Lohntüte der Zeche Massen von 1922 als beeindruckendes Dokument der Inflation

dzOrtsgeschichte

Auf dem Dachboden eine große Summe Geld finden? Das wünschen sich wohl viele Menschen. Theo und Elke Kurpas aus Massen ist das passiert. Doch das Geld ist wertlos.

Massen

, 18.07.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

In einem unscheinbaren braunen Papierbeutel lagen sie: Mehrere bunte, ungewohnt großformatige Geldscheine. Dreistellige Zahlen auf den Scheinen lassen erahnen, dass es sich um eine große Summe handelt. Und doch ist das, was Theo Kurpas auf dem Dachboden einer Scheune fand, heute nur noch von historischem Wert.

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20.350 Reichsmark sind es, die Theo Kurpas vor über 40 Jahren fand, als er zusammen mit seinem Schwiegervater den Dachboden einer alten Scheune aufräumte, um Platz für Stroh zu machen. „Dabei haben wir allerhand alte Sachen entdeckt, darunter diese Papiertüte mit den Geldscheinen“, erzählt Kurpas. Ihre Beschriftung verriet, was in ihr enthalten sein könnte: „Abrechnung Buderus‘sche Eisenwerke Abteilung Zeche Massen“. Und tatsächlich: Die Lohntüte enthielt noch den vollen Lohn, nämlich exakt 20.350 Reichsmark.

Detailliert für die Abrechnung für den Oktober 1922 auf, was Diederich Lente bekommt - auch einen „Unter-Tage-Zuschlag“ von 300 Reichsmark.

Detailliert für die Abrechnung für den Oktober 1922 auf, was Diederich Lente bekommt – auch einen „Unter-Tage-Zuschlag“ von 300 Reichsmark. © Anna Gemünd

Empfänger des Lohns war Diederich Lente, der Großonkel von Elke Kurpas. „Ich wusste, dass er auf der Zeche war, aber als was genau er da gearbeitet hat, weiß ich leider nicht.“ Dafür aber dank des Funds, was er im Oktober 1922 verdient hat. Und das sogar ganz detailliert: 200 Reichsmark erhielt Diederich Lente als Sprengmeisterzulage, 300 Reichsmark als Unter-Tage-Zulage. 7,59 Reichsmark musste er von seinem Lohn als Altersvorsorge abgeben – auch das geht aus der Lohntüte hervor. Die ist – genau wie die Geldscheine – erstaunlich gut erhalten. „Auf dem Dachboden war es sehr staubig, aber trocken, das hat bestimmt geholfen“, meint Theo Kurpas.

Einhundert Mark: Dieser 1910 gedruckte Geldschein verspricht mehr als er halten konnte, als Diederich Lente ihn 1922 als Teil seines Lohnes auf der Zeche Massen erhielt. Durch die Inflation war das Geld immer weniger wert.

Einhundert Mark: Dieser 1910 gedruckte Geldschein verspricht mehr als er halten konnte, als Diederich Lente ihn 1922 als Teil seines Lohnes auf der Zeche Massen erhielt. Durch die Inflation war das Geld immer weniger wert. © Anna Gemünd

Warum Diederich Lente sein Oktober-Gehalt 1922 in der Lohntüte gelassen hat, darüber können Elke und Theo Kurpas nur rätseln. Wirklich viel Gegenwert hätte er für die vermeintlich hohe Summe von 20.350 Reichsmark nicht bekommen: Im Oktober 1922 befand sich das damalige Deutsche Reich mitten in einer schweren Inflation. Die Geschwindigkeit, mit der Geld an Wert verlor, gilt als einer der radikalsten, die es in großen Industrienationen je gegeben hat. 9000 Mark für einen Schinken oder ein paar Stiefel für 8000 Mark waren im Oktober 1922 die Regel.

Diese Einhundert-Marknote trägt den Hinweis, was demjenigen droht, der sie fälscht oder in Umlauf bringt: Mindestens zwei Jahre Zuchthaus.

Diese Einhundert-Marknote trägt den Hinweis, was demjenigen droht, der sie fälscht oder in Umlauf bringt: Mindestens zwei Jahre Zuchthaus. © Anna Gemünd

Die immer wertloseren Geldscheine nachzumachen, um auf diese Weise mehr Gegenwert zu bekommen, empfahl sich trotzdem nicht. Elke Kurpas hat auf allen Geldscheinen den gleichen, sehr eindeutigen Hinweis entdeckt: „Wer Banknoten nachmacht oder verfälscht oder sie in Umlauf bringt, wird mit Zuchthaus nicht unter zwei Jahren bestraft“, liest sie vor. Die Kurpas‘ brauchen diese Warnung nicht: Sie haben die Geldscheine längst hinter Glas gerahmt und sie als Andenken im Seniorenpflegeheim Obermassen aufgehängt. Zur Erinnerung an jene Zeit, als eine Tasse Kaffee 5000 Mark kostete.

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