Dieses Projekt könnte die „eierlegende Wollmilchsau“ sein, wenn es den Weg durch die Behörden schafft: Eine Landwirtin in Mühlhausen plant eine Photovoltaikfläche: mit Blühstreifen für Bienen und Platz für frei laufende Hühner.

Mühlhausen

, 11.04.2019, 18:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Katrin Westermann fand Ackerflächen immer zu schade für Photovoltaikanlagen. Die Mühlhausenerin ist mit der Landwirtschaft ihrer Familie groß geworden und weiß um den Wert fruchtbaren Bodens. Seit 2012 ist sie Inhaberin ihres elterlichen Hofes; ihn nur auf herkömmliche Weise bewirtschaften, das möchte sie aber auch nicht. Neue Ideen erhielt sie unter anderem im Rahmen ihres Agrarwissenschaftsstudiums mit dem Schwerpunkt Ökolandbau, auch bei ihrer beruflichen Tätigkeit als Beraterin für Landwirte und für den Maschinenring, eine landwirtschaftliche Organisation, in der Erfahrungen ausgetauscht und Maschinen geteilt werden. Ihre Vision für ihren Heimatort ist eine Photovoltaikfläche, auf der gleichzeitig weitere Dinge passieren. Ihr schweben auch moderne Hühnerhaltung und Blühflächen für Insekten vor.

Fahrbarer und sichtbarer Hühnerstall

Zwischen den Solarpanelen soll ein Hühnermobil stehen. Das ist ein Stall auf Rädern. Hühner können von dem Mobil aus „ausschwärmen“ und auf einer Freifläche scharren und fressen. Hühnermobile müssten normalerweise regelmäßig umgesetzt werden, da sich die Vögel sonst überwiegend auf einem Fleck aufhielten, erklärt Westermann. „Sie laufen nicht weit weg aus Angst vor dem Habicht.“ Die Solarpanele könnten den Tieren Deckung bieten, sodass sie über die ganze Freifläche laufen. Eier aus Legebatterien werden von vielen Verbrauchern inzwischen abgelehnt. Freilandhaltung wird vielfach gleichgesetzt mit Tierwohl. Diesen Trend möchte Westermann aufgreifen. „So ein Hühnermobil muss gesehen werden“, sagt sie. Verbraucher, die freilaufende Hühner sehen, seien auch bereit, etwas mehr Geld für deren Eier zu bezahlen.

Auf der Fläche, die sie für ihr Projekt ins Auge gefasst hat, wäre diese Sichtbarkeit möglich. Das Feld liegt zwischen der B1 und der Strecke der Hellwegbahn, an der Kurve der Heerener Straße, die ins Dorf Mühlhausen führt. Ihr Ziel: Die Menschen sollen sehen, wie die Hühner dort leben, gleichzeitig, wie Strom aus Sonnenenergie erzeugt wird.

Stauden und Sträucher für bedrohte Insekten

Was Besucher ebenfalls sehen sollen, ist ein Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Das Thema Insektensterben ist inzwischen in aller Munde. Katrin Westermann, die auch ausgebildete Imkerin ist, weiß schon länger, dass die heimische Insektenwelt dringend Hilfe benötigt. Und damit meint sie nicht nur „ihre“ Honigbienen, sondern vor allem auch die bedrohten Wildbienen. So soll ihr Projekt auch dazu einen Beitrag leisten. Akelei, Witwenblume, Eisenhut und Glockenblume, als Einfassung blühende Sträucher und Gehölze: Mit solchen Pflanzen will Westermann durchgehend von Mai bis September Insekten Futterpflanzen anbieten. Die Auswahl der Stauden soll mit bedacht erfolgen, denn nicht jede Wildbienenart mag jede Pflanze. Blumen, die Sonne brauchen, sollen neben den Solarpanelen gedeihen, Schattenstauden darunter. Wie die frei laufenden Hühner sollen Interessierte auch die Blühflächen und deren „Nutzer“ sehen können. Insektenhotels plant die Initiatorin auch als Beitrag zur Umweltbildung. Dass Menschen sich dafür interessieren und begeistern lassen, weiß Westermann nicht nur von ihren eigenen Kindern, sondern auch von ihren Projekten in Kindergärten.

Genossenschaft mit Bürgerbeteiligung

Hühnermobil und Bienenweide auf einem Feld: Beides wäre nicht möglich, würde sie auf der Fläche konventionellen Ackerbau betreiben.

Zahlen zum Projekt

Strom für 140 Haushalte

Das Westermann-Photovoltaikprojekt würde auf einer Fläche von vier Hektar Größe entstehen. Die Photovoltaikanlage würde in Reihen angelegt, die insgesamt einen Hektar abdecken. Die Anlage würde voraussichtlich 700.000 Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugen. Das entspräche einem Verbrauch von rund 140 Haushalten.

Die Photovoltaikanlage ist also der Schlüssel. Hinzu kommt eine weitere Idee: Bürger sollen die Anlage nicht nur sehen können, sie sollen auch investieren. Westermann hat eine Energiegenossenschaft mit Bürgerbeteiligung im Sinn. Und das Interesse ist offenbar vorhanden: „Wir halten das für unterstützenswert“, sagt Barbara Cornelissen, Vorsitzende des Vereins für Heimat und Natur Mühlhausen-Uelzen. Beim Stammtisch des Vereins hat die Landwirtin ihr Projekt vorgestellt und Zuspruch erfahren. Eine mögliche Sorge konnte in dem Zuge wohl auch ausgeräumt werden. Im Landschaftsbild wäre die Solarfläche „absolut nicht störend“, meint Cornelissen, da sie verhältnismäßig tief liege.

Aufwendiges Genehmigungsverfahren

Bleibt die Frage, wann es losgehen kann. Hier kommt es auf das Genehmigungsverfahren an, das offenbar aufwendig ist. Westermann berichtet, sie habe im März 2018 das erste Mal im Rathaus vorgesprochen. Deutlich später kommen die Gespräche nun offenbar erst in Gang. Das Bauderzernat im Rathaus will im Stadtentwicklungsausschuss im Mai dieses Jahres über den aktuellen Stand berichten. Für die Photovoltaikanlage muss ein Bebauungsplan aufgestellt und der Flächennutzungsplan der Stadt geändert werden. Es liegen für Unna mehrere Anträge für Flächen-Photovoltaikanlagen vor, auch für die Freizeitbad-Brache in Massen und für ein Feld bei Siddinghausen sowie für eine Fläche südlich der A44 in Höhe Lünern.

Die Stadtverwaltung will nun mit Trägern öffentlicher Belange Vorabklärungen durchführen - für alle vier Projekte zusammen. Antragstellerin Westermann hofft, dass ihr Projekt dadurch nicht noch weiter in Verzug gerät. Nach ihrer Einschätzung wäre es vergleichsweise unkompliziert: Zwei der anderen Flächen liegen in Landschafts- und Vogelschutzgebieten gleichzeitig, ihres hingegen nicht. Gespräche mit mehreren Fraktionen im Stadtrat hat sie bereits geführt, ihr Eindruck ist positiv. Von der fraktionslosen Ratsfrau Bärbel Risadelli liegt dem Bürgermeister auch ein Antrag zur Unterstützung des Westermann-Projekts vor.

Lesen Sie jetzt