Drei Freunde aus Lünern haben eine ungewöhnliche Reise hinter sich. Im früheren Ostpreußen suchten sie die Spuren ihrer Väter in der europäischen Geschichte - und den Wert eines friedlichen Europas.

Unna

, 18.09.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der eine Mann gelangte am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Ostpreußen in den Unnaer Osten. Der andere geriet zur gleichen Zeit als Soldat in russische Kriegsgefangenschaft und kehrte Jahre später in seine Heimat, den Unnaer Osten, zurück. Die Söhne dieser beiden Männer begaben sich nun, Jahrzehnte später, auf Spurensuche. Sie berichten von einer aufschlussreichen und bewegenden Reise. Sie hat beiden deutlich gemacht, wie wertvoll Frieden ist.

Vom Osten in den Unnaer Osten

Werner Clodts Vater geriet 1945 als Soldat in russische Kriegsgefangenschaft. Krank kehrte er Jahre später in seine Heimat Nordlünern zurück. Clodts Freund Ulrich Schmidt hat ebenfalls eine Verbindung in die heutige Region zwischen Polen, Litauen und der russischen Exklave um Kaliningrad: Schmidts Vater stammt von dort. Für ihn war der Unnaer Osten nach dem Krieg der Ort des Neuanfangs gewesen. Er landete letztlich in Hemmerde, verdingte sich zunächst als Knecht und konnte dann als Maurermeister für sich und seine Familie eine Existenz aufbauen.

Mitreisender aus Kanada

Gemeinsam begaben sich die Söhne auf Spurensuche. Mit dabei war Ulrich Schmidts Bruder Harald, der eigens für die Reise aus seiner Wahlheimat Kanada eingeflogen war. 30 Jahre lang hatten die drei Männer die Idee für diese Tour, nun konnten sie sie endlich umsetzen. Die Busreise dauerte zehn Tage. Der Fahrer fungierte gleichzeitig als hervorragend informierter Reiseleiter. 3600 Kilometer legte die Gruppe zurück. Auf der ersten Etappe durch Masuren, die Rominther Heide und das Ermland in Polen bis nach Litauen sei die rasante Entwicklung durch die Europäische Union deutlich erkennbar gewesen, berichten die Reisenden. „Die schmucken Städte und die Infrastruktur können sich sehen lassen“, sagt Ulrich Schmidt. Doch die bedrückende Erinnerung an den schrecklichen Krieg holte die Reisenden auch dort ein: Ein Soldatenfriedhof in Bartossen in Masuren erinnerte an das Leid Tausender Soldaten, die dort bestattet sind.

Jenseits der EU-Grenzen

Nächstes Ziel war Nesterow. Der Ort hieß bis 1938 Stallupönen, bis 1946 Ebenrode und liegt in der Oblast Kaliningrad, dem von Ostsee, Polen und Litauen umgebenen russischen Staatsgebiet um das frühere Königsberg. In Nesterow übergab die Gruppe an ein Krankenhaus einen Teil der Hilfsgüter, die sie kistenweise aus Deutschland mitgenommen hatte. Der Bus fuhr von Osten her in das russische Staatsgebiet, über die alte „Reichsstraße 1“, die Verlängerung der Bundesstraße 1, die durch Unna führt. Und schon bei der Einfahrt sei schnell deutlich geworden, dass man sich nicht mehr auf EU-Gebiet befand. „Viele Dörfer und Bauernschaften sind heute völlig verschwunden, fruchtbarste Ackerflächen mit Buschwerk und Wald überzogen, Häuser und Straßen an vielen Stellen in einem beklemmend schlechten Zustand.“ So schildert Ulrich Schmidt seine Eindrücke. Durch Privatinitiativen renovierte Pensionen, Häuser und Geschäfte gebe es aber auch dort, und Menschen, die die Gruppe aus Deutschland herzlich begrüßt haben.

Nach einer Ost-Reise auf den Spuren ihrer Väter werben Lünerner für ein friedliches Europa

Ein wichtiges Erinnerungsfoto entstand vor der Statue des „Tempelhüter“: So hieß das wichtigste Pferd im Gestüt von Trakehnen, aus dem die berühmte Pferderasse der Trakehner hervorgegangen war. Rechts sitzt Harald Schmidt aus Lünern, der in Kanada lebt. © Privat

Vom Familienhof ist nichts mehr da

Nahe Trakehnen, dem Sitz des einst bedeutenden Pferdegestüts, suchten die Gebrüder Schmidt nach ihrem Elternhaus. Kurz vor dem früheren Ebenrode muss der Bauernhof gelegen haben. Aber nichts ist mehr da. „Es ist so“, sagt Schmidt, „als seien die Dörfer von Uelzen bis Hemmerde an der B1 zusammengeschoben, die Kirchen und Friedhöfe geschliffen.“ Doch viel eindrucksvoller seien die Begegnungen mit den jetzt in dieser Region lebenden Menschen gewesen. Diese hätten sich durchweg über den Besuch gefreut. Ein Stück weiter Richtung Kaliningrad wiederum holte die bedrückende Vergangenheit die Gruppe wieder ein. Zum Ende des Krieges hatten sich nachrückende Wehrmachtseinheiten und viele flüchtende Menschen die schmale Pregelbrücke bei Taplacken geteilt. Die alte Eisenbrücke steht heute noch da wie damals. Auf dieser Brücke berichtete eine mitreisende Frau, dass sie dort zuletzt 1945 gewesen sei. Mit sieben Jahren habe sie im Durcheinander auf der Pregelbrücke ihren Vater zum letzten Mal im Leben gesehen. Werner Clodt, dessen Vater dort in der Nähe von Königsberg Kriegsgefangener war, nahm die weinende Frau auf der Brücke in den Arm. „Ich habe ihr gesagt, dass ich ihre Trauer verstehen kann, dass sie aber auch froh sein konnte, diesen Ort besuchen zu können.“

Nach einer Ost-Reise auf den Spuren ihrer Väter werben Lünerner für ein friedliches Europa

Gemeinsam auf Spurensuche: Ulrich Schmidt (l.) und Werner Clodt berichten von einer eindrucksvollen Reise durch das frühere Ostpreußen. © Raulf

Zurück in Richtung Zukunft

Steht diese Brücke für die Vergangenheit, erlebte die Gruppe in Kaliningrad Zukunft. Moderne Wohnblocks lösen dort alte Plattenbauten ab, die Aufbruchstimmung sei spürbar. Noch mehr freilich im polnischen Danzig, das die Lünerner auf der Rückreise Richtung Westen als offene europäische Großstadt erlebten: „Dass hier vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg begann, ist für viele der jüngeren Generation Geschichte“, so Schmidt. „Aber genau diese jungen, europäisch denkenden Menschen haben die Chance, mit dafür zu sorgen, dass so etwas nicht mehr passiert, an was diese Reise nach 70 Jahren immer noch erinnert.“

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