Rollstuhl passte nicht in Wohnung: „Mein Herz schlägt aber auf dem Marktplatz von Unna“

dzMit Video

Barrierefreiheit soll bei Neubauten zum Standard gehören. Die neue Landesbauordnung folgt dem Konzept. Eine Quote für Rollstuhl gerechte Wohnungen gibt es aber weiter nicht. Christian Baran hat das leidvoll erfahren.

Unna

, 29.06.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Christian Baran ist als Vorsitzender des Behindertenbeirats in Unna vielen bekannt. Der Rollstuhlfahrer setzt sich für die Belange von Menschen mit Handicap ein. Selbst blieb ihm Hilfe versagt - das führte zu einem Umzug, den er so nicht wollte.

»Ich suche eine bezahlbare barrierefreie Wohnung.«
Teilnehmer des Multiple-Sklerose-Treffs Unna

Die Hilfe, die Christian Baran benötigt, müsste vom Gesetzgeber kommen, von der Regierung und vom Landtag: Die Landesbauordnung könnte eine feste sogenannte Rollstuhlquote vorsehen - dann müsste bei Neubauten ein bestimmter Anteil der Wohnungen so konzipiert werden, dass dort auch besonders breite Rollstühle durch jede Tür und in jedes Badezimmer passen.

Landesregierung und Parlamentsmehrheit haben auf die „R-Quote“ in der seit dem 1. Januar 2019 geltenden neuen Bauordnung verzichtet. Stattdessen soll eine weitgehende Barrierefreiheit erreicht werden, es müssen zum Beispiel künftig Aufzüge in mehrgeschossige Häuser eingebaut werden.

Breitere Türen, niedrige Lichtschalter, größere Wendekreise

Breitere Türen, Lichtschalter in niedriger Höhe oder ein größerer Wendekreis in Badezimmern können Bauträger aber weiterhin freiwillig einplanen. In einem Entwurf der früheren Landesregierung stand noch eine Rollstuhlquote.

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Christian Baran plädiert für Rollstuhlquote bei Wohnungen

Der Haus- und Grundbesitzverband begrüßt den Verzicht auf eine Quote, weil andernfalls angeblich „am Bedarf vorbei“ gebaut worden wäre. Astrid Stadtmüller, Bezirksvorsitzende Unna des Bundes Deutscher Baumeister, pflichtet bei: „Die Nachfrage ist nun in Text gegossen.“ Besonders die Aufzugpflicht für Häuser mit mehr als drei oberirdischen Geschossen - früher erst bei mehr als fünf - sei ein großer Fortschritt.

»Die Nachfrage ist in Text gegossen.«
Astrid Stadtmüller, Bezirksvorsitzende Bund Deutscher Baumeister

Christian Baran findet den Begriff Barrierefreiheit eigentlich auch viel besser als die Verengung auf rollstuhlgerecht. Denn solche Begriffe grenzten nur wieder aus, gäben Rollstuhlfahrern eine Sonderrolle.

Von der neuen Bauordnung ist er dennoch enttäuscht. „Ich fand es hervorragend, dass erst ja ein gewisser Anteil der Wohnungen rollstuhlgerecht sein sollte und nicht nur barrierearm - denn das ist nichts Greifbares, das kann man auslegen, wie man will“, sagt Baran, der in Unna auch den Multiple-Sklerose-Treff leitet.

In dem Treff hat er schon Wehklagen gehört: „Ich suche eine bezahlbare barrierefreie Wohnung“, heißt es dort von Mitstreitern.

Wohnungen für Rollstuhlfahrer müssen oft erst umgebaut werden

Was es bedeutet, wenn es auf dem Immobilienmarkt nur ein winzig kleines Angebot von Wohnungen gibt, die auch für größere Rollstühle geeignet sind, hat Christian Baran auch am eigenen Leib bereits erfahren.

Der Vorsitzende des Behindertenbeirates in Unna denkt aber auch für andere Menschen mit Handicap mit. So ist er von der Anlage der barrierearmen Treppe an der Volksbank begeistert - bereits vor Erlass der neuen Bauordnung sei hier an alle notwendigen Merkmale gedacht worden.

Der Vorsitzende des Behindertenbeirates in Unna denkt aber auch für andere Menschen mit Handicap mit. So ist er von der Anlage der barrierearmen Treppe an der Volksbank begeistert - bereits vor Erlass der neuen Bauordnung sei hier an alle notwendigen Merkmale gedacht worden. © Udo Hennes

Als er wegen seiner Krankheit eine neue Wohnung suchte, brauchte er die eigentlich sofort - fand sich aber auf einer ewig langen Warteliste wieder. „Der Letzte vor mir hatte auch schon zwei Jahre gewartet“, erinnert sich Christian Baran.

Wohnungen für Rollstuhlfahrer müssten häufig erst umgebaut werden. Wer dafür keine Zeit hat, muss meist unliebsame Kompromisse eingehen: Christian Baran zog schließlich nach Massen um.

»Barrierearm - das ist nichts Greifbares, das kann man auslegen, wie man will.«
Christian Baran, Vorsitzender Behindertenbeirat

„Mein Herz schlägt eigentlich in Unna auf dem Marktplatz“, bekennt Baran. Das ist nicht nur Liebe für die Stadt - alle wichtigen zentralen Einrichtungen sind von einer City-Wohnung aus einfach komfortabler zu erreichen.

Als Vorsitzender des Behindertenbeirats ist der Gründer des Rollstuhl-Clubs Unna auch ein politischer Mensch. Vorgaben, die behinderten Menschen das Leben erleichtern, könnten bei Neubauten von Häusern und Wohnungen gar nicht streng genug sein: Der bereits längst eingetretene demografische Wandel werde die Nachfrage auch nach Wohnungen, die nicht „barrierefrei“, sondern auch „rollstuhlgerecht“ sind, ganz sicher steigern.

Zur Sache

Einfache Barrierefreiheit fast flächendeckend

  • Georg Thomys, Leiter des Fachbereichs Bauen beim Kreis Unna, erläutert aus Sicht der Bauaufsichtsbehörde, den Aspekt der Barrierefreiheit in der Landesbauordnung 2019:
  • Fachlicher Hintergrund ist, dass die einschlägige DIN 18040 zwei verschiedene Standards definiert: die „einfache“ Barrierefreiheit und den höheren, vollen „R“-Standard für Rollstuhlfahrer.
  • Zwar werde auf die Einführung des Vollstandards verzichtet, dafür die „einfache“ Barrierefreiheit aber nun weitestgehend flächendeckend anzuwenden sein, so dass Menschen mit körperlichen Einschränkungen generell eher ein größeres Angebot erwarten dürften.
  • Im Übrigen sind neuerdings nicht nur Mehrfamilienhäuser barrierefrei zu errichten, sondern alle Wohngebäude der Gebäude-Klassen 3 bis 5. Das können somit auch weitläufige oder hohe Einfamilienhäuser sein, so Georg Thomys.
  • Zum Mehraufwand für Bauträger und Bauherren sagt der Fachbereichsleiter: „Der Zielkonflikt Kosten contra Nachhaltigkeit war, ist und bleibt Teil der politischen und fachlichen Diskussion.“

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