Im Winter auf der Straße zu leben ist besonders schwierig. Dennoch nehmen einige Obdachlose das Angebot von Übernachtungsstellen nicht gerne an. Ein Obdachloser aus Unna erzählt, warum.

Unna

, 19.01.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer auf der Straße lebt, hat es besonders im Winter nicht leicht. Auch, wenn die Temperaturen aktuell über dem Nullpunkt liegen: Regen, Wind und Kälte werden für Obdachlose gerade in der dunklen Jahreszeit zur Belastungsprobe. Und dennoch: Viele Wohnungslose ziehen die Straße den geschützten Notschlafstellen vor. Auch Günni aus Unna.

Der Obdachlose möchte seinen Namen zunächst nicht verraten. Schließlich sei dieser ohnehin nur „Schall und Rauch“. Auch sein Alter sei unwichtig: „24, 36, 72 – suchen Sie sich eins aus“, sagt er. 72 ist am wahrscheinlichsten: Günni hat tiefe Furchen im Gesicht, sein grauer Bart ist verklebt, er kann nicht mehr gut laufen. Deshalb baut er sich seinen provisorischen Schlafplatz immer in einem kleinen Radius in der Nähe vom Rathausplatz auf. Mal schläft er im Eingangsbereich der Katharinenkirche, mal im geschützten Gang an einem Spielsalon. Für diese Nacht ist der überdachte Bereich vor dem ehemaligen P&C-Gebäude sein Zuhause.

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Günni hat, so erzählt er, eine Drogenvergangenheit hinter sich. Zweimal lebt er mit einer Freundin zusammen, zweimal verliert er sie aufgrund einer Überdosis. „Danach kann man nicht mehr normal weitermachen“, sagt er. Sein ohnehin schon schwieriges Leben verlagert sich auf Straße - jetzt lebt er seit etwa drei Jahren dort. In mehreren Plastiktüten transportiert er, was er besitzt. Viel ist das nicht: Eine Bürste schaut aus der Tragetasche heraus, und Toilettenpapier. Die Schere, mit der er sich bis zuletzt den Bart gestutzt hat, wurde ihm geklaut. Was er an Kleidung besitzt, trägt er in mehreren Schichten am Körper.

Hab und Gut in Tragetaschen

Kalt sei ihm aber nicht. Auch nachts nicht. Wenn er auf seiner aufblasbaren Isomatte liegt, berühre er den kalten Boden nämlich nicht. „Ich schwebe quasi in der Luft und schlafe wie auf Wolken“, erzählt er. „Oder wie in Gottes Armen.“ Seine Füße umwickelt Günni separat mit einer seiner drei Decken. „Solang die Füße warm sind, ist der ganze Körper warm“, sagt er. Und wenn er doch mal ausgekühlt ist, holt Günni sich eben einen Kaffee, der ihn von innen aufheize.

„Ein belegtes Brötchen kostet beim Bäcker drei mal mehr, als wenn ich es mir selbst schmieren würde.“
Der Obdachlose Günni über das Leben auf der Straße

Ganz so einfach ist das aber nicht. Denn das Geld, mit dem er sich Lebensmittel und Getränke kauft, muss er mühsam zusammensparen. Der Obdachlose ist hauptsächlich auf Spenden der Passanten angewiesen, dazu bekommt er noch ein wenig Grundsicherung. Für ein Leben auf der Straße reicht das aber kaum: „Ein belegtes Brötchen kostet beim Bäcker dreimal mehr, als wenn ich es mir selbst schmieren würde“, sagt er. Hätte er eine eigene Küche, würde er auch kochen. Das könne er nämlich gut: „Bisschen Butter oder Öl in die Pfanne, bisschen Hackfleisch rein, dann läuft das schon.“ Auch andere Menschen würde er dann zum Essen einladen. Bekannte habe er genug.

Hilfe und Zuflucht bei der Caritas

Eine davon ist Tina Pevnik. Sie kommt Günni manchmal besuchen. Meist treffen sie sich zufällig mit einem Bier in der Hand an der Bushaltestelle vor dem Rathaus. Pevnik habe zwar auch nur wenig Geld, aber immerhin ein Dach über dem Kopf. Und den Luxus, ein Smartphone zu besitzen. Dass Günni auf der Straße leben muss, tut Pevnik leid. „Gebrechliche Menschen wie er brauchen doch eine vernünftige Unterkunft“, sagt sie.

Hilfe bietet die Caritas an: Sie stellt Wohnungslosen in Unna eine Übernachtungstelle zu Verfügung, in welcher diese in der Zeit von 17 bis 9 Uhr Unterschlupf bekommen können. Dort gibt es die Möglichkeit, sich aufzuhalten, eine Mahlzeit zu sich zu nehmen und sich zu waschen. Eine Alternative zur Straße sei dieses Angebot für Günni aber nicht: „Das ist eine Katastrophe da. Da wird man beklaut. Alles nehmen die einem weg. Und morgens wird man rausgeschmissen.“

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Silvia Engemann von der Caritas kann die Ansicht des Obdachlosen nachvollziehen: „Wir bieten natürlich nur ein sehr niederschwelliges Angebot an“, sagt sie. „Unsere Übernachtungsstelle hat noch nicht mal einen Stern verdient.“ In den Mehrbettzimmern und Gemeinschaftswaschräumen gebe es keine Privatsphäre. Und auch, dass sich die Männer untereinander nicht immer Freund sind, verstehe Engemann: „Alle Menschen, die zu uns kommen, haben nur ganz wenig, oft kommen Alkohol- oder Drogenprobleme hinzu. Kein Wunder, dass sie sich untereinander bestehlen.“ Zwar gebe es einen Hausmeister, der für Ordnung sorgt, er kontrolliere aber nicht, wem welche Habseligkeiten gehören.

„Unsere Übernachtungsstelle hat noch nicht mal einen Stern verdient.“
Silvia Engemann, Caritas Unna

Anreiz für eigenes Zuhause

Dass die Obdachlosen morgens um 9 Uhr die Übernachtungsstätte verlassen müssen, sei für die Betroffenen sicher aufwendig, aber aus gutem Grund so festgelegt: „Wir müssen ja einen Anreiz schaffen, damit sich die Betroffenen eine feste Bleibe suchen. Sonst bekommt man sie gar nicht mehr bewegt“, sagt Engemann.

Ob Günni das irgendwann auch gelingt, ist fraglich. Wünschen würde er sich einen festen Wohnsitz schon. Denn auch, wenn er sich auf der Straße frei fühlt, fehlt ihm manchmal das Gefühl von „Zuhause sein“. „Einfach mal einen Schlüssel in die Tür stecken, die Füße hochlegen und den Fernseher anmachen – das wär schon was“, sagt er. Noch bleibt das aber ferne Zukunftsmusik: Den Winter wird Günni auf Unnas Straßen verbringen.

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