Nach irrtümlichem ABC-Einsatz an der Hertingerstraße: Wann ist ein Notruf gerechtfertigt?

dzABC-Einsatz

Der Notruf einer Unnaerin, die einen Brief fälschlicherweise als verdächtig eingestuft hatte, hat am Dienstag einen großen Rettungseinsatz in Unna ausgelöst. War ihre Vorgehensweise legitim?

Unna

, 24.06.2020, 16:33 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer einen Brief mit einer unbekannten Substanz erhält, zudem ohne Absender, bekommt es möglicherweise mit der Angst zu tun und ist geneigt, Polizei oder Feuerwehr zu alarmieren. So auch die 52-jährige Frau aus Unna, die am Dienstagabend mit ihrem Notruf einen ABC-Einsatz an ihrem Wohnhaus an der Hertingerstraße ausgelöst hatte. Allerdings enthielt ihre Zusendung weder eine mysteriöse Substanz noch einen anonymen Absender, stattdessen eine tatsächlich bestellte Lieferung. Trotzdem klagte die Frau nach Öffnung des Briefes über Unwohlsein, weshalb sie die Polizei verständigte. Ist diese Vorgehensweise legitim? Oder handelt es sich sogar um einen Missbrauch des Notrufs?

„Wir unterstellen hier niemandem eine böse Absicht“, sagt Vera Howanietz, Sprecherin der Polizei Unna einen Tag später. „Dennoch ist der Vorfall unglücklich gelaufen.“ Der Notruf der 52-jährigen Unnaerin hatte nämlich einen großen Rettungseinsatz ausgelöst, obwohl keinerlei Gefahr bestand - oder wie Vera Howanietz es beschreibt: „Unterm Strich war da gar nichts.“

„Unterm Strich war da gar nichts.“
Vera Howanietz, Sprecherin der Polizei Unna, über den ABC-Einsatz an der Hertingerstraße

Alarmierung der Polizei nach subjektiver Gefahrenwahrnehmung ist keine Straftat

Ob Alarmierungen der Polizei oder Feuerwehr in solchen Fällen nun gerechtfertigt sind, lasse sich dennoch nicht pauschal beantworten: „Es gibt keine Checkliste, nach der man immer reagieren kann“, sagt Howanietz, „die Bewertung einer Gefahrenlage erfolgt schließlich subjektiv.“ Dieses Phänomen nennt man Putativgefahr: Dabei handelt es sich um Fehleinschätzungen von Situationen, die man selbst als bedrohlich wahrnimmt, obwohl sie es nicht sind. „Wenn eine Person etwa aufgrund von Schreien in der Nachbarschaft die Polizei verständigt, es sich dabei aber nur um Geräusche aus dem Fernseher handelt, hat die Person sich nicht des Notrufmissbrauchs strafbar gemacht“, erklärt Howanietz. „Für sie war schlicht nicht erkennbar, dass keine reale Gefahr besteht.“

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Wahrscheinlichkeit, Gift per Post zu erhalten laut Polizei sehr gering

So ähnlich könne es sich auch bei der Unnaerin verhalten haben, die nach dem Öffnen ihrer Post ein Kribbeln in der Hand verspürt hat: „Der menschliche Körper spielt einem bei Angst auch mal einen Streich“, sagt Howanietz. Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich ein gefährliches Kontaktgift per Post zu empfangen, sei jedoch unwahrscheinlich. Daher sollte man sich laut Howanietz auch immer fragen, ob das Absetzen eines Notrufs tatsächlich notwendig ist.

Seitens der Polizei sei am Dienstag dennoch alles richtig gelaufen: „Wenn wir einen Anruf wie diesen bekommen, sind wir die verpflichtet, die Rettungskette auslösen.“ Auch, wenn es sich letztlich um einen Fehlalarm handelt.

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