Löwen-Apotheke schließt nach 335 Jahren: Ende Juni ist Schluss

dzGeschäftsaufgabe

Zwei Weltkriege, Weltwirtschaftskrisen und jetzt noch die Corona-Pandemie hat die Löwen-Apotheke an der Bahnhofstraße erlebt - doch nun schließen sich ihre Türen für immer. Ende Juni ist Schluss.

Unna

, 24.06.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der goldene Löwe über der Eingangstür thront einfach da. Sommer, Winter, Jahrzehnte, Krisen und Erfolgserlebnisse hat er kommen und gehen sehen - und jetzt auch das Ende einer Ära: Die Löwen-Apotheke, deren Wappentier er ist, schließt Ende Juni ihre Türen. Damit endet eine 335-jährige Tradition.

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„Wir haben hier ganz viele Sachen, die eigentlich in ein Museum gehören“, sagt Erhard Kaiser, Inhaber der Löwen-Apotheke. Alte Mörser, Standwaagen, Rundkolben und Thermometer - in 335 Jahren Apotheker-Geschichte sammelt sich Einiges an. „Als ich die Apotheke 2001 übernommen habe, konnte man diese Historie auch noch in einer Apotheke zeigen“, erinnert sich Kaiser, „heute sprechen da Hygienevorschriften gegen.“ Die alten Apotheken-Objekte hat er „eingemottet“: „Wenn das Hellweg-Museum da mal was sucht, können sie gerne etwas haben.“

Apotheker Erhard Kaiser mit dem alten Tresorschrank, der noch heute genutzt wird. „Der ist fest im Boden verankert, Bang Boom Bang wäre hier also nicht möglich“, schmunzelt Kaiser.

Apotheker Erhard Kaiser mit dem alten Tresorschrank, der noch heute genutzt wird. „Der ist fest im Boden verankert, Bang Boom Bang wäre hier also nicht möglich“, schmunzelt Kaiser. © Anna Gemünd

Am 17. Mai 1685 wurde an der heutigen Bahnhofstraße 5 erstmalig eine Apotheke beurkundet - fast 335 Jahre später wird die Zeit der Apotheker in dem markanten Haus enden: Am 30. Juni öffnet die Löwen-Apotheke zum letzten Mal ihre Türen für Kunden. „Natürlich ist da Wehmut bei, weil man weiß, welch‘ lange Tradition damit beendet wird“, sagt Erhard Kaiser. Aber der „Geist des Löwen“, wie Kaiser sagt, wird auch an den beiden anderen Standorten seiner Apotheken weiterleben: „Alle langjährigen Mitarbeiter finden in der Campus-Apotheke und in der Eulen-Apotheke ihr neues berufliches Zuhause. Und letztlich sind es die Mitarbeiter, die den Geist einer Apotheke ausmachen; sie sind der Grund, wieso Kunden über Jahre und Jahrzehnte immer wieder kommen.“

In alten Rezepturbüchern  sind noch heute die Anleitungen für bestimmte Salben, Medikamente und Tinkturen lesbar.

In alten Rezepturbüchern sind noch heute die Anleitungen für bestimmte Salben, Medikamente und Tinkturen lesbar. © Anna Gemünd

Dass er den geschichtsträchtigen Standort an der Bahnhofstraße aufgibt, hat mehrere Gründe. „In den vergangenen Jahren sind allein fünf Hausärzte aus dem Umfeld der Apotheke verschwunden. Das spüren wir sofort“, erklärt Erhard Kaiser. Eine Apotheke in einer derartigen A-Lage in der Fußgängerzone mit entsprechend hohen Mieten brauche einfach eine gewisse Frequenz. „Und Arzt und Apotheke, das gehört einfach zusammen“, sagt Kaiser.

Eine Tablettenmaschine zählt zu den historischen Objekten, die Erhard Kaiser aufbewahrt hat.

Eine Tablettenmaschine zählt zu den historischen Objekten, die Erhard Kaiser aufbewahrt hat. © privat

Das denkmalgeschützte und extrem verschachtelte Gebäude zu einem Ärtzehaus umzubauen und sich so die Frequenzbringer gewissermaßen ins Haus zu holen - die Überlegung gab es, aber: „Das wäre bei den Vorgaben zum Brandschutz und Denkmalschutz in diesem verbauten Gebäude gar nicht realisierbar gewesen“, erklärt der Apotheker.

Dass immer mehr Menschen Medikamente im Internet bestellen, ist auch ein Faktor, der in Kaisers Überlegungen zur Aufgabe der Löwen-Apotheke eine Rolle gespielt hat. „Natürlich ist das ein Punkt. Die Leute schauen auf den Preis und wenn Sie da mithalten wollen, müssen Sie Internetpreise anbieten. Das rentiert sich aber nicht, denn als Apotheke haben wir Fachpersonal und Mieten, die wir bezahlen müssen.“

Der Eingang noch über eine Treppe zu erreichen und rechts noch keine Schaufensterfront: Dieses Bild zeigt die Löwen-Apotheke in den 1950er-Jahren. Natürlich an Ort und Stelle: Der goldene Löwe über der Eingangstür.

Der Eingang noch über eine Treppe zu erreichen und rechts noch keine Schaufensterfront: Dieses Bild zeigt die Löwen-Apotheke in den 1950er-Jahren. Natürlich an Ort und Stelle: Der goldene Löwe über der Eingangstür. © privat

Gerade in den vergangenen Wochen hat Erhard Kaiser aber auch wieder gemerkt, wie wichtig eine Apotheke vor Ort für die Menschen ist. „Wir sind eine Anlaufstelle für die Menschen, wir können erklären und beruhigen. Das ist immer schon unsere Funktion gewesen.“ Schutzmasken, Desinfektionsmittel - in der Corona-Krise wurden Apotheken geradezu überrannt. Die Auflagen in Folge von Corona spüren die Apotheken jetzt auch: „Das hält schon einen wichtigen Teil der Kunden fern.“

Gefäße in Reih und Glied, dazu Standwaagen und Kolben - viele der historischen Objekte aus der Apotheker-Tradition hat Erhard Kaiser aufbewahrt.

Gefäße in Reih und Glied, dazu Standwaagen und Kolben - viele der historischen Objekte aus der Apotheker-Tradition hat Erhard Kaiser aufbewahrt. © privat

Viele Stammkunden kommen in diesen Tagen aber trotzdem nochmal in „ihre Apotheke. Schließlich endet am 30. Juni eine Stück Geschichte, wenn die Löwen-Apotheke nach 335 Jahren schließt. Und der goldene Löwe über der Eingangstür? „Der wird bleiben“, verspricht Erhard Kaiser. Er wird weiterhin über dem Eingang thronen - und stummer Zeuge von Unnas Stadtgeschichte bleiben.

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