Der entscheidende Moment am 13. April 1959, festgehalten von der Doppel-8-Kamera Margot Nowodworskis: Zwei Handwerker bekommen die Fangleine des Kreuzes zu fassen, das ein Sikorsky-Hubschrauber der damals noch jungen Bundeswehr auf den Kirchturm getragen hat. © Margot Nowodworski

Mit Video: Wie die Bundeswehr das Kreuz auf die Stadtkirche trug

Als die Bundeswehr 1959 das Kreuz auf die Stadtkirche setzte, war es für Unna eine Sensation. Sensationell ist auch ein Film, den zwei Fotoprofis von dem Einsatz gedreht haben. Jetzt ist er digital verfügbar.

Digitalisierung scheint nicht das Lieblingsthema zu sein von Olaf Nowodworski. Sie gehört halt zum Handwerk des Fotografenmeisters, und deshalb steht ganz weit hinten in seinen Räumen auch ein Computer. Doch der Weg dorthin führt vorbei an Galerien voller Foto- und Filmapparate vergangener Jahrzehnte. Ob aus seiner eigenen Arbeit oder noch von Foto Wagner, dem Geschäft seiner Eltern übernommen: Der Mann hat eine große Liebe für das Nostalgische. Und wer einmal das „Arthaus“ besucht hat, das sein Bruder Dietmar betreibt, der ahnt gleich hinter der Eingangstür von „Nowofoto“, was die beiden gemeinsam haben.

In diesem Spannungsfeld zwischen analogem Zeitalter und Digitalisierung hat Olaf Nowodworski nun einen Schatz aufgetan: einen Film von der Sanierung der Evangelischen Stadtkirche. Nicht von der derzeitigen Sanierung, sondern aus dem Jahr 1959. Gedreht in „Doppel-8“ von seinen Eltern Heinz und Margot mit zwei Kameras zeigt er ein Ereignis, das auch unsere Zeitung damals als eine Sensation gefeiert hat.

Eine ganze Seite und ein Foto auf dem Titelblatt widmete der Hellweger Anzeiger dem Ereignis in seiner Ausgabe vom 14. April 1959. Für damalige Verhältnisse war das ungewöhnlich viel Raum.
Eine ganze Seite und ein Foto auf dem Titelblatt widmete der Hellweger Anzeiger dem Ereignis in seiner Ausgabe vom 14. April 1959. Für damalige Verhältnisse war das ungewöhnlich viel Raum. © HA-Archiv © HA-Archiv

Die Bundeswehr im Einsatz über Unna, aber Gott sei Dank unterwegs in friedlicher Mission. Gott sei Dank? Die Kirche dankt! Denn die noch junge Streitkraft half tatkräftig mit, den Bauarbeiten das i-Tüpfelchen aufzusetzen. Das Kreuz auf dem Turm der Evangelischen Stadtkirche war zur Überarbeitung abgenommen worden. Wie man es nun wieder hochbekommen sollte, ohne gleich wieder ein paar Dellen einzuschlagen, war eine Frage, deren Antwort die Bundeswehr gab.

Auf dem Alten Markt konnten damals noch Autos parken und Straßenbahnen fahren. Für den Hubschraubereinsatz der Bundeswehr war er aber als Notlandeplatz gesperrt worden.
Auf dem Alten Markt konnten damals noch Autos parken und Straßenbahnen fahren. Für den Hubschraubereinsatz der Bundeswehr war er aber als Notlandeplatz gesperrt worden. © HA-Archiv © HA-Archiv

Angeblich musste Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß diesen Einsatz persönlich genehmigen. Und auch danach ging einiges schief an jenem Tag im April 1959, der zwar ein 13. war, aber wenigstens ein Montag. Erst sollte der Hubschrauber nach seinem Start in Niedermendig bei Koblenz gegen 11 Uhr in Unna eintreffen. Dann wurde seine Ankunft auf 14.30 Uhr verschoben. Tatsächlich schaffte er es dazwischen: Um 12.20 Uhr erschallten Motor und Rotor des Sikorsky-Hubschraubers über Unna, die anwesenden Journalisten und etliche Schaulustige in die Irre führend.

Der Sikorsky-Hubschrauber auf einem Bild aus dem Fundus von Werner Niederastroth: Auch Farbfotos waren damals noch keine Selbstverständlichkeit. Die Presse fotografierte noch in Schwarz-Weiß.
Der Sikorsky-Hubschrauber auf einem Bild aus dem Fundus von Werner Niederastroth: Auch Farbfotos waren damals noch keine Selbstverständlichkeit. Die Presse fotografierte noch in Schwarz-Weiß. © Werner Niederastroth © Werner Niederastroth

Einer dieser Schaulustigen leistet noch heute einen wichtigen Beitrag für die Sanierung des Unnaer Wahrzeichens. Hans-Peter Wigger, Vorsitzender des Vereins zur Erhaltung der Evangelischen Stadtkirche, war damals 15 Jahre alt und praktisch ein Nachbar der Kirche. Für ihn und seine Freunde war der Bundeswehreinsatz eines der „spektakulärsten Ereignisse jener Jahre“ in Unna.

Das Kreuz bei der Überarbeitung im Sommer 2020. Diesmal hatte man keinen Hubschrauber angefragt, sondern einfach das Baugerüst höher gezogen, um das Metallstück mit einem Flaschenzug aus dem Kaiserstiel zu heben.
Das Kreuz bei der Überarbeitung im Sommer 2020. Diesmal hatte man keinen Hubschrauber angefragt, sondern einfach das Baugerüst höher gezogen, um das Metallstück mit einem Flaschenzug aus dem Kaiserstiel zu heben. © Sebastian Smulka © Sebastian Smulka

Das Kreuz, immerhin 6,10 Meter hoch und rund 400 Kilogramm schwer, war in den Tagen vor dem Hubschraubereinsatz an der Kirche ausgestellt worden, dann aber zur Hellweg-Kaserne an der Iserlohner Straße gebracht worden. Auf dem Kasernengelände, das in den 90er-Jahren mit dem Wohnpark Unna-Süd überbaut wurde, nahm der Sikorsky-Hubschrauber das Kreuz der Kirche an den Haken, um es zwei Zimmerleuten auf dem hölzernen Baugerüst anzureichen. Mit Fangseil und Sprechfunk verbunden gelang es Soldaten und Handwerkern, das generalüberholte Kreuz wieder einzustielen.

In diesen ausgehöhlten Baumstamm mussten Pilot und zwei Zimmermänner das Kreuz einführen.
In diesen ausgehöhlten Baumstamm mussten Pilot und zwei Zimmermänner das Kreuz einführen.

Für Hans-Peter Wigger und seine Freunde war das Erlebnis auch ein sportives Ereignis. Mit den Fahrrädern waren sie zur Kaserne gefahren, um dann dem startenden Hubschrauber wieder in Richtung Innenstadt hinterher zu sprinten.

Möglicherweise haben sie ihn sogar überholt. Die Räder in die Ecke gepfeffert und flugs auf den Dachboden des Elternhauses hochgesprintet hatten der kleine Peter und seine Freunde besten Blick auf die Stadtkirche.

Ein weiteres Bild von Werner Niederastroth zeigt eine Totale von der Kirche mit Hubschrauber darüber.
Ein weiteres Bild von Werner Niederastroth zeigt eine Totale von der Kirche mit Hubschrauber darüber. © Werner Niederastroth © Werner Niederastroth

Margot und Heinz Nowodworski gewannen das Rennen mit dem Hubschrauber wie in der Geschichte von Hase und Igel: Die beiden Inhaber von Foto Wagner hatten sich einfach aufgeteilt. Er bezog mit seiner Doppel-8-Kamera Position an der Hellweg-Kaserne, sie an der Stadtkirche. Mit Vorsatzlinsen, die die Brennweite der Kamera veränderten, fingen die beiden das Ereignis aus unterschiedlichsten Perspektiven ein.

Danach war das Handwerkszeug des Filmemachers gefragt, das damals um einiges mühsamer war als in Zeiten der Smartphone-Videos. Einen Film schneiden, das galt seinerzeit wörtlich. In einem kleinen Apparat mit Durchlichtbirnchen wurde der entwickelte Filmstreifen eingespannt und so präzise platziert, dass ein echter Schnitt die Streifen trennte, auf dass sie neu zusammengefügt werden konnten.

Entstanden ist ein 2:45-minütiger Film über ein Ereignis, über das Zeitzeugen wie Hans-Peter Wigger zwar lebhaft zu berichten wissen, dessen Bilder aber ansonsten zu verblassen drohen würden. Mag heute kaum ein Ereignis zu banal erscheinen, als dass es irgendjemand mit seinem Smartphone festhalten und in Social Media veröffentlichen würde, so brauchte es damals eine Sensation, damit aus der kleinen Schar der Profis jemand die Kamera zückte, um Kosten und Mühen der Produktion auf sich zu nehmen. Eine Sensation aber ist auch, was sie ihrer Nachwelt hinterlassen haben.

Von der Bedeutung des Ereignisses zeugt auch, dass sogar in der Kirche selbst, am Aufgang zur Orgelempore, ein Bild davon hängt. Pfarrerin Elke Markmann ist übrigens Enkeltochter von des damaligen Kirchmeisters Ernst Tommes, der den Kontakt zur Bundeswehr hergestellt und möglicherweise auch mit seinem Installateursbetrieb das Kreuz überholt hat.
Von der Bedeutung des Ereignisses zeugt auch, dass sogar in der Kirche selbst, am Aufgang zur Orgelempore, ein Bild davon hängt. Pfarrerin Elke Markmann ist übrigens Enkeltochter des damaligen Kirchmeisters Ernst Tommes, der den Kontakt zur Bundeswehr hergestellt und möglicherweise auch mit seinem Installateursbetrieb das Kreuz überholt hat. © Sebastian Smulka © Sebastian Smulka

Dass im Fundus von Margot und Heinz Nowodworski noch einige Schätze schlummern, ist zumindest einmal dringend anzunehmen. Im Blick von ihrem Sohn Olaf liegt etwas verschmitzt Freudiges, wenn man ihn danach fragt. Natürlich kennt er das Archiv der beiden, die auch abseits des Geschäfts immer wieder zur Kamera griffen, um Zeitgeschichte in Foto und Film festzuhalten. Dass er Teile davon schon digitalisiert hat, räumt er auf Nachfrage ein. Einen Bilderbogen mit historischen Ansichten hat er sogar einmal für den Verkauf zusammengestellt. Aber welche Überraschungen den Unnaern beizeiten noch geboten werden könnten, das lässt er gerne offen.

Für den Film über die Stadtkirche war es nun an der Zeit, dass dieser Schatz gehoben wird. Sechs Jahrzehnte liegen zwischen der Kirchensanierung damals und heute. Zeit, in der sich die Technik sehr viel weiter entwickelt hat. Was die Nowodworskis damals mit teurem Profigerät und handwerklichem Geschick geleistet haben, gelingt heute Amateuren mit einem Mobiltelefon und einer einfachen Schnittsoftware auf dem Computer.

Auf das Baugerüst am Kirchturm fahren die Arbeiter heute mit dem Aufzug. Stabil wie es ist, musste das Kreuz diesmal gar nicht ganz herab genommen werden: Kunstschmied Leo G. Pira, der im Jahr 2020 die Überarbeitung des Kreuzes übernahm, ließ einfach das Gerüst aufstocken, um die 400 Kilogramm Eisen und Blechummantelung aus dem Kaiserstiel zu heben.

Ob Annegret Kramp-Karrenbauer heute so einfach einen Bundeswehreinsatz genehmigen würde, damit die Truppe auf einer Baustelle der Kirche aushilft, ist ungewiss. Vielleicht würden die Medien heute keine Sensation daraus machen, sondern einen Skandal. Vielleicht wäre die Bundeswehr heute aber auch genauso unpünktlich wie damals.

Über den Autor
Redaktion Unna
Verwurzelt und gewachsen in der Hellwegbörde. Ab 1976 Kindheit am Hellweg in Rünthe. Seit 2003 Redakteur beim Hellweger Anzeiger. Hat in Unna schon Kasernen bewacht und grüne Lastwagen gelenkt. Aktuell beäugt er das politische Geschehen dort und fährt lieber Fahrrad, natürlich auch auf dem Hellweg.
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Sebastian Smulka