Nie mehr Fliesenkleber aus Unna: Für Ceresit an der Hansastraße ist Schluss nach 112 Jahren

dzCeresit

Die Hallen sind schon leer, die Maschinen stehen, Teile werden verkauft: Nach 112 Jahren in Unna endet die Geschichte von Ceresit. Wir zeigen die letzten Bilder von einem Stück Industriegeschichte.

Unna

, 19.12.2019, 16:34 Uhr / Lesedauer: 2 min

Jörg Schad betritt den Leitstand des „Turms“, der zentralen Produktionsanlage von Ceresit in Unna. „Gehörschutz brauchen wir hier nicht mehr“, sagt der Qualitätsmanager am Standort an einem seiner letzten Arbeitstage. „Hier ist Totenstille.“ Vor 20 Jahren erst aufgebaut, ist der „Turm“, die modernste Einrichtung auf dem Firmengelände an der Hansastraße, wie alles andere stillgelegt. Nach 112 Jahren geht die Geschichte von Ceresit in Unna zu Ende.

Übernommen vom Mitbewerber im BASF-Konzern

Die Herstellung vor allem von Fliesenkleber und Bodenausgleichsmasse ist auf dem Gelände an der Hansastraße eingestellt. Ab Juni dieses Jahres war die Produktion zurückgefahren worden, Ende Oktober war dann ganz Schluss. Hintergrund war die Übernahme von Ceresit durch den Mitbewerber PCI. Das Unternehmen aus dem BASF-Konzern hatte den Unnaer Fliesenkleberproduzenten im Jahr 2016 von Henkel gekauft. Teilweise lässt Henkel die Produkte in Osteuropa weiter produzieren. Teils wird nun an Standorten von PCI hergestellt, was früher in Unna gemischt wurde. Einer dieser Standorte ist in Hamm-Uentrop. Ein Teil der früheren Ceresit-Mitarbeiter kann dort weiterarbeiten. Mit vielen anderen habe man Vorruhestands- oder andere Regelungen getroffen, heißt es von der Standortleitung in Unna.

40 Mitarbeiter wickeln Standort ab

In einer im Zuge der Übernahme gegründeten Gesellschaft namens „Certho“ (kurz für Ceresit und Thomsit) arbeiteten im Dezember noch rund 40 Mitarbeiter am Standort Hansastraße. Sie kümmern sich vor allen Dingen um die Abwicklung. Man versucht, die zahlreichen Maschinen einer neuen Nutzung zuzuführen. Es sind Packmaschinen, Dosiereinrichtungen oder Mischer. „Einige werden demontiert und an Unternehmen aus der gleichen Branche verkauft“, erklärt Standortleiter Dr. Friedrich Tengelmann. Der Rest müsse entsorgt werden. So würden demnächst Anlagen abgebrochen, deren Fundamente teils bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückreichen.

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Bildergalerie: Ende der Firma Ceresit

Ein Stück Industriegeschichte geht zu Ende: Nach 112 Jahren endet die Produktion bei Ceresit in Unna. Dies sind die letzten Bilder aus dem Betrieb.
19.12.2019
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Die großen Lager von Ceresit sind leer. Qualitätsmanager Jörg Schad blickt in eine der Hallen, in denen Säcke voller Baustoffe in hohen Regalen lagerten.© Raulf
Werbebanner hängen noch am Standort Hansastraße. Aber Ceresit gibt es nicht mehr. Der BASF-Konzern hat das Unternehmen übernommen.© Raulf
Das höchste Gebäude auf dem Gelände an der Hansastraße ist der 42 Meter hohe Turm. Darin wurden rund um die Uhr Baustoffe gemischt.© Raulf
Diese langen Rohrleitungen führen ins Innere. Die Anlage ist wie alle anderen stillgelegt.© Raulf
Die gigantische Baustoff-Mischmaschine war 1999 in Betrieb genommen worden.© Raulf
An der Hansastraße wurden früher auch Produkte entwickelt. Dieses Archivbild entstand in der Versuchsabteilung.© Archiv
In diesem Gebäude gab es Schulungen für Kunden und Vertriebler. © Raulf
Hier wurden mit Säcken bepackte Paletten in Folie gehüllt.© Raulf
Bis Ende 2018 arbeiteten 110 Mitarbeiter im Werk an der Hansastraße.© Raulf
Jörg Schad zeigt die älteren Mischer: Darin wurden viele verschiedene Produkte in kleineren Mengen hergestellt.© Raulf
Das Werk in Unna galt als vergleichsweise sauber für einen chemischen Betrieb. Dafür sorgten unter anderem Luft-Absauganlagen wie diese.© Raulf
Alle Maschinen sind stillgelegt. Viele sind bereits verkauft, demontiert...© Raulf
...und bereit für den Abtransport zu Firmen, die sie weiterverwenden können. © Raulf
Markant für den Baustoffbetrieb sind die hohen Silos.© Raulf
Dieses Bild zeigt den Blick auf die ältesten Gebäude. Im Hintergrund ist der Nachbar Stromag zu sehen.© Raulf
Hier wurden zuletzt noch Farben gemischt...© Raulf
...in Eimer gefüllt und von Hand abgewogen.© Raulf
Schaltschränke wie dieser vermitteln einen guten Eindruck: Nicht alle Produktionsteile sind im Lauf der Jahre modernisiert worden.© Raulf

Industriegeschichte und weltweiter Erfolg

Ein Stück Industriegeschichte geht zu Ende. 1905 zunächst als „Dattelner Bitumenwerke“ gegründet, siedelte sich das Unternehmen 1907 unter dem Namen „Wunnersche Bitumenwerke“ in Unna an. Benannt war es nach Hans Wunner, der ein Verfahren entwickelt hatte, um Zement wasserdicht zu machen. Er legte den Grundstein für einen weltweiten Erfolg. Anfang der 1960er-Jahre wurde das Unternehmen umbenannt nach seiner erfolgreichsten Marke Ceresit. Die Bandbreite der Produkte wurde größer. Auch Farben und Putze für die Baubranche wurden in Unna hergestellt. Vor allem Fliesenkleber und Fußbodenausgleichsmasse aus Unna wurden für Hand- und Heimwerker zum Standard.

Zwei Tonnen Baustoff alle acht Minuten

1986 übernahm der Henkel-Konzern Ceresit. Unter dieser Regie wurde 1999 der markante Turm auf dem Werksgelände errichtet. 42 Meter hoch ragen die Silos in den Himmel. Sand, Zement und andere pulverförmige Baustoffe wurden darin nach oben geblasen, um dann herabzufallen und computergesteuert für das jeweilige Produkt gemischt zu werden. Der letzte automatische Arbeitsschritt war das Abfüllen von Säcken, die dann in alle Welt verschickt wurden. „Alle acht Minuten verließ eine Zwei-Tonnen-Mischung diese Anlage“, berichtet Jörg Schad. Fünf Tage die Woche lief der Turm rund um die Uhr. In älteren Mischanlagen wurden variantenreicher in kleineren Stückzahlen Baustoffe hergestellt, in einem anderen Produktionstrakt einige Tausend Tonnen Farbe - alles bis zu diesem Jahr.

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