Trotz Ferien ist es nicht zu übersehen: Unnas Straßen sind voll. Tempolimits und Fußgängerampeln ändern nichts daran, dass einfach zu viele Autos unterwegs sind. Von einer dringend notwendigen „Verkehrswende“ ist dann die Rede. Doch was genau ist damit eigentlich gemeint?

Unna

, 24.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Es sind Bilder, die sich in schöner Regelmäßigkeit wiederholen: Wochentags gegen 18 Uhr ist die rechte Fahrspur des Verkehrsrings im Tunnel dicht. Gibt es mal wieder einen Unfall auf der A1, quält sich eine Blechlawine über die Friedrich-Ebert-Straße. Staut es sich auf der A44, wird die B1 zum Standstreifen zahlreicher Lastwagen. Autos auf Unnas Straßen gibt es viele. Und es werden gefühlt immer mehr.

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Nicht erst seit den „Friday for Future“-Demonstrationen ist in diesem Zusammenhang immer wieder das Wort „Verkehrswende“ zu hören. Per Definition meint dies die Umstellung auf einen CO2-armen, idealerweise sogar CO2-freien Verkehr. Statt im Auto sollen die Menschen also mit dem Rad, dem Bus, der Bahn oder zu Fuß an ihre jeweiligen Ziele gelangen.

Autonutzung in Unna und ihre Folgen

Das Gefühl, dass in Unna immer mehr Autos unterwegs sind, lässt sich mit Zahlen belegen. Schon die Mobilitätsbefragung des Kreises Unna im Jahr 2013 zeigte, dass die Zahl der Auto pro Haushalt stetig anstieg: „Waren 1987 je Haushalt im Kreis Unna 1,1 PKW verfügbar, so hat der normale Haushalt aus dem Jahr 2013 im Schnitt 1,4 PKW zur Verfügung.“

Und auch die Wege, die mit dem Auto zurückgelegt werden, sind mehr und länger geworden. Dauert der durschnittliche Weg zur Arbeit im Jahr 1987 noch 17 Minuten, waren es vor sechs Jahren bereits 21 Minuten. Mit ein Grund: Arbeitsplätze waren vor 32 Jahren häufig im näheren Umfeld zum Wohnort zu finden. 2013 verließen laut der Mobilitätsstudie des Kreises Unna fast die Hälfte aller Arbeitswege (43%) das Kreisgebiet.

„Ein breiter, dreispuriger Verkehrsring und etwa 4000 Parkplätze in der Innenstadt von Unna laden dazu ein, das Auto zu verwenden.“
Helmut Papenberg, ADFC-Sprtecher Unna

Auch eine Erkenntnis aus der Studie: Die Verkehrsströme auf der Nord-Süd-Achse zwischen Unna und Kamen sind auffallend stark ausgeprägt. Knapp 19.000 Fahrten wurden laut der Studie täglich zwischen Unna und Kamen durchgeführt. Das sind deutlich mehr als jeweils zwischen diesen Städten und Dortmund. Die Staus, die regelmäßig morgens und abends auf der Friedrich-Ebert-Straße zu beobachten sind, zeigen, dass sich diese Zahlen in den vergangenen sechs Jahren tendenziell eher noch erhöht haben dürften.

Auffallend: In Unna wurden laut der Mobilitätsstudie 2013 schon mehr als die Hälfte aller Wege innerhalb der Stadt mit dem Auto zurückgelegt. 65,5 Prozent des Verkehrs in der Stadt entfielen vor sechs Jahren auf den Autoverkehr. Gerade mal elf Prozent der Wege in Unna wurden dagegen mit den Fahrrad zurückgelegt, knapp 14 Prozent zu Fuß.

Stau, Abgase, Lärm: Wieso Unna eine Verkehrswende braucht

Die Einführung von Tempo 30 auf der Friedrich-Ebert-Straße im Frühjahr 2019 soll der Lärmreduzierung dienen. Weniger Autos fahren dadurch nicht über die Hauptverkehrsachse zwischen Unna und Kamen. © Dirk Becker

Diese Zahlen mögen erstaunlich erscheinen, wenn man bedenkt, dass die Stadt Unna seit 1993 Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte (AGFS) ist. Doch schon die Studie von 2013 kam zu dem Schluss, dass eine Mitgliedschaft in der AGFS kein Garant für einen hohen Radverkehrsanteil sei. Für die beiden ADFC-Sprecher Heinz Kauschalek und Helmut Papenberg ist der hohe Autoanteil in Unna hausgemacht: „Ein breiter, dreispuriger Verkehrsring und etwa 4000 Parkplätze in der Innenstadt laden dazu ein, das Auto zu verwenden.“

Auto versus Fahrrad in Unna

Autos und Fahrräder teilen sich in Unna viele Verkehrswege. Zusammenstöße sind da keine Seltenheit, wie jüngst das Beispiel am Afferder Weg zeigte, als ein 17-jähriger Radfahrer hinter dem Bahnübergang von einem Auto erfasst wurde. Tatsächlich ist die Zahl der Unfälle mit Radfahrern im vergangenen Jahr leicht angestiegen, wie aus der aktuellen Verkehrsunfallstatistik der Kreispolizeibehörde Unna hervorgeht.

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Fast jeder vierte Mensch, der 2018 bei einem Verkehrsunfall im Kreis Unna verunglückte, war ein Radfahrer. Hinzu kommt: In 40 Prozent dieser Unfälle war der Radfahrer selbst der Verursacher des Unfalls, weil er sich nicht an die Verkehrsregeln gehalten hatte. Das Miteinander von Autos und Fahrrädern scheint kreisweit noch bei weitem nicht selbstverständlich zu sein.

Helmut Papenberg und Heinz Kauschalek schauen da neidisch in die Niederlande: Dort sind Radfahrer oft baulich von Autofahrern getrennt. Bordsteine oder sogar Pflanzbeete trennen dort an Hauptstraßen in größeren Städten den motorisierten Verkehr von den Radlern. „Es wäre doch durchaus auch denkbar, den Verkehrsring in Unna auf zwei Spuren zu begrenzen und die dritte Spur als Radspur auszuweisen“, meint Papenberg.

Bus und Bahn als Alternative

Wer von der Verkehrswende spricht, hat dabei auch den öffentlichen Personennahverkehr im Blick. Es liegt auf der Hand: Nutzen mehr Menschen die Busse und Bahnen, um zu ihren jeweiligen Zielen zu gelangen, sinkt die Zahl des - in aller Regel motorisierten - Individualverkehrs auf den Straßen.

Laut der Mobilitätsumfrage des Kreises Unna 2013 wurden vor sechs Jahren nur knapp vier Prozent aller Wege in Unna mit dem Bus und gut fünf Prozent mit der Bahn zurückgelegt. Warum die Unnaer den öffentlichen Nahverkehr nicht oft nutzen? Unflexible Fahrzeiten, hohe Kosten und ein schlechtes Angebot waren die Gründe, die die Befragten der Studie vor sechs Jahren angaben.

In den kommenden Wochen geben wir in loser Folge einen Überblick über beispielhafte Orte und Situationen, anhand derer Unna einen Schritt zur Verkehrswende machen könnte.

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