Notfallseelsorger kümmern sich um Angehörige, die den plötzlichen Tod eines Familienmitgliedes zu verkraften haben. Pfarrer Ingo Janzen aus Unna ist einer von ihnen.

Kreis Unna

, 24.11.2019, 13:49 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es gibt Situationen im Leben, da kann man nur schwer helfen: Wenn Wut, Trauer und Hilflosigkeit zusammenkommen, weil ein geliebter Mensch plötzlich aus dem Leben gerissen worden ist; wenn man akzeptieren muss, dass man jemanden, der eben noch da war, nie wieder sehen wird. Und dennoch ist es das, was Notfallseelsorger versuchen: das Unbegreifliche begreifbar machen, Trost spenden und da sein, in einer Situation, in die niemand hineingeraten möchte – und die doch zur bitteren Realität für manch einen wird.

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Erste Hilfe für die Seele

Ingo Janzen aus Unna hat sich dieser Aufgabe angenommen. Als Regionalpfarrer für Notfallseelsorge hat er in 22 Jahren nebenamtlicher Notfallseelsorge schon viele Menschen betreut, die dem plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen ausgesetzt waren. Es ist eine Aufgabe, die er als „Erste Hilfe für die Seele“ bezeichnet: „Wir sind in akuten Ausnahmezuständen für die Betroffenen da und nehmen uns Zeit“, sagt er. Etwas, das Polizeibeamte und Rettungskräfte so nicht leisten könnten: Wenn diese bereits zum nächsten Einsatz fahren müssen, sind Notfallseelsorger noch vor Ort und betreiben Krisenintervention. Das kann ein bis zwei Stunden dauern oder drei bis vier, manchmal auch sieben oder acht.

„Wenn sie nichts tun können und machtlos sind, ist das für die meisten schwer zu ertragen. Aber gegen den Tod ist man eben machtlos. Das muss man akzeptieren.“
PFARRER INGO JANZEN, NOTFALLSEELSORGER

Typische Reaktion: Kämpfen, flüchten oder erstarren

Die Zeitspanne der Betreuung sei ebenso unterschiedlich wie die Reaktionen der Hinterbliebenen: Während die einen wütend werden, weinen und schreien, neigen andere dazu, die Todesnachricht nicht wahrhaben zu wollen, und wieder andere seien völlig teilnahmslos und realisierten nicht, was passiert ist. „Das sind typische Symptome der Stressreaktion ‚fight, flight or freeze‘“, beschreibt Janzen, „was soviel bedeutetet wie ‚kämpfen, flüchten oder erstarren‘.“

Wichtig sei es dann, auf jeden Menschen individuell einzugehen, zuzuhören und den Betroffenen Raum zu lassen: „Ich gebe weder Ratschläge noch Tipps“, sagt der Notfallseelsorger. Stattdessen sei er einfach da und stelle sich möglichen Fragen. Auch, wenn er längst nicht alle beantworten könne. Eine davon sei etwa die Frage nach dem Warum: „Darauf gibt es keine richtige Antwort“, sagt Janzen. Also versuche er erst gar nicht, eine zu finden.

Erste Hilfe für die Seele: Was Notfallseelsorger nach plötzlichen Todesfällen leisten müssen

Symbolfoto: Notfallseelsorger kümmern sich nach traumatischen Erlebnissen um Betroffene. © dpa

Viele Betroffene machten sich außerdem Vorwürfe, gerade dann, wenn das letzte Gespräch mit dem Verstorbenen etwas Belangloses oder gar ein Streit gewesen sei: „Die letzten Momente werden dann völlig überhöht“, sagt Janzen. Das liege daran, dass Hinterbliebene sich lieber schuldig als hilflos fühlen: „Wenn sie nichts tun können und machtlos sind, ist das für die meisten schwer zu ertragen. Aber gegen den Tod ist man eben machtlos. Das muss man akzeptieren.“

Wichtige Aufgabe: Ordnung im Chaos herstellen

Neben der „Ersten Hilfe für die Seele“ seien die Ehrenamtlichen weiterhin dazu da, Ordnung ins Chaos zu bringen, wie Janzen sagt. Sie erklären den Betroffenen in ihrer Überforderung etwa die weitere Vorgehensweise der Polizei, dass ein Bestatter beauftragt werden muss und welche Formalitäten es zu erledigen gilt.

Neue Notfallseelsorger gesucht

Infos und Anforderugnsprofil für Interessierte

  • Gesucht werden Christen aus dem Kreis Unna, die eine sinnvolle Herausforderung suchen, emotional belastbar und über 30 Jahre alt sind.
  • Die Ausbildung umfasst alle wesentlichen Aspekte des Betätigungsfeldes der Notfallseelsorge, ob Stressbewältigung oder Rituale und Kommunikation oder rechtliche Bedingungen.
  • Der Kurs startet in Unna am Samstag, 1. Februar 2020, und endet nach 20 Treffen im September 2020. Ausbildungstag ist in der Regel der Dienstag von 18 bis 21.30 Uhr.
  • Ansprechpartner ist Pfarrer Ingo Janzen per Mail an ingo.janzen@notfallseelsorge-ekvw.de

Wie wichtig vermeintliche Banalitäten sind, zeige sich bereits bei der Überbringung der Todesnachricht. Die oberste Priorität sei – das lernen Notfallseelsorger schon in ihrer Ausbildung – den richtigen Adressaten zu erreichen: „Wenn in einer Wohneinheit drei Familien Müller leben, darf die Nachricht natürlich nur die betroffene Familie ereilen“, sagt Janzen.

Todesnachricht ohne lange Umschweife

Außerdem werde die Todesnachricht niemals an der Haustüre überbracht, wie man es etwa aus amerikanischen Spielfilmen kenne. Stattdessen begleiten die Notfallseelsorger und Beamten die Angehörigen ins Haus, bitten sie, sich hinzusetzen und informieren dann ohne lange Umschweife über den Todesfall: „Drumherum reden und Beschönigen hilft ja nichts. Die Tatsache bleibt gleich“, sagt Janzen. Diese Aufgabe übernehme in der Regel aber ohnehin die Polizei, was nicht nur aus gesetzlichen Gründen sinnvoll ist: „Wenn ich der schlechte Bote bin, der die Todesnachricht überbringt, komme ich für die anschließende Betreuung nicht mehr infrage“, erklärt Janzen.

Am besten aufgehoben seien Angehörige aber ohnehin im Kreise ihrer Familie. „Sobald die Unterstützung von engen Angehörigen und Verwandten kommt, werden wir meist überflüssig“, sagt Janzen. Bis dahin sind die Notfallseelsorger aber für die Betroffenen da. Um das zu leisten, was sie in der akuten Ausnahmesituation benötigen: Erste Hilfe für die Seele.

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