Eine Bühne für die Kunst des Geschichtenerzählens

dzLiteraturfest im Nicolaiviertel

Das Böse bewegt. Ob es die Furcht ist, die den Menschen hinschauen lässt, oder eine Resonanz in den Tiefen der eigenen Seele: Auch beim Literaturfest im Nicolaiviertel fesselten vor allem Krimis.

Unna

, 31.08.2019, 17:52 Uhr / Lesedauer: 2 min

Literatur ist so vielseitig wie das Leben, das sie abbildet. Und das Literaturfest im Nicolaiviertel trug dem mit einer bunten Mischung Rechnung. Heiteres, Schräges und Sentimentales fanden beim Fest rund ums Westfälische Literaturbüro im Nicolaihaus ein Publikum. Aber so wie der Mensch programmiert ist, bei Schreckensereignissen einfach nicht wegschauen zu können, so waren es vor allem Krimilesungen, die die Menschen anhaltend fesselten – vor allem, wenn sie von einem prominenten Charakterkopf vorgetragen wurden.

Joe Bauschs Knastgeschichten bräuchten eine größere Bühne

Gut 300 Zuschauer und -hörer mögen rund um die alte Kastanie am Nicolaihaus gestanden haben, als Joe Bausch aus seinem neuen Buch „Gangsterblues“ las. Mehr passen da auch nicht hin. Bausch, der als Gefängnisarzt, Tatort-Schauspieler, Autor und Original für eine packende Lesung gesetzt war, würde in Unna auch die größeren Bühnen füllen. Aber um sie herum lässt sich kein so charmantes Fest schmücken.

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Zum dritten Mal hatten das Westfälische Literaturbüro und der Kulturbereich der Stadt in dem Fachwerkviertel zu Füßen der Stadtkirche ein Sommerfest mit Lesungen und einer Menge an Drumherum veranstaltet. Zum ersten Mal bildete es den Abschluss einer regionalen Reihe „Literatursommer am Hellweg“ mit 30 Lesungen, Konzerten, Theateraufführungen und Poetry Slams. Die Förderung der Literatur und der Literaten ist Aufgabe des Büros im Nicolaihaus. Während die Beratung der Autoren zum Alltagsgeschäft zählt, dienen die Veranstaltungen dazu, ihnen eine Bühne zu geben.

Wo Reime rappen und Sagen auf Stadtbummel sind

Das Publikum hatte dadurch Gelegenheit, Literatur in neuen Formen kennenzulernen – selbst wenn es etwa alte Literatur der Annette von Droste-Hülshoff war, die das Duo „Sprechduette“ aus Miriam Berger und Xaver Römer rhythmisch vortrug. Andrea Ramke mit einer „sagenhaften“ Stadtführung für junge Menschen und Kinderbuchautorin Katie Grosser mit einer Lesung zeigten das Geheimrezept der Literatur auf: Texte sind letztlich nur aufgezeichnete Geschichten, und Geschichten fesseln nunmal.

Das gilt natürlich auch dann, wenn es wahre Geschichten sind, und vor allem dann, wenn sie fesselnd erzählt sind. Auch dafür stand am Samstagnachmittag Joe Bausch. Sei früherer Beruf als Gefängnismediziner hat ihm eine außergewöhnliche Beobachterposition eingebracht. Selbst harten Jungs begegnete er in ihren schwächeren Momenten. Und manch einer mag sich der Vertrauensperson Arzt stärker geöffnet haben, als es der Druck in der Männerwelt des Zellentraktes zulassen würde.

Distanz zu wahren sei allerdings wichtig, so Bausch. Im Knast dürfe sich der Arzt nicht zu sehr für die Belange eines Gefangenen einsetzen. Er würde in den Ruf kommen, das man ihn für die eigenen Interessen manipulieren könne, und dann schlagartig jeden Respekt verlieren. Gleichwohl nennt Bausch sich einen „sensitiven Menschen“. Es ist eine Gratwanderung.

Und das gilt auch für Bauschs Erzählungen, die auf eigenen Erlebnissen, Beobachtungen und Gesprächen mit Häftlingen beruhen. Nüchtern analysierend und einfühlsam, aber doch mit einem Selbstschutz gewährenden Abstand wechselt er auch stilistisch die Ebenen, lässt mal mit warmen Tönen den Menschen Bausch berichten, dann in nüchterner Fachsprache den Arzt durschscheinen, um schließlich einem Kotzbrocken von Häftling mit aller Wucht der Knastsprache eine Kurzhantel dort einschlagen zu lassen, wo es Männern wirklich weh tut.

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