30 Jahre Mauerfall: Für Jugendliche ist das nur etwas aus dem Geschichtsbuch

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Sie sind 17 Jahre alt, bereiten sich aufs Abitur vor und den Mauerfall kennen sie nur aus dem Geschichtsbuch: Wie blicken Jugendliche heute auf das, was vor 30 Jahren die Welt veränderte? Zu Besuch in einem Geschichtskurs am EBG.

Unna

, 09.11.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Das trifft nach meiner Kenntnis...ist das sofort, unverzüglich.“ Wo waren Sie, als Günter Schabowksi jenen legendären Satz sagte? Jede Wette, dass Sie genau wissen, wo sie damals waren? Dass Sie genau wissen, wo Sie diese Nachricht erreicht hat; dass Sie sich erinnern, wie Sie den Fernseher anstellten und versuchten, zu begreifen, was da gerade passierte: Die Mauer, die Berlin über 28 Jahre geteilt hatte, war plötzlich nicht mehr als ein Stück Beton, schlagartig passierbar von Ost nach West, geöffnet für alle, die in dieser Nacht des 9. November 1989 „rüber“ wollten. Erst nach und nach reifte die Erkenntnis: Das ist ein historischer Moment. Die Teilung Deutschlands ist beendet.

„Historisch“, „weltpolitisch“ - das steht auch in dem Geschichtsbuch, das die Schüler des Geschichtskurses von Nikolas Berghoff vor sich liegen haben. Der 9. November 1989 ist ein zentrales Datum in den Überblicksseiten zur deutschen Nachkriegszeit. Ein Datum wie jedes andere auch, das die Schüler in ihrer Laufbahn im Geschichtsunterricht bisher gelernt haben: 333- die Schlacht Alexander des Großen bei Issos, 1492 - die Entdeckung Amerikas, 1798-1799 - die Französische Revolution - Daten, die jeder Schüler im Laufe seiner Schulkarriere auswendig lernt. Genau so ein Datum ist auch der 9. November 1989. Ein Datum aus dem Geschichtsbuch.

30 Jahre Mauerfall: Für Jugendliche ist das nur etwas aus dem Geschichtsbuch

Ein Ereignis aus dem Geschichtsbuch wie jedes andere auch: Schüler des Q2-Leistungskurses Geschichte von Nikolas Berghoff am Ernst-Barlach-Gymnasium beschäftigen sich 30 Jahre nach dem Mauerfall mit den Ereignissen vom 9. November 1989. © Anna Gemünd

Aber sollte der 9. November 1989 nicht viel mehr sein als das? Verglichen mit der Schlacht bei Issos 333 müsste der Tag des Mauerfalls, der letztlich zur Wiedervereinigung Deutschlands geführt hat, deutschen Schülern doch eigentlich mehr sein als „nur“ ein Datum zum Auswendiglernen, sollte man meinen.

„Ein bisschen anderer Akzent vielleicht.“

Marcio, 17 Jahre, auf die Frage, was im Osten Deutschlands anders sei als im Westen

Für die Schüler von Nikolas Berghoff ist das keine leicht zu beantwortende Frage. Gerade erst waren sie auf Studienfahrt in Leipzig und Weimar, „drüben“ also. „Was war da anders, ist euch was aufgefallen?“, fragt Lehrer Nikolas Berghoff. Langes Schweigen. „Ein bisschen anderer Akzent vielleicht“, meint schließlich der 17-jährige Marcio. „Ampelmännchen!“, fallen Lars ein. Ganz klar: Einen wirklichen Unterschied zwischen den neuen und alten Bundesländern haben die Gymnasiasten 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht mehr feststellen können.

30 Jahre Mauerfall: Für Jugendliche ist das nur etwas aus dem Geschichtsbuch

Wie lief der Prozess der Wiedervereinigung ab? Für die heutigen Schüler, die alle weit nach dem Mauerfall geboren wurden, sind das Fakten, die sie auswendig lernen müssen. © Anna Gemünd

„Die Deutsche Einheit betrifft mich hier im Westen nicht; ich habe ja keine Vor- und Nachteile dadurch.“
Mika, 17 Jahre

„Also ist die Wiedervereinigung abgeschlossen, was meint ihr?“, bohrt Lehrer Berghoff weiter. Da gehen die Meinungen dann doch auseinander. „All die Probleme, die es 1989 gab, gibt es heute auch noch. Ich glaube, viele in der ehemaligen DDR fühlen sich noch immer fremdbestimmt. Das sieht man ja auch an den Wahlen“, meint Mika. Roman sieht das anders: „Die Wiedervereinigung ist schon zu einem Teil abgeschlossen, finde ich. Es gibt doch für uns nicht viele Unterschiede, wenn wir in den Osten fahren.“

Hat die deutsche Einheit eine Bedeutung für sie persönlich, will Nikolas Berghoff von seinen Schülern wissen. „Einheit an sich hat eine große Bedeutung für mich, Denn das sagt, dass man zusammen Konflikte lösen möchte. Ich würde das aber unabhängig von der Deutschen Einheit im Speziellen sehen“, meint Katharina.

„Die Deutsche Einheit ist nicht so wichtig wie die Einheit der Welt. “
Johannes, 17 Jahre

Ihr Mitschüler Johannes geht sogar noch einen Gedankengang weiter: „Die Deutsche Einheit ist nicht so wichtig wie die Einheit der Welt. Dafür braucht man keine deutsche, sondern eine Welteinheit.“ Und Mika meint: „Die Deutsche Einheit betrifft mich hier im Westen nicht; ich habe ja keine Vor- und Nachteile dadurch.“

Nikolas Berghoff ist nicht überrascht, dass seine Schüler die Bedeutung der Deutschen Einheit für ihr persönliches Leben als eher gering einschätzen. „Man muss bedenken, wann sie geboren sind. Das sind die Jahrgänge Anfang der 2000er. Sie haben nie diese Bilder gesehen, wie die Menschen über die Grenze gelaufen und auf die Mauer geklettert sind. Das macht etwas mit dem historischen Moment dieses 9. Novembers 1989“, meint der Pädagoge.

Das Entscheidende jeglicher Ereignisse, die in Geschichtsbüchern festgehalten sind, haben die jungen EBG-Schüler allerdings auch beim 9. November 1989 erkannt: „Wenn man sich das mit dem 9. November 1989 im Geschichtsbuch anguckt, ist das interessant - zumal man aus dem, was damals passiert ist, lernen kann“, findet Mika. Und das gilt eben auch für die Generation, die weit nach jenem historischem Datum geboren ist.

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