Dass der Klimawandel in Unna immer mehr Bäume fällt, kann die Stadt alleine nicht verhindern. Und doch ist der Mangel an Grün in vielen Teilen Unnas nichts anderes als die Folge falscher Entscheidungen.

Unna

, 11.11.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die bevorstehende Fällung der Blutbuche an der alten Post wird eine Lücke reißen in den ohnehin überschaubaren Baumbestand der Unnaer Innenstadt, vielleicht aber auch in die Herzen mancher Unnaer. Denn die Nachricht von der Entscheidung, das Naturdenkmal aufzugeben, hat großes Bedauern ausgelöst.

Viele Passanten machten nach dem Bekanntwerden noch einmal einen Halt an der Post, um sich die stattliche Buche ein letztes Mal ganz bewusst anzuschauen oder ein Foto zu schießen. Dass der Kreis dem Eigentümer angeboten hat, eine Neuanpflanzung zu finanzieren, wurde von den Passanten im Gespräch mit Wohlwollen aufgenommen. Trotzdem ist klar, dass es Generationen dauern wird, bis ein einzelner Baum den ökologischen Wert dieses stattlichen Gewächses gewonnen hat.

Unnas Mangel an Bäumen ist auch ein Planungsfehler

DIe große Blutbuche vor der Post ist krank und umsturzgefährdet. Sie soll noch vor Beginn des Weihnachtsmarktes am 25. November gefällt werden. © Sebastian Smulka

Bäume dieser Größenordnung sind selten geworden in der Unnaer Innenstadt. Die Linde an der Stadtkirche etwa, aber auch die Kastanien am Morgentor und im Nicolaiviertel dürften Kennern der Stadt schnell einfallen, natürlich auch die Bäume im Stadtgarten. Aber die Zahl der Abgänge nimmt zu.

Ein ähnliches Schicksal wie die Blutbuche an der Post erlitt Ende 2018 eine Artgenossin an der früheren Katharinenschule: Der Baum neben dem Stadtring musste in einer Notoperation zunächst ausgelichtet und dann doch gefällt werden. Auch er war krank.

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Klimawandel ist eine Erklärung – aber nicht die einzige

Ein Teil der Baumverluste in Unna geht vermutlich auf das Konto des Klimawandels. Buchen leiden unter der Buchenkomplexkrankheit, die Eschen im Bornekamp am Eschensterben. Beide Baumkrankheiten sind in der Region auf dem Vormarsch und ein echtes Heilmittel gibt es nicht. Den Eigentümern bleibt nichts anderes, als betroffene Äste abzusägen und zu hoffen, dass sich der übrige Baum möglichst lange hält.

Allerdings verliert Unna auch Bäume durch von Menschen getroffene Entscheidungen. Wenige Schritte neben der Blutbuche an der Post stehen zwei stattliche Kastanien, deren Fällung absehbar ist. Sie sollen der Freitreppe weichen, mit der das künftige Einkaufszentrum in der Mühle Bremme ans Königsborner Tor angeschlossen wird.

An der Massener Straße werden die Bäume bewusst weggeplant

Am anderen Ende der Fußgängerzone ist absehbare Baumverminderung Ergebnis eines bewusst gestalteten Planungsprozesses. Unna will dort die Fußgängerzone erneuern und die kaukasischen Felsenbirnen dort zunächst einmal vollständig beseitigen lassen.

Mag die Neubepflanzung mit Stieleichen danach auch ökologische Vorteile verheißen, so nimmt das Grün im Ganzen doch ab. Denn statt der heute zwei Baumreihen soll es künftig nur noch eine geben. So steht es in einem Planentwurf, den der Rat der Stadt bereits gebilligt hat.

Inzwischen wird diese Entscheidung kritischer bewertet. Schon der trockene und heiße Sommer des Jahres 2019 hat den Unnaern gezeigt, wie sehr sich die Innenstadt aufheizen kann, wenn kein Schatten vorhanden ist. Bündnisgrüne und Teile der SPD regten sogar an, die Planungen für die Fußgängerzone noch einmal zu überarbeiten, was das Rathaus aber mit Blick auf die Antragsfristen für Fördermittel zurückwies.

Alter Markt: Statt einer Neuanpflanzung schließen Pflastersteine das Baumbeet

Losgelöst von solchen Planungsprioritäten ist der zunehmende Baummangel in den urbanen Teilen Unnas aber auch eine Art absichtliches Versäumnis. Über hundert „Baumscheiben“ an Straßen und Plätzen in Unna sind bereits verwaist. Das sind Beete, in denen einmal ein Baum stand, der dann aber gefällt werden musste. Manche dieser Pflanzöffnungen sind einfach vakant, andere – wie zum Beispiel die im Sitzkreis am Alten Markt – sind aber auch schon fachgerecht zugepflastert worden.

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Die Stadt gerät mit diesen Pflanzöffnungen in ein Dilemma: Oft waren die alten Bäume darin relativ früh am Ende ihrer Lebenszeit angelangt, weil die Beete seinerzeit zu klein angelegt worden waren. Einer Neuanpflanzung in denselben kleinen Beeten wäre vermutlich ein ähnlich kurzes Leben beschieden.

Sinnvoll wären vorherige Umbauten dieser Öffnungen. Doch weil sich in den 171 Millionen Euro, die Unna im kommenden Jahr insgesamt ausgeben will, nicht genug Geld fürs Grün umschichten lässt, lässt es die Stadt halt. Dabei wäre durchaus überlegenswert, ob hundert Bäume mit einer Lebensdauer von vielleicht nur 30 Jahren nicht immerhin 30 Jahre mit hundert zusätzlichen Bäumen bedeuten würden.

Unnas Mangel an Bäumen ist auch ein Planungsfehler

Eine verwaiste Baumscheibe, hier an der Friedrich-Ebert-Straße. Über hundert solcher Beete in Unna sind nach der Fällung von Bäumen nicht mehr neu bepflanzt worden, weil sie als zu klein gelten. © Marcel Drawe

Dabei konnte es Unna auch einmal anders. Generell waldarm ist die Stadt gewissermaßen strukturell bedingt. Das teilt sie mit vielen Kommunen im Randgebiet der Metropole Ruhrgebiet, in denen die meisten Flächen entweder bebaut sind oder landwirtschaftlich genutzt werden. Nur fünf Prozent des Stadtgebietes von Unna sind Wald, während der Durchschnittswert der NRW-Kommunen bei 26 Prozent liegt. Umso wichtiger ist aber gerade deshalb der bewusst gesetzte Baum um urbanen Raum.

Stadtplanung setzt verstärkt auf Stein, Stahl und Stromkabel

2002 beteiligte sich Unna im Rahmen der Lokalen Agenda 21 am Wettbewerb „Zukunftsfähige Kommunen“, der die Städte und Gemeinde in einer Vielzahl unterschiedlicher Merkmale verglich. Bei den naturnahen Flächen landete Unna auf dem drittletzten Platz, bei der Frage nach Bäumen auf öffentlichen Flächen aber auf Rang 1. Seitdem hat Unna etliche Bäume gefällt und nicht ersetzt oder aber gleich weggeplant. Stadtplanung geschieht vorwiegend mit Stein, Stahl und Stromkabeln.

Der auffälligste Beitrag zur Begrünung der Innenstadt war derweil privat finanziert: Der City-Werbering und Sponsoren aus der Bürgerschaft haben in diesem Jahr fast 200 Pflanzkörbe voller Geranien, Petunien und einer bienenfreundlichen „Butterfly-Mischung“ an Schildermasten und Laternen finanziert. Wenig in Unnas Innenstadt hat in der jüngeren Vergangenheit so viel Lob erfahren wie diese Aktion.

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