Kein Bäcker, kein Supermarkt, keine Kneipe: Lünern ist, was Einkaufsmöglichkeiten und Treffpunkte angeht, chronisch unterversorgt. Könnte das Modell eines „Dorfladens“ die Lösung sein?

Lünern

, 12.11.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sechs Kilometer bis zum Rewe am Ostring, sieben Kilometer bis zum Netto an der Viktoriastraße - wer in Lünern wohnt und einkaufen will, muss weite Wege in Kauf nehmen und im besten Fall ein Auto zur Verfügung haben. Dass das in Zeiten einer immer älter werdenden Gesellschaft problematisch werden kann, ist in Lünern längst bekannt. Jetzt wagen die Initiatoren der Interessensgemeinschaft „Wir in Lünern“ einen amitionierten Vorstoß: Lünern könnte einen „Dorfladen“ bekommen.

„Die gute Annahme des Brötchenexpresses zeigt, wie spannend es sein kann, sich über eine Fortführung oder auch Ausweitung der Nahversorgung in Lünern zu unterhalten“, ist Ortsvorsteherin Anja Kolar überzeugt, dass es die Nachfrage nach einem Kiosk oder Dorfladen in ihrem Ort gibt.

Mit Günter Lühning hatte die Interessensgemeinschaft „Wir in Lünern“ in der vergangenen Woche einen Mann eingeladen, der Lünern zeigen sollte, wie das Projekt „Dorfladen“ funktionieren kann. Lühning ist Vorsitzender der Bundesvereinigung der Dorfläden - und selbst Initiator des Dorfladens in seinem Heimatort Otersen.

„Es gibt keine Kopiervorlage, wie ein Dorfladen aussehen soll.“
Günter Lühning, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Dorfläden

Dass die 500-Seelen-Gemeinde Otersen zwischen Hannover und Bremen mit ihrem seit 18 Jahren florienden Dorfladen eine Blaupause für Lünern sein kann, diesen Zahn zog Lühning den vielen Bürgern Lünerns, die sich seinen Vortrag im Ludwig-Polscher-Haus anhörten, gleich zu Beginn: „Es gibt keine Kopiervorlage, wie ein Dorfladen aussehen soll.“

Unterschiedliche Betreibermodelle mit angemieteten oder Ladenlokalen in Eigentum, mit Café-Betrieb oder ohne und verschiedenen Formen der Mitarbeiterbeschäftigungsverhältnisse hätten in ganz Deutschland Erfolg. „Man muss gucken, welches Prinzip im eigenen Ort am besten funktioniert“, riet Lühning.

Jahresumsatz von 840.000 Euro wäre ideal

Ein paar grundsätzliche Faktoren sollte aber jedes Dorfladen-Projekt beachten, so Lühning weiter. Sehr anschaulich zeigte seine Beispielrechnung, wieviel Umsatz ein Dorfladen in Lünern erwirtschaften müsste, um dauerhaft Erfolg zu haben: Bei rund 2000 Einwohnern, die rund 2100 Euro im Jahr für Lebensmittel ausgeben, habe Lünern ein Lebensmittelumsatz-Potenzial von rund 4,2 Millionen Euro, rechnete Lühning vor. Um auf der sicheren Seite zu sein, müsse ein Dorfladen 20 Prozent davon abgreifen - das entspräche einem Jahresumsatz von 840.000 Euro.

„Und das erreichen Sie nicht mit einem Kiosk, der nur Backwaren verkauft“, betonte Lühning. Fleisch-, Wurst- und Käseprodukte an einer Bedientheke seien Produkte, die sowohl Umsatz als auch Ertrag brächten. Rund 1500 bis 2500 Artikel sollten Dorfläden im Angebot haben - bei einer durchschnittlichen Ladenfläche von 165 Quadratmetern.

Wo solch‘ eine Fläche in Lünern liegen könnte, die Platz für einen Dorfladen bietet, das gilt es für die Initiatoren nun herauszufinden. Denn Lühning mahnte: „Ein passendes Ladenlokal zu finden, ist eine der Sollbruchstellen, an denen das Projekt Dorfladen scheitern kann. Sie müssen eine Immobilie haben, bevor sie die weiteren Schritte angehen.“ Das Problem in Lünern: Das Ladenlokal, in dem sich bis Ende 2016 „Onkel Emma“ befand, ist anderweitig vermietet. „Was dort hinkommt, sagt der Eigentümer noch nicht, aber er hat uns versichert, dass es kein Lebensmittelgeschäft sein wird“, sagt Ortsvorsteherin Anja Kolar.

Ohne Eigenkapital geht es nicht

Auch die weiteren Sollbruchstellen auf dem Weg zum Dorfladen sind nicht ganz unerheblich: So braucht es nicht nur genügend Bürger, die bereit sind, Mitglied in einem Betreiberverein für einen Dorfladen zu werden. „Irgendwann wird es zum Schwur kommen müssen, wieviel Kapital sie auf den Tisch legen“, sagte Günter Lühning, „denn ohne Eigenkapital, das die Bürger einbringen, geht es nicht. Und jedem muss klar sein, dass es sich dabei um Geld handelt, dass er im Falle eines Scheiterns nicht wiedersieht.“

Die Lünerner müssen sich nun darüber klar werden, ob sie diesen Weg gehen wollen. Für Alfred Körbel von dem Büro „plan lokal“, das den Dorfentwicklungsprozess in Lünern begleitet, steht fest: „Es muss sicherlich ein Lünerner Modell geben. Etwas von Außen aufzusetzen, wird nichts bringen.“

Wie Unnas andere Dörfer in Sachen Nahversorgung aufgestellt sind, sehen Sie in unserer Bildergalerie:

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Bildergalerie

Nahversorgung in Unnas Dörfern

Lünern will einen Kiosk - doch wie ist es eigentlich in Unnas anderen ländlichen Ortsteilen um die Nahversorgung bestellt? In der Bildergalerie zeigen wir die unterschiedlichen Angebote.
11.11.2018
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Das Doppeldorf Mühlhausen-Uelzen ist in sachen Nahversorgung gut aufgestellt: Gleich mit zwei „Filialen“ ist die Bäckerei Höltermann im Ort vertreten und bietet neben Backwaren auch Lebsnmittel an. Die größere Filiale befindet sich in Uelzen...© Anna Gemünd
... und bietet auch einen Paketservice an.© Anna Gemünd
In Mühlhausen hält das „Dorf-In“ einen ähnlichen Service vor...© Anna Gemünd
... auch hier gibt es Backwaren und Lebensmittel, wenn auch in geringerem Umfang.© Anna Gemünd
Mit dem Milchhof Lategahn hat Mühlhausen darüber hinaus noch eine weitere Anlaufstelle für Lebensmittel. Auch ein Mittagstisch wird hier angeboten.© Anna Gemünd
In Billmerich gibt es den „Backshop“ Lacharz, in dem neben Brötchen auch Dinge des alltäglichen Bedarfs gekauft werden können.© Anna Gemünd
Kessebüren dagegen hat im Jahr 2017 sein letztes Lebensmittelgeschäft verloren: Bei Brackelmann gab es frische Wurst und Fleisch, im Sommer diverse Grillspezialiäten. Der Laden schloss jedoch 2017© Anna Gemünd
Eine Paradebeispiel für Nahversorgung im ländlichen Raum stellt Unnas östlichster Ortsteil dar: Seit 2009 betreibt eine Tochtergesellschaft des Caritasverbandes im Kreis Unna in Hemmerde den „Carekauf“ - mit großem Erfolg.© Roman Grzelak

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