitenwänden aufgestellt; viele von ihnen sind schwer beschädigt.

Über mehrere Jahre arbeiteten Hartmut Hegeler (links) und Jürgen Düsberg an den Übersetzungen der Grabstein-Inschriften. Erschwert wurden ihre Recherchen durch fehlende Grabstein-Teile und durch zugebaute Grabsteine.
Über mehrere Jahre arbeiteten Hartmut Hegeler (links) und Jürgen Düsberg an den Übersetzungen der Grabstein-Inschriften. Erschwert wurden ihre Recherchen durch fehlende Grabstein-Teile und durch zugebaute Grabsteine. © Archiv/Anna Gemünd © Archiv/Anna Gemünd

Schrank verdeckt Inschrift: Grabsteine wurden einfach zugebaut

Nicht alle Grabsteine sind leicht zu finden: Es gibt 15 Grabsteine, die kaum ein Gottesdienstbesucher wohl bisher gesehen hat. In einem Nebenraum wurden sie einst durch einen Treppenaufbau zu der Orgelempore vor Jahrzehnten überbaut und zusätzlich durch Einbauschränke verdeckt – nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine Recherche, wie Hartmut Hegeler sie anging. Doch seine akribische und mehrere Jahre dauernde Arbeit – unterstützt von Jürgen Düsberg – hat sich gelohnt: Erstmalig sind die Grabsteine der Stadtkirche Unna nun vollständig dokumentiert.

Geschichte, versteckt hinter einem Treppenaufgang: Die Treppe zur Orgelempore wurde vor 15 Grabsteine gebaut. Diese Steine zu entziffern, stellte für Hartmut Hegeler eine besondere Herausforderung dar.
Geschichte, versteckt hinter einem Treppenaufgang: Die Treppe zur Orgelempore wurde vor 15 Grabsteine gebaut. Diese Steine zu entziffern, stellte für Hartmut Hegeler eine besondere Herausforderung dar. © privat © privat

Und sie erzählen faszinierende Geschichten, beispielsweise die der Familie Davidis. Wer heute von einem „Pfarrer mit vier Frauen“ hört, vermutet womöglich einen Skandal, doch hinter dem Lebenslauf von Thomas Davidis steckt etwas ganz anderes.

Alle Fakten zum Buch

Ab sofort bei Hornung erhältlich

  • Das Buch „Geheimnis der Grabsteine in der Evangelischen Stadtkirche Unna – Menschen und ihre Schicksale.“ ist ab sofort in Unna in der Buchhandlung Hornung erhältlich.
  • Der Verkaufspreis beträgt 24,90 Euro. Das Buch ist als Band 61 Teil der Schriftenreihe der Stadt Unna, Analysen und Meinungen.
  • Die Publikation konnte erscheinen durch Zuschüsse zu den Druckkosten von dem Ausschuss für Bildung und Kultur des Kreises Unna, der Sparkasse UnnaKamen, der Bürgerstiftung Unna, der Stadtwerke Unna GmbH, der Zurbrüggen Wohn-Zentrum GmbH, der UKBS und dem NRW-Heimatministerium.

Geboren im Jahr 1608, sollte Thomas Davidis das für damalige Zeiten biblische Alter von 81 Jahren erreichen. Es waren 81 Jahre, die von schweren Schicksalsschlägen und großem Engagement geprägt waren.

Sein privates Glück währte stets nur kurz: Seine erste Frau Catharina Buno starb an der Pest, auch seine zweite und dritte Frau starben bereits nach wenigen Ehejahren. 13 Jahre blieb er nach dem Tod seiner dritten Frau allein, bis er sich noch einmal zu einer Heirat entschloss. Doch auch seine vierte Ehefrau starb früh – acht Jahre vor Davidis‘ eigenem Tod.

Sturm zerstörte 1660 das Kirchendach

Auch beruflich war sein Leben alles andere als ruhig: Davidis arbeitete schon als 23-Jähriger als Pfarrer in Unna und erlebte das bis dato größte Sturmereignis in Unna mit, das schwere Folgen für die Stadtkirche hatte. Im Dezember 1660 warf ein Sturm den gotischen Turmhelm der Stadtkirche auf das südliche Kirchendach. Die Parallelen zu dem Sturz der Steinsäule auf das Kirchendach in Folge des Sturms „Friederike“ 2018 sind fast schon erschreckend. Doch auch damals war die Unterstützung für die Reparatur der Kirche groß: Thomas Davidis rief seine Gemeinde immer wieder dazu auf, für die Erneuerung des Gewölbes zu spenden. Mit Erfolg: Drei Jahre nach dem Sturm hatte die Kirche ein neues Dach – und das, ohne dass andere Gemeinden um finanzielle Hilfe gebeten werden mussten.

Wirklich gewürdigt wurden viele der Grabsteine in der Stadtkirche Unna bisher nicht: Auf diesem Exemplar wurde sogar ein Stromkasten montiert.
Wirklich gewürdigt wurden viele der Grabsteine in der Stadtkirche Unna bisher nicht: Auf diesem Exemplar wurde sogar ein Stromkasten montiert. © privat © privat

Geschichte wiederholt sich – das trifft im Fall der Familie Davidis ganz besonders zu, wie ein weiterer Grabstein aus der Stadtkirche verrät. Thomas Balthasar Davidis folgte in den Fußstapfen seines Großvaters und wurde 1691 lutherischer Stadtprediger in Unna.

1723 ging das Kirchendach in Flammen auf

In dieser Funktion erlebte er den Stadtbrand von 1723 mit, bei dem die Turmspitze, die Glocken und das Kirchendach der Stadtkirche zerstört wurden. Wieder war es ein Davidis, der sich um den Wiederaufbau der Stadtkirche kümmerte. Dass Thomas Balthasar Davidis am 18. Januar 1730 starb, mag da wie ein Wink des Schicksals aussehen: Auf den Tag genau 288 Jahre nach seinem Todestag zerstörte Sturm „Friederike“ das Kirchendach erneut.

Solche Verbindungen findet nur, wer genau hinsieht. Genau hinsehen und die eigene Stadtgeschichte neu entdecken: Das Buch von Hartmut Hegeler lädt genau dazu ein. Denn die spannendsten Geschichten sind eben oft die, die im Verborgenen liegen.

Lange bildeten die Grabplatten den Fußboden der Kirche und wurden von vielen Schritten der Gottesdienstbesucher abgetreten. 1911 wurden sie angehoben und an den Seitenwänden aufgestellt. © Hegeler/Düsberg © Hegeler/Düsberg

Die Stadtkirche Unna ist momentan an den Markttagen Dienstag und Freitag vormittags in der Zeit von 10 bis 13 Uhr geöffnet.

Über die Autorin
Redaktion Unna
Sauerländerin, Jahrgang 1986. Dorfkind. Liebt tolle Geschichten, spannende Menschen und Großbritannien. Am liebsten draußen unterwegs und nah am Geschehen.
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Anna Gemünd
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