Und plötzlich hat der Wähler wirklich wieder Auswahl

dzPolitik

Auswahl bei der Bürgermeisterwahl hatten die Unnaer zuletzt vor elf Jahren, markierte das Kolter-Solo 2015 doch einen Tiefpunkt der Demokratiegeschichte. 2020 wird alles anders, so viel ist sicher.

Unna

, 25.01.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Und plötzlich kommen sie wieder aus der Deckung: Hatte sich 2015 kein einziger Mitbewerber gefunden, um Bürgermeister Werner Kolter bei der Wahl zur dritten Amtszeit wenigstens ein bisschen herauszufordern, so ist das Rennen nun wieder offen. Vielleicht wird es sogar so spannend wie nie.

Denn in Unna deutet sich etwas an, was Wählern unter 27 Jahren erst einmal erklärt werden muss: Auf dem Stimmzettel der Bürgermeisterwahl stehen mehrere Namen. Das gab es zuletzt 2009.

Vor 2015 gab es in Unna noch bis zu sechs Kandidaten fürs Bürgermeisteramt

Damals waren sogar sechs Kandidaten im Rennen: Vier von den etablierten Parteien, dazu Raumausstatter Wilhelm Sommer und Nachtclubbesitzer Achim Megger. Der Sieger hieß allerdings am Ende wieder Werner Kolter.

Und plötzlich hat der Wähler wirklich wieder Auswahl

Kompetent und charismatisch galt SPD-Mann Werner Kolter bei seiner letzten Wiederwahl zum Bürgermeister im Jahr 2015 als unschlagbar. Das war den anderen Parteien derart klar, dass sie gar keinen Gegenkandidaten aufstellten. © Udo Hennes

Nun geht der schier unbezwingbare Wahlkämpfer und Menschenfänger Werner Kolter aber in Ruhestand. Die jetzt schon absehbare Rückkehr zur echten Wahlmöglichkeit beim Urnengang im September erklärt Kolters Abschied allerdings nicht allein. Ein zweiter Faktor ist, dass die SPD als einst mächtigste politische Kraft der Stadt mit beiden Beinen humpelt.

Schon die politische Großwetterlage bringt der ältesten Bewohnerin der deutschen Parteienlandschaft zwischen Küste und Alpen anhaltenden Gegenwind. Doch auch das örtliche Kleinklima in Unna ist von Gewittern geprägt, zerlegt sich die Partei doch inzwischen seit fünf Jahren selbst.

Und plötzlich hat der Wähler wirklich wieder Auswahl

Seit dem Streit zwischen Volker König und seiner ehemaligen Büroleiterin Bärbel Risadelli scheinen sich Unnas Sozialdemokraten vorwiegend mit sich selbst zu beschäftigen. Gegen diese SPD wittern nun auch kleinere Parteien eine Chance. © Marcel Drawe

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Nie war ein Sturm aufs rote Rathaus so aussichtsreich

CDU-Parteichef Gerhard Meyer stützte darauf vor einigen Tagen eine weitsichtige Prophezeiung: Bei der derzeitigen Lage könne er sich gut vorstellen, dass keine der etablierten Parteien darauf verzichten möchte, einen Bürgermeisterkandidaten ins Rennen zu schicken.

Wenige Tage später zauberte sogar die FDP mit Frank Ellerkmann einen Bewerber aus dem Hut. Letztmalig kandidiert hat für die Liberalen im Jahr 2009 der heutige Wirtschaftsförderer Martin Bick. Er holte seinerzeit 4,1 Prozent der Stimmen.

Vier Kandidaten sind es am 13. September mindestens

Drei Kandidaten für die Bürgermeisterwahl am 13. September sind bereits namentlich bekannt. Für die SPD soll Katja Schuon antreten, für die Grünen Claudia Keuchel und für die FDP eben Frank Ellerkmann. Die CDU präsentiert ihren Bewerber oder ihre Bewerberin im März. Will noch jemand? Durchaus möglich.

Der Verein „Wir für Unna“ zumindest zieht neben der Kandidatur für Sitze im Stadtrat auch eine Bewerbung fürs Bürgermeisteramt in Betracht. Die Freie Liste Unna räumt ehrlich ein, dass sie durchaus gerne einen Kandidaten aufstellen würde, nur augenblicklich niemanden hat. Bloß die Linke winkt ab: „Wir sind eine kleine Partei und es wäre ein riesiger Aufwand“, sagt Ratsfrau Petra Weber.

Was mit den Freien Wählern in Unna los ist, weiß zurzeit niemand so genau. Dabei waren sie einst von zwei Unnaern gegründet worden, die beide schon als freie Bürgermeisterkandidaten zur Wahl standen: Meinolf Schmidt und Jörg Hißnauer waren im ersten Wahlgang 2004 noch Teilnehmer einer Sechserkonkurrenz.

Mit freien Kandidaten ist immer zu rechnen

Die freien Kandidaten waren in Unna früher einmal ein typisches Phänomen. Der vermutlich schillerndste davon dient noch heute als Beispiel dafür, wie leicht oder wie schwer es ein freier Bewerber hat, auf den Stimmzettel zu kommen.

Der damalige Nachtclubbetreiber Achim Megger scheiterte 2004 zunächst an der Zulassung, weil er als Staatenloser keinen gültigen Pass vorlegen konnte. Megger wurde danach amtlich Pole und damit Bürger eines EU-Mitgliedsstaates, schenkte Unna 2009 den schrägsten Wahlwerbespot seiner Zeit und heimste 456 Stimmen ein.

Wahlrecht

Was ein Bewerber mitbringen muss

  • Wer für das Amt des Bürgermeisters kandidieren will, muss mindestens 23 Jahre alt sein, einen festen Wohnsitz irgendwo in der Bundesrepublik haben, entweder Deutscher im Sinne des Grundgesetzes oder Staatsbürger eines EU-Mitgliedsstaates sein.
  • Die Anmeldung muss bis zum 59. Tag vor der Wahl vorliegen. Das ist diesmal der 16. Juli. Ihr müssen die Unterschriften von 260 wahlberechtigten Unnaern beiliegen – es sei denn, der Wahlvorschlag stammt von einer Partei, die in Bundes- oder Landtag vertreten ist.
  • Der Kandidat darf sein Wahlrecht nicht verloren haben und muss das Grundgesetz und die rechtliche Grundordnung in Deutschland anerkennen.
  • Eine Entscheidung über die Zulassung trifft der Wahlausschuss des derzeitigen Stadtrates – vermutlich am 23. Juli.

Meggers Beispiel verdeutlicht noch etwas von Belang: Man muss kein Verwaltungsfachwirt sein, um sich für die Position des Behördenchefs zu bewerben. Die Unterstützerunterschriften zu sammeln, schien einem Mann mit seinem Bekanntheitsgrad nicht schwer zu fallen. Verlangt werden übrigens immer Unterschriften von fünfmal so vielen Bürgern, wie es Mitglieder im Stadtrat gibt.

Bewerbungsfrist läuft bis zum 16. Juli, 18 Uhr

Ob es auch diesmal wieder freie Bewerber um das Bürgermeisteramt gibt, wird vielleicht erst am Abend des 16. Julis feststehen, wenn die Meldefrist abgelaufen ist. Zumindest Interessensbekundungen hat es aber schon gegeben. Wer sich im Rathaus danach erkundigt, wie man eigentlich bei der Bürgermeisterwahl antritt, der kann den entsprechenden Formularsatz gleich mitnehmen.

Und Oliver Böer als Referent des derzeitigen Amtsinhabers und Verwaltungssprecher bestätigt zumindest, dass dies bereits erfolgt ist. Wer darum gebeten hat, unterliegt natürlich der Vertraulichkeit.

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