Das Auto steht für die Freiheit, jederzeit zu jedem Ziel aufbrechen zu können. In Unna wird daran gerüttelt: Immer lauter werden Stimmen, zumindest Teile der Innenstadt für Kraftfahrzeuge zu sperren.

Unna

, 19.11.2019, 14:47 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn es um die „Verkehrswende“ ging, diskutierte Unna bislang darüber, andere Verkehrsmittel wie das Fahrrad oder Bus und Bahn zu fördern. Inzwischen allerdings geht es auch darum, das Auto zu beschneiden. Erstaunlich häufig tauchen derzeit Gedankenspiele darüber auf, wie die Innenstadt autofrei oder zumindest autoärmer gemacht werden kann.

Erstaunlich dabei: Die Ideen dafür stammen nicht allein von den „üblichen Verdächtigen“ bei ADFC und Grünen. Selbst SPD-Ratsherr Volker König, der bislang eher zu den Freunden der Autofahrer gerechnet wurde, brachte das Thema „autofreie Innenstadt“ kürzlich in einer Sitzung des städtischen Haupt- und Finanzausschusses zur Sprache. Neue Verkehrslösungen zu finden, ist offenbar kein Teil grüner Dogmatik mehr, sondern eher ein Zeichen fraktionsübergreifender Pragmatik. Das macht Veränderungen in dieser Hinsicht umso wahrscheinlicher.

Am Morgentor gibt das Auto seine Vorfahrt ab

Ein Beispiel dafür, wie die Verkehre in Unnas Innenstadt neu gemischt werden können, ist längst in Planung und gilt dank einer Förderzusage des Landes sogar als finanziert. Der Umbau des Platzes am Morgentor könnte ein Fingerzeig sein, wie Stadtentwicklung in Unna zukünftig gedacht wird, erklärt Stadtsprecher Christoph Ueberfeld mit Bezug auf Unnas Technischen Beigeordneten Jens Toschläger.

Der Verkehrsbereich vor den beiden traditionsreichen Gasthäusern soll als „Shared Space“ ausgewiesen werden – als „geteilter Raum“ also, in dem Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger gleichberechtigt mit Pflicht zur besonderen Vorsicht aufeinander unterwegs sind. Die Zahl der Stellflächen für Autos soll gegenüber dem heutigen Parkplatzangebot sinken.

Die autofreie Innenstadt ist für Unna keine Utopie mehr

Der Platz am Morgentor soll umgestaltet werden und neben einer optischen Aufwertung ein neues Verkehrskonzept bringen. In einem „Shared Space“ wären Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger gleichberechtigt. © Marcel Drawe

Lebendige, vielleicht parkähnliche Plätze anstelle von Parkplätzen zu schaffen, ist auch eine Idee des ADFC Unna. Die Fahrradlobbyisten betätigen sich derzeit als Stadtplaner und Verkehrsgutachter, um der Stadt fertige Handlungskonzepte vorzulegen. Eines davon zwingt die Politiker in Unna bald zur Beantwortung einer Gretchenfrage.

Der ADFC fordert ausdrücklich die autofreie Innenstadt für Unna

In einem Antrag fordert der ADFC die autofreie Innenstadt – und Unnas Ratsmitglieder bekommen einmal mehr die Chance, aufzuzeigen, wie ernst sie es in Sachen Klimaschutz und Verkehrswende meinen. Dabei tritt aber auch der Fahrradclub für seine Verhältnisse eher undogmatisch auf: Belange des Autoverkehrs spielen durchaus eine Rolle.

So beinhaltet das Konzept der Radfahrer eine Reihe von Ausnahmetatsbeständen. Zufahrtstraßen zu den großen Tiefgaragen und Parkhäusern in der Innenstadt würde auch der ADFC für jedermann geöffnet lassen. In anderen Teilen der Stadt würde er zumindest Bewohner, Lieferanten und Busse weiter fahren lassen. Ebenso würden Behinderte vom Autoverbot ausgenommen werden. Zumindest in Teilen ließe sich die Verkehrslast somit senken.

Und: heute als Parkplatz genutzte Freiflächen wie der Museumsvorplatz, der Parkplatz an der Schulstraße, der Krummfuß, der Vorplatz des Standesamtes und die Fläche zwischen Stadtkirche und Martin-Luther-Haus könnten anders genutzt und sogar umgestaltet werden.

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In dieser differenzierten Betrachtung findet das ADFC-Papier durchaus Beachtung. „Eine wirklich autofreie Innenstadt wäre ein großes Thema und sicherlich nicht in naher Zukunft zu erreichen“, erklärt etwa SPD-Fraktionschef Bernd Dreisbusch. „Aber eine Tendenz geht in diese Richtung. In einem ersten Schritt könnte es sehr sinnvoll sein, die oft unsinnigen Parkplatzsuchverkehre aus der Stadt herauszuhalten. Von denen hat ja niemand was – auch nicht der Autofahrer.“

Ihn könne Unna künftig deutlicher darauf hinweisen, in welchen Teilen der Stadt er gar nicht erst suchen muss, da er ohnehin keinen Parkplatz dort bekommen wird, so Dreisbusch. Motorisierte Besucher der Stadt direkter in die großen Parkhäuser führen, zugleich bessere und klar erkennbare Innenstadtverbindung für Radfahrer schaffen, das könnte zwangsläufig weniger Autoverkehr in der Innenstadt bewirken. Jedoch hält Dreisbusch es für ein langfristig angelegtes Projekt.

Unnas Bündnisgrüne haben einen eigenen Experten beauftragt

Mehr Tempo wollen die Grünen machen. Sie haben einen eigenen Sachverständigen damit beauftragt, ein Konzept für eine Innenstadt mit geringerem Kraftfahrzeuganteil im Verkehrsmix zu erstellen, das Anfang 2020 vorgestellt werden könnte.

„Die Verkehrswende wird für uns ein ganz wichtiges Thema auch im Wahlkampf sein. Aus anderen Städten gibt es da schon einige ganz tolle Konzepte, die wir für Unna nutzen könnten“, erklärt die Fraktionsvorsitzende Charlotte Kunert. Beispielhafte Ideen seien etwa „Umladezonen“ am Rand der Innenstadt, durch die die Lieferverkehre gar nicht erst in die Fußgängerzone rollen müssen. Auch die bereits vom ADFC vorgeschlagene Idee, eine Spur des Verkehrsrings für den Radverkehr abzutrennen, greifen die Grünen auf.

Hinsichtlich ihrer Erfolgsaussichten geben sie sich pragmatisch: „Es geht darum, den Autoverkehr so gut aus der Innenstadt herauszuziehen, wie eben möglich“, so Kunert. „Sie völlig autofrei zu gestalten, wäre natürlich das höchste Ziel, ist aber innerhalb der nächsten fünf, sechs Jahre wohl nicht zu verwirklichen.“

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Mit dem Reihensechszylinder durch Unnas Innenstadt: Irgendwann wäre selbst dies emissionsfrei möglich... © Udo Hennes

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