Warum es Landwirte in der Kette der Fleischproduktion so schwer haben

dzLandwirtschaft

Bei der Erzeugung von tierischen Produkten stehen auch Unnas Landwirte am Ende einer Kette, in der jeder um seinen Anteil ringt. Grundproblem: Die mangelnde Wertschätzung der Lebensmittel.

Unna

, 24.10.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Landwirte haben es aktuell nicht leicht: Sie fühlen sich als Sündenböcke der Gesellschaft, die es keinem recht machen können. Nicht zuletzt deswegen haben viele von ihnen am vergangenen Dienstag deutschlandweit protestiert. Auch in Unna bemängeln Landwirte neben den steigenden Auflagen der Regierung einen weiteren Sachverhalt: Ihre Position beim Verteilungskampf mit Industrie und Handel. Auch hierbei, so der allgemeine Tenor der Bauern, ziehen sie den Kürzeren.

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„Auf dem Weg zum Verbraucher gehen die Fleischprodukte durch viele Hände“, sagt Landwirt Tobias Clodt aus Lünern. „Jeder nimmt sich einen Anteil vom Gewinn. Bei uns kommt am Ende nicht viel an“, beklagt er. Dabei gebe es bei der Erzeugung und Verarbeitung von Fleischprodukten gleich eine ganze Reihe an Verlierern, weiß Manfred Sträter von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten: „Zum einen sind es die Landwirte, zum anderen aber auch die Arbeitnehmer in der Fleischindustrie, die oft unter mangelhaften Bedingungen arbeiten. Und nicht zuletzt leiden Umwelt und Tiere.“

Teufelskreis der Fleischproduktion

Sträter zeichnet folgendes Problem: „Der Landwirt möchte mehr Geld für sein Vieh bekommen. Die verarbeitende Industrie kann es ihm nicht zahlen, weil sie ihrerseits die Arbeitnehmer entlohnen muss. Diese werden nicht fair bezahlt, weil der Handel die Preise für tierische Produkte nach unten drückt. Und das wiederum passiert, weil der Verbraucher nicht bereit ist, mehr für tierische Produkte zu auszugeben.“ Ein Teufelskreis, der auf eine Ursache zurückzuführen sei: „Die Wertschätzung der Lebensmittel hat nachgelassen“, so Sträter.

„Die Wertschätzung der Lebensmittel hat nachgelassen.“
Manfred Sträter, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten

Landwirt Tobias Clodt pflichtet dem bei: Früher hätten die Menschen noch die Hälfte ihres monatlichen Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. Heute hingegen liege der Anteil nur bei rund zehn Prozent. Clodt: „In unserer Konsumgesellschaft wird Nahrung einfach nicht mehr so wertgeschätzt wie früher.“ Das zeichne sich auch am Wegwerfverhalten der Deutschen ab. Dass im gleichen Atemzug über Umweltschutz diskutiert werde, sei für Clodt in den meisten Fällen reine Heuchelei: „Solange die Regale voll sind, lässt sich natürlich gut über Tierwohl debattieren“, sagt er.

Masse statt Tierwohl

Sein Problem bleibe währenddessen bestehen: Als Landwirt liegt er beim Verteilungskampf zwischen Produzenten, Händlern und Industrie zurück. Deswegen setzt er, wie viele Landwirte, auf Masse, um überhaupt einen nennenswerten Gewinn zu erzielen. Das sei auch laut Sträter für viele Bauern die einzige Möglichkeit, gut von ihrem Job leben zu können.

„Solange die Regale voll sind, lässt sich natürlich gut über Tierwohl debattieren.“
Tobias Clodt, Landwirt aus Lünern

Letztlich müssten die Schweine, die den Landwirten abgenommen werden, nämlich in eine bestimmte Vorlage passen: „Wiegen sie zu viel oder zu wenig, gibt es Abzüge.“ Sprich: weniger Geld für den Landwirt.

Der Handel – und letztlich der Konsument – wolle das Schnitzel nämlich immer in einer bestimmten Größe, mit einem bestimmten Geschmack und einem bestimmten Verhältnis von Fleisch- und Fettanteil haben. „Am Ende stehen die Bauern vor der ökonomischen Keule“, sagt Sträter. Auch klar: Platz für eine paradiesische Haltung wie aus dem Bilderbuch bleibe da nicht.

Warum es Landwirte in der Kette der Fleischproduktion so schwer haben

Bauern protestieren: Auf einem Feld am Schattweg an der Ortsgrenze zwischen Unna und Kamen steht ein grünes Kreuz. Es soll auf die Probleme in der Landwirtschaft hinweisen. © Dirk Becker

Bauern fordern Umdenken

Schließlich geht es um Profit – in einer Kette, in der Händler, Industrie und Landwirte jeweils um ihren Anteil ringen. Dabei wollen die Bauern nicht länger den Kürzeren ziehen. Auch deswegen gehen sie auf die Straße: Damit ein Umdenken stattfindet – und sie zukünftig noch von ihrem Job leben können.

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