Die klirrend kalten Nächte können die obdachlose Frau, die in einem Verschlag am Eingang zum Westfriedhof lebt, nicht schrecken. Sie trotzt den Minusgraden. Viele Unnaer bieten ihr Hilfe an.

Unna

, 22.01.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Sonne scheint vom klaren Himmel, doch die Temperaturen, die auch jetzt am Nachmittag nur knapp über den Gefrierpunkt steigen, kühlen den Körper aus. Ein Spaziergang durch Unna macht nur denen Spaß, die warm eingepackt sind – mit Winterjacke, Wollmütze und Stiefeln etwa.

Wie mag es da der Frau gehen, die seit mehreren Monaten in einem selbst gebauten Verschlag am Eingang zum Westfriedhof lebt? Das fragen sich offenbar viele Unnaer. Bei der Sozialausschussvorsitzenden Gabriele Meyer kommen immer wieder besorgte E-Mails und Telefonate an. Ein Besuch bei der Frau, die den klirrend kalten Nächten trotzt.

Freundliche Begrüßung

Ein vorsichtiger Ruf. „Hallo?“ Keine Antwort. Also etwas lauter: „Hallo? Geht es Ihnen gut?“ Aus dem Inneren des Verschlags reicht Andrea (Name geändert) ihre Hand. Sie blickt hinaus – vorsichtig, aber freundlich. Bevor sie die Frage nach ihrem Wohlbefinden beantwortet, stellt sie sich vor. Mit leiser, aber fester Stimme. Noch einmal die Frage: „Geht es Ihnen gut? Viele Menschen sorgen sich um Sie.“ Diese Sorgen weist Andrea strikt zurück. „Um mich braucht sich niemand Sorgen zu machen.“

Spirituelle Motivation

Aus ihren Worten klingt kein Trotz. Im Gegenteil: Die Frau, die sich für das Leben auf der Straße entschieden hat, sorgt sich um alle anderen Menschen. „Ich sorge mich um Sie“, entgegnet sie und erklärt: „Ich bin Ihre Schöpferin, die Allmächtige.“ Jetzt ist Offenheit gefragt. Zeigen, dass man Andrea ernst nimmt – selbst wenn der eigene Glaube ein völlig anderer ist. Die Worte der Frau zeigen, dass sie wohl vor allem aus spirituellen Gründen im Freien lebt.

Wärmflasche mit heißem Wasser

Ändern will sie daran nichts. Ob ihr warm genug ist? Dieser Frage begegnet Andrea mit einem kurzen „Ja“. Wie um ihre Worte zu unterstreichen, reicht sie eine Wärmflasche heraus. Tatsächlich fühlt die sich so warm an wie gut bebrütete Eier. Ein Hauch Wohlfühlatmosphäre in einer Welt, die für die meisten anderen Menschen nicht nachvollziehbar ist. Warm sind auch Andreas Hände – und gepflegt. Das Leben auf der Straße, es zehrt an der Frau weit weniger als gedacht. Sie hat im Katharinen-Hospital die Möglichkeit, sanitäre Einrichtungen zu nutzen. Diese Chance ergreift sie – und auch über einen warmen Tee oder eine Packung Kekse, die sie von hilfsbereiten Unnaern bekommt, freut sich Andrea. Alle Hilfsangebote, die die Stadtverwaltung ihr machen kann, sind für Andrea tabu. Hinweise auf Übernachtungsmöglichkeiten lehnt sie ab. „Wir können ihr nichts aufzwingen, achten aber auf sie“, sagt Stadtsprecher Christoph Ueberfeld.

Keine Zwangsmaßnahmen

Stadtverwaltung muss Situation dulden

Die Stadt Unna hat keine Möglichkeit, Zwangsmaßnahmen gegen die Obdachlose zu ergreifen. Das Ordnungsamt hat der Frau alle möglichen Hilfsangebote unterbreitet, die sie allerdings allesamt abgelehnt hat. Auch die Polizei kann nicht eingreifen. Eine Sprecherin verweist auf die Zuständigkeit der Stadt, da keine Straftat vorliegt.

Ordnungsamt ist regelmäßig vor Ort

Tatsächlich kommen regelmäßig Mitarbeiter des Ordnungsamtes, um nach Andrea zu schauen. Sie gibt bereitwillig Auskunft – und das, obwohl es für sie „kein Rathaus und keine Parteien mehr gibt“. Von der klassischen Gesellschaft hat sich Andrea längst weit entfernt. Sie hat sich für ein anderes Leben entschieden.

Dieses Foto entstand im September 2018: Damals lebte die Obdachlose fast nur unter einer Plane.

Dieses Foto entstand im September 2018: Damals lebte die Obdachlose fast nur unter einer Plane. © UDO HENNES

„Das müssen wir wohl akzeptieren“, sagt Gabriele Meyer. Die „Gabi“, wie die Obdachlose sie nennen darf, sorgt sich um die Frau, seitdem diese auf der Straße lebt. Was im Sommer fast noch romantisch wirkt, wird in der kalten Jahreszeit zur Gefahr: Beim Schlaf unter freiem Himmel kühlt der Körper in klirrend kalten Winternächten enorm aus.

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Als die Temperaturen im Winter erstmals deutlich kälter wurden, kaufte Gabriele Meyer ein Zelt für Andrea. Das hat sie gerne angenommen, aufgebaut hat sie es nicht. Ob sie es jetzt aufstellen möchte, hat sich Gabriele Meyer gefragt und Andrea sogar die Hilfe zweier starker Männer angeboten. Doch die Obdachlose winkt ab: „Nein, auf keinen Fall. Ich habe es hier drin, es ist mein Schutz.“ Tatsächlich sind die Wände des Verschlags mehr als eine dünne Folie. Alles, was Wärme gibt, stabiliert Andreas „Zuhause“. Wer zu ihr kommt, den bittet sie, nichts zu berühren. Alles ist so aufgebaut, dass die Kälte weitgehend draußen bleibt. Zwei aufgespannte Regenschirme schützen den Eingang vor dem beißenden Wind. Das alles funktioniert offenbar: Aus dem Inneren dringt jedenfalls eine fast schon wohlige Wärme nach draußen.

Aufruf zur Offenheit

Die Nachricht, dass es Andrea gut geht, erleichtert Gabriele Meyer. „Jetzt kann ich heute Nacht ein bisschen ruhiger schlafen“, sagt sie. Und sie ermuntert alle Unnaer, offen auf Andrea zuzugehen und ihr Hilfe anzubieten, ohne ihr etwas vorschreiben zu wollen. Die Obdachlose freut sich über Gespräche. Ihr „Schön, dass sie da waren“ klingt noch lange nach dem Besuch an ihrem Domizil nach.

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