Auseinandersetzung mit Unnas Nazi-Straßen wirft neue Fragen auf

dzLersch, Wagenfeld und Sedan

Zwei Dichter mit braunem Weltbild und ein glorifiziertes Kriegsereignis stehen in Unna Pate für Straßennamen. Jetzt sollen Zusatzschilder die Widmungen erläutern. Der Entwurf wirft Fragen auf.

Unna

, 08.09.2019, 04:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein großer Teil der Straßen in Unna ist Personen gewidmet, die sich darum bemüht haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Doch zwischen ihnen gibt es auch zwei Straßen, die Literaten mit nationalistischem Weltbild gewidmet sind. Heinrich Lersch und Karl Wagenfeld stehen heute in einem ganz anderen Licht dar als bei der Straßenwidmung in den 1950er-Jahren. In Massen gibt es zudem eine Sedan-Straße, die für den einstigen Kult um die siegreiche Schlacht gegen Frankreich steht.

Seit über fünf Jahren ist die Problematik in Unna ein Thema. Nun soll ein Abschluss erfolgen. Doch die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sind gut beraten, über die nun vorgestellte Lösung noch einmal nachzudenken.

Straßennamen künftig als Mahnung statt als Ehrung

Unna hatte sich in einem Ratsbeschluss 2017 dagegen entschieden, die drei Straßen umzubenennen. Stattdessen sollten ihre Straßenschilder mit Hinweisen versehen werden, die weitere Informationen über die Widmung geben. In diesem Verständnis sollten die Straßenwidmungen der politischen Bildung dienen. Sie stünden nicht mehr nur für eine Ehrung, sondern seien Teil der Erinnerungskultur. Nur: Von diesem Perspektivwechsel weiß derjenige, der vor dem Straßenschild steht, weiterhin nichts. Und ohne dieses Wissen wirken die Textvorschläge für die Zusatzschilder befremdlich.

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Betont neutral und kompakt fassen sie eine Vorstellung des gewürdigten Menschen oder Ereignisses zusammen. Und ein wenig hört sich das dann so an, als ob auch die fragwürdigen Dinge der Geschichte Grund der Würdigung seien.

An der Wagenfeldstraße würde etwa der Zusatz hängen: „Karl Wagenfeld (1869-1939), bedeutender plattdeutscher Schriftsteller, Mitbegründer des Westfälischen Heimatbundes mit völkisch-nationalistischem Weltbild.“

Bis zu diesen Textvorschlägen war es ein langer Weg. Schon vor der Kommunalwahl 2014 lief die Diskussion über die Wagenfeld- und die Lerschstraße an. Die Massener Sedanstraße wurde etwas später mit aufgenommen.

Über fast drei Jahre hinweg traf sich in sehr langen Zeitabständen ein interfraktioneller Arbeitskreis. Ende 2017 gab es den Beschluss für die Beibehaltung der Namen. Danach erhielt das Geschwister-Scholl-Gymnasium die Bitte, Textvorschläge für Zusatzschilder zu erarbeiten.

Arbeiten von Schülern drastisch eingekürzt

Die Schüler stellten sich dieser Aufgabe mit Akribie. Ihre Abschlussberichte zur Auseinandersetzung mit den drei Straßennamen waren laut Stadt zwischen 25 und 35 Seiten lang. Ein auf den Straßenschildern angebrachter QR-Code soll Smartphone-Nutzern den Weg zu den Arbeitsergebnissen der Schüler weisen, die allerdings vom Stadtarchiv auf etwa ein Zehntel der Ursprungslänge gekürzt und redigiert worden seien, wie es in einer Vorlage aus dem Rathaus heißt.

Die Textvorschläge für die Zusatzschilder selbst stellt die Stadt nun „nach eingehender Diskussionmit dem projektleitenden Lehrer“ vor:

Sedanstraße

Zur Erinnerung an tausende 1870 bei der Schlacht von Sedan getöteter Soldaten unterschiedlicher Nationen.

Lerschstraße

Heinrich Lersch (1889-1936), bekannter Arbeiterdichter, der sich mit dem nationalsozialistischen Regime arrangiert und sich ihm angedient hat.

Wagenfeldstraße

Karl Wagenfeld (1869-1939), bedeutender plattdeutscher Schriftsteller, Mitbegründer des Westfälischen Heimatbundes mit völkisch-nationalistischem Weltbild.

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