Nein, ein „Thermomix“ gehört nicht zu den Exponaten der Ausstellung „Prost Mahlzeit!“ im Hellweg-Museum. Wohl aber einer seiner Vorgänger. Die Ausstellung ist eine amüsante Zeitreise – mit hochaktuellen Bezügen zur Lebensmitteldebatte.

Unna

, 06.10.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Kocht. Bratet. Backt. Ohne Aufsicht! Ohne Feuer!“ Die Inschrift der „Kochkiste“ ist beste Werbung für ein energiesparendes Produkt. Ein wärmeisolierter Behälter, in dem ein Topf mit erhitzten Speisen gestellt werden kann, die darin dann ohne weitere Energiezufuhr zu Ende garen können – das klingt wie eine Idee, die in Zeiten von Ökologie-Debatten und „Fridays-for-Future“-Protesten entstanden ist. Ist sie aber nicht. Über 100 Jahre hat die „Kochkiste“, die jetzt im Hellweg-Museum zu sehen ist, bereits auf dem Buckel: Um 1916 wurde sie bereits zum energiesparenden Kochen eingesetzt.

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Wie geht man sinnvoll und ohne Verschwendung mit Lebensmitteln um? Wie lässt sich das meiste aus einem Produkt verarbeiten? Wo bewahrt man die Nahrung am besten auf? Und wie isst man sie am besten? Es sind Fragen, die in unsere heutige Zeit passen – und die doch seit Jahrhunderten bereits gestellt werden.

Wieso die neue Ausstellung im Hellweg-Museum rund ums Essen einen Besuch wert ist

Manche Exponate lassen heute schmunzeln: Der Einkochtopf aus dem 20. Jahrhundert gibt auf seinem integrierten Thermometer auch die richtige Temperatur für Badewasser an. Auch die Wassertemperatur für Koch- und Buntwäsche finden sich dort - neben der für das Einkochen von Steinobst. © Anna Gemünd

In der neuen Ausstellung „Prost Mahlzeit! Ein Blick über den Tellerrand“, die ab 6. Oktober im Hellweg-Museum zu sehen ist, gibt es spannende Antworten auf diese Fragen, die oft zeigen: Die aktuellen Diskussionen um Bio-Lebensmittel, Tierwohl und Essgewohnheiten sind keineswegs neu.

So viele Exponate wie noch nie

Arrangiert sind die Antworten in Form von über 150 Exponaten passenderweise auf weiß eingedeckten Tischen, Bierzeltgarnituren, die ihrerseits schon ein Stück Essenskultur sind. 150 Exponate – das sind deutlich mehr, als sonst in den wechselnden Ausstellungen zu sehen sind. Das liegt auch an den Unnaern selbst.

Wieso die neue Ausstellung im Hellweg-Museum rund ums Essen einen Besuch wert ist

Der Kartoffeleimer stammt zwar aus der Zeit um 1900, viele Besucher werden ihn aber sicherlich noch aus dem täglichen Gebrauch kennen. In ihm wurden die Kartoffeln aus dem Keller in die Küche geholt. © Anna Gemünd

„Wir haben unglaublich viele Rückmeldungen auf unseren Aufruf bekommen, uns Leihgaben aus der heimischen Küche zur Verfügung zu stellen“, erzählt Kathrin Göttker, eine der beiden Kuratorinnen. Zusammen mit ihrer Kollegin, Dr. Tina Ebbing, habe sie „ganze Dachspeicher voller Küchenutensilien“ gesichtet. 19 Unnaer sind letztlich zu Leihgebern der Ausstellung geworden. So stammt auch die Eismaschine, mit der um 1930 frisches Speiseeis hergestellt werden konnte, aus einer Unnaer Familie.

Ein Renner: Die Thermokaffeekanne mit Rosshaarfilz

Ein Objekt wurde den Organisatoren der Ausstellung gleich mehrfach angeboten: Die Thermokaffeekanne mit einer Isolierschicht aus Rosshaarfilz hielt den Kaffee in einer herausnehmbaren Porzellankanne lange warm. „Alle, die uns diese Kanne als Leihgabe angeboten haben, sagten, dass sie nach wie vor die beste Art sei, Getränke warm zu halten“, sagt Kathrin Göttker.

Wieso die neue Ausstellung im Hellweg-Museum rund ums Essen einen Besuch wert ist

Die Thermoskaffeekanne mit einer Isolierung aus Rosshaarfilz wurde dem Museum gleich mehrfach als Leihgabe angeboten. Offenbar wird sie auch heute noch gerne zum Warmhalten von Getränken genutzt. © Anna Gemünd

Ohnehin scheinen viele der nun in der Ausstellung präsentierten Exponate in ihren heimischen Küchen durchaus noch im regen Gebrauch zu sein. „Die Dame, die uns den Fleischwolf leihweise zur Verfügung gestellt hat, war sehr besorgt, dass damit bloß nichts passieren dürfe, schließlich würde er immer noch zum Spritzgebäckherstellen benutzt“, erzählt Museumsleiterin Dr. Beate Olmer.

Viele Objekte haben einen hohen Wiedererkennungswert

Wohl so manches Objekt dürfte bei den Besuchern auf Wiedererkennung stoßen: Der Kirschentkerner „Kernex“ beispielsweise, der „Schnippelbohnen-Schneider“ oder auch der Einkochtopf, in dem nicht nur Obst und Gemüse gekocht, sondern auch das Badewasser für die Kinder oder das Waschwasser für die Kochwäsche zubereitet wurden.

Wieso die neue Ausstellung im Hellweg-Museum rund ums Essen einen Besuch wert ist

Lila Kühe geben die Milch für die Schokolade? Dieses Beispiel für die Entfremdung von Lebensmitteln hat seinen Ursprung in einem Malwettbewerb aus den 1990er-Jahren. © Marcel Drawe

Der Blick zurück ist aber nur ein Teil der Ausstellung. Jeder der sechs Themenbereiche zieht den Betrachter über ein prominent platziertes Objekt aus der Gegenwart in das jeweilige Thema. Klar, dass die lila-farbene Milka“-Kuh im Themenbereich „Ursprung und Entfremdung“ eine prominente Rolle spielt. Eine Schürze der Tafel steht für „Mangel und Überfluss“ und der „to Go“-Becher leitet über zur Essenskultur.

Es ist eine Ausstellung, die einen vieles hinterfragen lässt. Und sie zeigt, dass der Blick zurück oftmals gar nicht so verkehrt ist. Denn nicht nur energiesparendes Kochen ist heute mindestens so aktuell wie 1916.

Das umfangreiche Begleitprogramm der Ausstellung, die bis zum 17. Mai 2020 zu sehen ist, ist auf der Internetseite des Museums zu finden. Es beinhaltet in Kooperation mit der VHS unter anderem Kochkurse und Exkursionen, aber auch viele Angebote für Kinder.
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