Kostenexplosion bei der Eishalle: Das von der WBU in Auftrag gegebene Gutachten nennt rund 8 Millionen Euro, die für eine Komplett-Sanierung der 40 Jahre alten Halle nötig wären.

Unna

, 13.11.2018, 18:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eine komplette Sanierung der Eissporthalle Unna würde deutlich teurer als bisher angenommen: Rund 8,25 Millionen Euro würde eine komplette Sanierung der 40 Jahre alten Eishalle kosten. Zu diesem Ergebnis kommt das Gutachten, das vom Architekturbüro Weicken und weiteren Fachbüros im Auftrag der Wirtschaftsbetriebe Unna (WBU) erstellt wurde.

Dem Verein „Unna braucht Eis“, der die Eissporthalle wieder öffnen möchte, und den Fraktionsvorsitzenden der im Rat vertretenen Parteien wurde das Gutachten am Dienstagnachmittag durch die Stadtverwaltung und Vertreter des Architekturbüros vorgestellt.

Alte Kostenschätzung bei 1,2 Millionen Euro

Die nun vorliegende Kostenschätzung liegt deutlich über der, mit der Ende Juni der Abriss der Eishalle beschlossen wurde. Von 1,2 Millionen Euro sprach die WBU damals. Diese Summe sei nötig, um die Halle samt Anlagentechnik kurzfristig zu ertüchtigen.

Die nun ermittelten Kosten für die Sanierungsmaßnahmen liegen deutlich über diesen Zahlen. Sie liegen auch weit über dem, was der Verein „Unna braucht Eis“ als Kosten für die Modernisierung der Halle in seinem vorläufigen Konzept angesetzt hatte: Der Verein sprach von knapp zwei Millionen Euro, um die Halle wieder betriebsbereit zu machen.

Dass die Kostenschätzung im Auftrag der WBU nun so hoch ausfällt, überrascht den Verein nach eigener Aussage nicht. In einer Mitteilung vom Dienstagabend spricht der Verein davon, dass die Kosten zum Erhalt der Eishalle „wie erwartet hoch ausgefallen“ seien. an werde nun das Gutachten prüfen und „auf Anpassungen und Reduzierungen der Kosten“ hinarbeiten.

Die Erstellung eines neuen Gutachtens, um den aktuellen Gebäudezustand zu ermitteln, war in Gesprächen zwischen „Unna braucht Eis“ und der WBU Mitte Juli vereinbart worden. Die Initiative „Unna braucht Eis“ braucht dieses Gutachten, um das von ihr angemeldete Bürgerbegehren in die Wege zu leiten. Die bautechnische Expertise bildet ebenso wie das Betriebskostengutachten die Basis für die Kostenschätzung, die auf den Unterschriftenlisten für das Bürgerbegehren genannt werden muss. In diesen beiden Studien wurden auch die bislang von der Bürgerinitiative vorgetragenen Vorstellungen berücksichtigt, sagt die Stadtverwaltung.

Auch Betriebskosten ermittelt

Parallel zu dem Sanierungskostengutachten wurden im Rahmen einer Betriebskostenermittlung durch das externe Beratungsbüro PSPC (Public Sector Project Consultants) GmbH mögliche Aufwendungen, insbesondere Betriebskosten sowie mögliche Erlöse bei einem Weiterbetrieb der Eissporthalle ermittelt.

Nach Ansicht des baufachlichen Gutachterbüros ist eine Generalsanierung der Halle für jede angedachte Form von Weiterbetrieb zwingend notwendig. Dabei sei eine stufenweise Sanierung nicht zu empfehlen, da es zu Störungen im Betriebsablauf während der Sanierungsphase komme.

Größter Kostentreiber: der Brandschutz

Den mit Abstand größten Kostenfaktor stellt nach dem neuen Gutachten ein Brandschutzkonzept dar, das für einen Weiterbetrieb erforderlich wäre. Bislang war ein umfängliches Brandschutzkonzept für den Betrieb der Eishalle nicht notwendig. Bei einer Sanierung würde aber nun weitreichend in die Bausubstanz eingegriffen werden, sodass neue Bauvorschriften zur Geltung kommen würden, nach denen ein umfängliches Brandschutzkonzept für den ordnungsgemäßen Betrieb der Eissporthalle erforderlich wäre.

Für diese sich daraus ergebenden gesetzlich vorgeschriebenen Brandschutzmaßnahmen würden sich die Kosten nach dem Ergebnis der Gutachter auf rund 1,087 Millionen Euro netto belaufen. Dies würde unter anderem den Einbau einer Sprinkler- und einer Brandmeldeanlage umfassen.

Ebenfalls teuer: das Dach

Bei der Erstellung der Expertise haben die Gutachter nach der Entfernung der Dachfolie festgestellt, dass Arbeiten am Tragwerk des Hallendaches notwendig sind. Als Kostenpunkt für die Instandsetzung der Dachkonstruktion kalkulieren sie mit rund 823.000 Euro netto.

Neues Gutachten: Sanierung der Eissporthalle würde 8,25 Millionen Euro kosten

Der technische Prokurist der Wirtschaftsbetriebe Unna (WBU) erläutert bei der gemeinsamen Eishallen-Begehung von WBU und der Initiative „Unna braucht Eis“ im Juli Andreas Pietsch von der Initiative Details zum Gebäude. Die Isolierfolie unter dem Hallendach ist zu diesem Zeitpunkt bereits abgebaut. © UDO HENNES

Im Zuge der Dachsanierung im Jahr 2007 wurde Isolierungsfolie unter dem Hallendach angebracht. Das Dach wurde für eine Summe von insgesamt 376.000 Euro saniert. 75 Prozent dieser Kosten trug die Stadt, 25 Prozent die Pächterfamilie. Teile des Anteils der Familie Kuchnia wurden durch Spendengelder aufgebracht. Die Folie haben Kuchnias nach eigener Aussage aus Kanada nach Unna geholt und sie als Lösung für die Dachisolierung vorgeschlagen.

Stark veraltet: die Lüftungs- und Heizungsanlage

Für den weiteren störungsfreien Betrieb notwendig halten die Gutachter zudem den Einbau einer neuen Lüftungs- und Heizungsanlage. Die technische Nutzungsdauer nicht nur dieser Anlagen in der Halle ist weit überschritten. Die Kosten dafür würden sich zusammen auf rund 746.000 Euro netto belaufen.

Bei der Besichtigung der Eissporthalle im Juli durch die WBU und „Unna braucht Eis“ war der schlechte Zustand der Lüftungsanlage, insbesondere des Rückkühlwerkes, bereits aufgefallen: Die beiden Kühltürme, die sich an der Rückseite der Eissporthalle in Richtung der Schwimmsporthalle befinden, sind komplett verkalkt.

Neues Gutachten: Sanierung der Eissporthalle würde 8,25 Millionen Euro kosten

Auch die Lüftungsanlage, zu der diese beiden Kühltürme des Rückkühlwerkes der Eisaufbereitungsanlage gehören, müsste bei einem Weiterbetrieb der Halle komplett erneuert werden. © UDO HENNES

Die Rückkühlanlagen dienen dem Abtransport nicht mehr nutzbarer Wärme in die Umgebung. Seit Juli 2017 unterliegen sie strengen Auflagen. In dem Luft-Wasser-Gemisch, dass sich in den Kühltürmen befindet, können sich Legionellen bei entsprechenden Bedingungen gut vermehren und an die Umgebung abgegeben werden. Das Einatmen der Bakterien durch kontaminierte Luftpartikel kann zu schweren Lungenentzündungen führen.

Genau dies passierte im Jahr 2013 im sauerländischen Warstein und führte zu dem bisher deutschlandweit größten Ausbruch von Legionellen. Über 160 Menschen erkrankten, zwei starben an den Folgen der Legionellen-Infektion. Die Erreger waren über ein Rückkühlwerk verbreitet worden. In Folge dieses Ausbruchs wurden die Richtlinien für den Betrieb solcher Rückkühlanlagen verschärft. Seit dem 12. Juli 2017 gilt die neue Gesetzeslage, nach der die beiden Kühltürme in Unna nicht mehr betrieben werden dürfen.

Das Rückkühlwerk der Eissporthalle ist zur Zeit außer Betrieb, da es nur bei Betrieb der Eisaufbereitungsanlage lief.

Das Sorgenkind: die Eisaufbereitungsanlage:

Die Erneuerung der Eisaufbereitungsanlage wird für grundsätzlich erforderlich erachtet. Dafür veranschlagen die Experten rund 677.000 Euro netto. Damit liegen sie unter der von der WBU im Sommer genannten Summe von 800.000 Euro, die für einen Austausch der Anlage notwendig wären. Diese Summe war von „Unna braucht Eis“ immer wieder angezweifelt worden. Der Verein ging von deutlich geringeren Kosten aus.

Neues Gutachten: Sanierung der Eissporthalle würde 8,25 Millionen Euro kosten

Eine der großen Baustellen der Eissporthalle stellt die defekte Eisaufbereitungsanlage dar. Sie wurde mit Ammoniak betrieben, das sich aufgrund der Schäden unkontrolliert in der gesamten Anlage verteilt hatte. Mittlerweile wurde es kontrolliert entsorgt und die Anlage stillgelegt. © UDO HENNES

Auch notwendig: Neue Stromanlagen

Zu den weiteren großen Posten der Sanierung gehört nach Angaben der Gutachter auch die Erneuerung der Starkstromanlagen in Höhe von rund 347.000 Euro netto.

Weitere Kosten durch Barrierefreiheit möglich

Optional könnten Kosten für die Erneuerung der sanitären Anlagen, der Schaffung von Barrierefreiheit und damit einhergehend der Ausweitung der Flucht- und Rettungswege entstehen.

Während es sich bei der Gesamtsumme der Sanierungskosten um einen Brutto-Preis handelt, sind die Detailsummen der größten Sanierungsposten Netto-Preise, also noch ohne Mehrwertsteuer kalkuliert. Rechnet man diese mit ein, ergibt sich eine Summe von rund 5,3 Millionen Euro allein für die größten Sanierungsmaßnahmen. Rund 3 Millionen Euro kämen dann noch optional hinzu.

Das sagt der Ratsbeschluss vom Juni 2018

Abrissbeschluss ruht bis Ende des Jahres

Der Rat der Stadt Unna hat am 28. Juni 2018 beschlossen,
  • von einer Verpachtung der Eissporthalle bis zum 31. Januar 2020 abzusehen oder diese im Rahmen eines Erbbaurechtsvertrages an einen Dritten zu übertragen.
  • von einem Weiterbetrieb der Eissporthalle durch die WBU in Eigenregie abzusehen.
  • die aufstehenden Gebäude zu beseitigen und die jetzigen Betriebsgrundstücke einer Wohnbebauung zuzuführen.
  • die eissporttreibenden Vereine in Unna bei der Suche nach Nutzungszeiten in den umliegenden Eissporthallen zu unterstützen und ihnen im Rahmen der Sportförderungsrichtlinien finanzielle Mittel bis zu einer Höhe von 85.000 Euro/jährlich zur Verfügung zu stellen.
  • Dieser Ratsbeschluss ruht bis zum Ende des Jahres, um in der Zeit alternative Konzepte zum Betrieb der Eissporthalle entwickeln zu können. Die letzte Ratssitzung des Jahres findet am 13. Dezember statt.

Gutachten: jährliches Betriebsdefizit von rund 200.000 Euro

In der vorläufigen Wirtschaftlichkeitsbetrachtung wurde ermittelt, welche Kostensituation durch einen Weiterbetrieb der Eissporthalle durch die Stadt entstehen werde. Finanzierungskosten fanden dabei ebenso Berücksichtigung wie auch Kosten für Personal, Energie und sonstige Aufwendungen.

Der Gutachter hat diesen Kostenschätzungen auch Einnahmenschätzungen gegenübergestellt. Grundlage der Ermittlungen möglicher Erlöse waren dabei insbesondere die von der Bürgerinitiative „Unna braucht Eis“ in die geführten Gespräche eingebrachten Vorstellungen sowie die bisherigen Nutzungszeiten der Eissport treibenden Vereine.

Dabei ergibt sich bei einer Gegenüberstellung von Kosten und Erlösen ein jährliches Betriebsdefizit von rund 200.000 Euro.

Hinzu kämen Finanzierungskosten aus einer Sanierung.

Förderung durch Bundesmittel noch unklar

Ob für eine mögliche Sanierung der Eishalle Fördermittel aus dem Bundesprogramm des Bundesinnenministeriums für die „Sanierung Kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“ fließen werden, kann die Stadtverwaltung derzeit noch nicht beantworten, da eine Auswahl förderfähiger Projekte bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht stattgefunden hat. Darüber informierte das Bundesministerium jetzt alle Antragsteller.

Im September hatte der Rat kurzfristig einen Förderantrag auf den Weg gebracht, mit dem eine Bundesförderung von bis zu vier Millionen Euro möglich wäre - sofern eine Sanierung und ein Weiterbetrieb der Halle umsetzbar erscheinen. Die Stadt müsste dafür einen Eigenanteil von maximal zehn Prozent, also 400.000 Euro, aufbringen.

Vom Bürgerbegehren zum Bürgerentscheid

Das sagt die Gemeindeordnung des Landes Nordrhein-Westfalen

  • Die Begriffe „Bürgerbegehren“ und „Bürgerentscheid“ werden oft synonym verwendet. Tatsächlich aber bezeichnen sie zwei unterschiedliche Phasen eines zweistufigen Verfahrens.
  • Ziel dieses Verfahrens ist es, dass Bürger einer Stadt an Stelle des Stadtrates über eine Angelegenheit der Stadt selbst entscheiden.
  • Den Ablauf, die Vorgaben und Fristen von Bürgerbegehren und Bürgerentscheiden regelt Paragraf 26 der Gemeindeordnung Nordrhein-Westfalens.
  • Bei einem Bürgerbegehren wird grundsätzlich dabei unterschieden, ob es sich um ein initiierendes Begehren oder ein kassierendes Begehren handelt.
  • Während ein initiierendes Bürgerbegehren etwas Neues anstößt, richtet sich das kassierende Bürgerbegehren gegen etwas, das der Rat bereits beschlossen hat, also in diesem Fall den Ratsbeschluss vom 28. Juni, die Eishalle abzureißen.
  • Spätestens drei Monate, nachdem der Beschluss gefasst wurde, müssen der Stadtverwaltung Unterschriftenlisten vorgelegt werden. Im Fall der Eishalle wäre dies eigentlich der 28. September, da der Ratsbeschluss am 28. Juni getroffen wurde. Dadurch, dass die Kosten für eine Sanierung der Eissporthalle jedoch erst ermittelt werden mussten, bevor überhaupt die Unterschriftenlisten gedruckt werden können, ist diese Dreimonatsfrist so lange ausgesetzt, bis die Kostenermittlung vorliegt. Das ist mit dem nun präsentierten Gutachten der Fall.
  • In die Unterschriftenlisten tragen sich all diejenigen ein, die möchten, dass ein Bürgerentscheid über die genannte Sache – den Erhalt der Eishalle – stattfindet.
  • Damit ein Bürgerbegehren zulässig wird, müssten in Unna sechs Prozent der wahlberechtigten Bürger auf den Listen unterschreiben.
  • Die Unterschriftenlisten müssen die Abstimmungsfrage (zum Beispiel „Soll die Eishalle Unna erhalten werden?“), eine Begründung und eine Kostenschätzung der Folgekosten des Begehrens für die Stadt erhalten.
  • Bei einem kassierenden Bürgerbegehren müssen in der Begründung auch die Gründe der Ratsmehrheit für den Beschluss genannt sein, gegen den das Begehren gerichtet ist.
  • Die Unterschriftensammlung führen die Organisatoren selbst durch. Dabei können sie die Listen in Geschäften auslegen; Bürger an Infoständen ansprechen, auf Märkten und Festen sammeln oder Hausbesuche machen.
  • Die gesammelten Unterschriften werden der Stadtverwaltung überreicht. Diese prüft, ob beispielsweise Bürger doppelt unterschrieben haben. Anschließend geht das Begehren in den Rat.
  • In öffentlicher Sitzung stimmt der Rat dann darüber ab, ob er das Bürgerbegehren für zulässig hält. Dabei geht es neben der Frage, ob genügend Unterschriften vorliegen, auch um formelle Dinge wie beispielsweise: Wurden die Folgekosten genannt? Ist die Fragestellung nachvollziehbar?
  • Erst in dieser Sitzung entscheidet sich, ob es zu einem Bürgerentscheid kommt. Der Rat kann dem Bürgerbegehren auch sofort entsprechen, wenn es zulässig ist. Damit wäre das Ziel des Begehrens erreicht.
  • Beschließt der Rat dagegen, einem Bürgerbegehren nicht zu entsprechen, findet spätestens drei Monate nach diesem Beschluss ein Bürgerentscheid statt.
  • Damit dieser Erfolg hat, müssen sich dann mindestens 15 Prozent aller Wahlberechtigten Unnaer an dem Entscheid beteiligen.
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