So sieht eine Doppelstunde Mathe zu Corona-Zeiten aus: Michael Koerdt sitzt im Klassenraum seiner sechsten Klasse des Pestalozzi-Gymnasiums Unna und unterrichtet seine Schüler via „Teams“. © Anna Gemünd
Bildung

Mit Video: So klappt der Digitalunterricht an einem Gymnasium in Unna

Arbeitsblätter per Mail, Fotos von Hausaufgaben und telefonische Sprechstunden – so sieht der Distanzunterricht vielerorts aus. Am Pestalozzi-Gymnasium geht man einen anderen Weg – mit Erfolg.

Um 7.55 Uhr hat Michael Koerdt alle Namen abgehakt. Alle seine Schüler sind anwesend, 26 Sechstklässler sind zur Doppelstunde Mathe erschienen. „Fangen wir mit den Hausaufgaben an; wer möchte seine Lösungen vorstellen?“ fragt der Lehrer in die Runde. Drei Schüler melden sich. Es ist eine normale Unterrichtsstunde, die hier läuft – fast. Denn Michael Koerdt steht in einem leeren Klassenzimmer des Pestalozzi-Gymnasiums (PGU).

Digitalisierung an Unnas Schulen

Warten auf die Endgeräte

  • Aus den Mitteln des Digitalpaktes des Landes NRW hat die Stadt Unna im Oktober 2020 Endgeräte für Schüler und Lehrer bestellt.
  • Während die 950 bestellten Schüler-Laptops nicht ausreichen, um jeden Schüler in Unna auszustatten und daher nach Bedarf verliehen werden sollen, können mit den 635 bestellten Tablets für die Lehrer alle Pädagogen in Unna ausgestattet werden.
  • Mit acht Wochen Lieferzeit müsse man rechnen, erfuhr die Stadt Unna bei der Bestellung. Zu diesem Zeitpunkt bestellten alle Schulen des Landes Geräte, weil die Finanzierung vom Land geklärt war. Kurz vor Weihnachten waren die ersten Schüler-Laptops in Unna eingetroffen.

Seine Schüler sieht der Mathematik- und Sportlehrer auf seinem Laptop. Ihre Anwesenheit im „Teams“-Chatkanal hat er gerade per Mausklick bestätigt. Dass drei Schüler ihre Hausaufgaben vorstellen wollen, sieht der Pädagoge daran, dass sie die „Hand heben“-Funktion im Chat aktiviert haben. Unterricht via „Teams“ – das ist für Koerdt und seine Kollegen Alltag. „Wir machen das seit Mitte Dezember und es läuft tatsächlich sehr, sehr gut“, sagt Michael Koerdt.

Unterricht läuft nach dem normalen Stundenplan

Tatsächlich findet am PGU Unterricht nach der normalen Stundentafel statt – für alle Jahrgänge. Das heißt im Fall von Michael Koerdts 6. Klasse: Ab 7.50 Uhr läuft der Unterricht; Mathe, Englisch, Deutsch – alle Fächer werden „ganz normal“ unterrichtet. Mit einem Unterschied: Das Klassenzimmer ist ein Chat-Kanal im Microsoft-Programm „Teams“. Alle Lehrer und Schüler haben das Programm auf ihren Endgeräten. „Die sind teilweise auch von uns an die Schüler verliehen worden“, erklärt PGU-Schulleiterin Angelika Remmers.

Damit alle wissen, wie das Programm optimal nutzbar ist, bildete sich bereits im Sommer am PGU eine „Task-Force“. Lehrer, die besonders technikaffin sind, meldeten sich freiwillig, um in dieser Gruppe die Möglichkeiten des Videounterrichts auszuloten und vor allem: diese ihren Kollegen zu vermitteln.

Medientag für die Jüngsten

„Wir haben Ende der Sommerferien zwei Tage lang Schulungen gemacht“, sagt Michael Koerdt. Im Herbst folgte dann ein Medientag für die neuen Fünftklässler. „Gerade für die Jüngsten ist der Distanzunterricht ja eine große Herausforderung. Wir haben mit ihnen geübt, wie sie sich ein Passwort einrichten, wie sie im Chat-Kanal anzeigen, dass sie etwas sagen wollen und wie sie ein Foto teilen können“, sagt Koerdt.

Wie sehr sich diese Schulungen auszahlen, zeigt das Beispiel der Klasse 6c: Lara hat sich per Mausklick gemeldet und darf nun ihre Hausaufgaben vorstellen. Souverän teilt die Sechstklässlerin ihre Bildschirm-Ansicht mit ihren Mitschülern und Lehrer Michael Koerdt; ihr gezeichnetes Schrägbild eines Aquariums ist nun für alle zu sehen. „Wie sieht das für euch aus, ist die Aufgabe richtig gelöst?“ fragt Koerdt in die Runde, „Lara, nimm‘ du mal jemanden dran, der dir Feedback gibt.“

Lehrer nutzen derzeit noch ihre Privatgeräte

Beeindruckend: Die Elf- bis Zwölfjährigen nutzen die Funktionen des Chat-Kanals so selbstverständlich, als hätten sie schon immer so Unterricht gehabt. „Das musste sich natürlich auch erst einspielen“, räumt Michael Koerdt ein, „aber es klappt immer besser.“

Digitaler Matheunterricht am PGU © Anna Gemünd © Anna Gemünd

Auf seinem Tablet, das mit dem Laptop verbunden ist, kann Koerdt Aufgaben „anschreiben“, die die Schüler dann direkt auf ihren Bildschirmen sehen. Später stellt er diese Mitschriften dann in den Chat-Kanal – so können die Schüler den gesamten Stoff der Stunde später noch nachlesen, wenn sie wollen. Laptop, Tablet – zur Wahrheit gehört auch, dass Michael Koerdt hier seine privaten Geräte nutzt. „Die von der Stadt bestellten Geräte für Lehrer, die vom Land finanziert werden, sind bisher leider noch nicht angekommen“, bedauert Schulleiterin Angelika Remmers.

Michael Koerdt hat sich das Tablet bewusst angeschafft, weil es seinen Unterricht auch für ihn vereinfacht. „Und es macht natürlich auch mehr Spaß, wenn man technisch alle Möglichkeiten hat“, sagt der Pädagoge.

„Ich stelle jetzt vor dem Unterricht Fotos von den Aufgaben in den Dateibereich des Chat-Kanals, anstatt Arbeitsblätter zu kopieren.“

Michael Koerdt, Lehrer am PGU

Sogar Gruppenarbeit ist möglich

Seine Unterrichtsvorbereitung hat sich durch den Wechsel zum Distanzunterricht nur geringfügig verändert: „Ich stelle jetzt vor dem Unterricht Fotos von den Aufgaben in den Dateibereich des Chat-Kanals, anstatt Arbeitsblätter zu kopieren.“ Und auch typische Lehrer-Sätze aus dem „normalen“ Klassenraum haben es ins digitale Klassenzimmer geschafft. Als Michael Koerdt seine Schüler für eine Aufgabe in Kleingruppen einteilt, bietet er an: „Ich komme dann zwischendurch mal bei euch rum.“ Während er sonst ins einem Klassenraum von Tisch zu Tisch gehen würde, um die einzelnen Gruppen zu unterstützen, klinkt sich Koerdt in die digitalen Gruppenräume ein, die er zuvor erstellt hat und denen die Schüler automatisch zugewiesen wurden.

Technik stößt manchmal an Grenzen

„Dadurch ergeben sich auch immer andere Konstellationen, in denen die Schüler zusammenarbeiten müssen. Das schult ungemein, denn in ihrer jeweiligen Gruppe müssen sie sich auch Regeln erarbeiten, wie sie auf die Distanz gut zusammenarbeiten können“, hat Koerdt beobachtet, dass seine Schüler durch das Lernen auf Distanz viele neuen Kompetenzen erwerben – nicht nur in Mathematik.

„So froh ich bin, dass wir so den Kontakt halten können – der persönliche, direkte Kontakt von Angesicht zu Angesicht ist durch nichts zu ersetzen.“

Michael Koerdt

Natürlich läuft auch im Distanzunterricht nicht immer alles rund. Immer mal wieder kommt vor allem die Technik an ihre Grenzen. An diesem Donnerstagmorgen ist es das Wetter, das einen Schüler vorsorglich vor Beginn der Stunde zu der Meldung veranlasst: „Bei uns ist es sehr stürmisch, es kann also sein, dass mein Internet zwischendurch weg ist.“

Vorfreude auf „echten“ Kontakt ist groß

Meistens liegt eine schwache Internetverbindung jedoch an einem anderen „Corona-Phänomen“: „Bei vielen Schülern sind die Eltern ganz oder teilweise im Homeoffice und da merkt man dann schon, dass die Datenleitungen drei oder sogar vier Verbindungen gleichzeitig nicht schaffen“, sagt Michael Koerdt.

Nicht nur deswegen freut sich Koerdt trotz der positiven Erfahrungen sehr auf den Moment, wenn er seine Schüler wieder im Klassenraum vor sich sieht – und nicht nur auf einem Monitor. „Ich bin schließlich Lehrer geworden, um mit Menschen zusammen zu arbeiten. So froh ich bin, dass wir so den Kontakt halten können – der persönliche, direkte Kontakt von Angesicht zu Angesicht ist durch nichts zu ersetzen.“

Über die Autorin
Redaktion Unna
Sauerländerin, Jahrgang 1986. Dorfkind. Liebt tolle Geschichten, spannende Menschen und Großbritannien. Am liebsten draußen unterwegs und nah am Geschehen.
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