Konzerte fallen aus, Galerien sind geschlossen - für Kulturfreunde können die nächsten Wochen zäh werden. Eine der größten Kunstsammlungen in der Region ist aber weiterhin zugängig: die Stadt Unna.

Unna

, 22.03.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ernst Oldenburgs „Große Begegnung“ wirkt dieser Tage provokant. Stehen da zwei Menschen einander direkt gegenüber, um sich gleich beidseitig die Hände zu reichen - Social Distancing geht anders.

Wer das Aberwitzige an sich vorbei gleiten lässt, dass diese Skulptur in einer fast menschenleeren Innenstadt verströmt, der mag Gefühle von Traurigkeit in sich aufsteigen spüren. Oder von Sehnsucht: nach eben jener Begegnung von Mensch zu Mensch, nach der wir in den kommenden Wochen hungern werden.

Zeit für einen schärferen Blick auf die Kunstwerke im Stadtgebiet

In der sozialen Fastenzeit verändert sich die Wahrnehmung von so manchem, an dem wir im Alltag einfach vorbei hasten. Und so ist diese Zeit auch eine Chance, einmal innezuhalten, anzuhalten und genauer hinzuschauen. Etwa auf die Kunstwerke im öffentlichen Raum.

Ihn kennt in Unna jeder: Josef Barons Eselsbrunnen am Alten Markt.

Ihn kennt in Unna jeder: Josef Barons Eselsbrunnen am Alten Markt. © Wilfried Wirth

Dafür sind sie - so platt es sich anhört - auch gedacht. 30 Außenobjekte und fünf von Künstlern gestaltete Brunnen bietet die Stadt Unna den Bürgern und Besuchern als „Kunst im öffentlichen Raum“. Die Werke, die sich über weite Teile des Stadtgebiets verteilen, sind jederzeit zugängig. So lange es statthaft ist, einen Fuß vor die Tür zu setzen, führt der Weg fast zwangsläufig durch eine der flächenmäßig größten Kunstsammlungen der Region.

Die Meteora (vorn) und das Trompetentier sind zwei von sechs Objekten im Skulpturenpark des vorderen Bornekamps.

Die Meteora (vorn) und das Trompetentier sind zwei von sechs Objekten im Skulpturenpark des vorderen Bornekamps.

Eine besondere Dichte gibt es im Bornekamp. Sechs Objekte bilden einen Skulpturenpark gleich hinter dem Freibadgelände. Diese Werke sind dort allerdings nicht die einzige Sehenswürdigkeit. Der im vergangenen Jahr offengelegte Kortelbach führt nach regenreichen Wochen kräftig Wasser, das fröhlich plätschernd durch diese Parklandschaft fließt, um dann in der Einlaufschnecke unter der Erde zu verschwinden. Immer wieder bleiben dort Fußgänger stehen, um gedankenverloren dem meditativen Wasserwirbel in der Schnecke zuzuschauen.

Eine Sehenswürdigkeit mit meditativer Wirkung: Die Einlaufschnecke des Kortelbachs, der zurzeit reichlich Wasser führt.

Eine Sehenswürdigkeit mit meditativer Wirkung: Die Einlaufschnecke des Kortelbachs, der zurzeit reichlich Wasser führt. © Sebastian Smulka

Wenn Wandern zu den wenigen Dingen zählt, die aktuell als Freizeitgestaltung infrage kommen, so bietet der Unnaer Süden über lange Strecken immer wieder Kunst als Rastgelegenheit. Bis zum „Siebenklang“ bei Billmerich gibt es immer wieder etwas zu entdecken. Manche Werke allerdings sind allzu leicht übersehen.

Steinfeld mit Vegetationslinie. An diesem Titel gibt es nicht viel zu deuten.

Steinfeld mit Vegetationslinie. An diesem Titel gibt es nicht viel zu deuten. © Wilfried Wirth

Das Werk „Steinfeld mit Vegetationslinie“ von Karl-Friedrich Fritsche etwa liegt unter der Autobahnbrücke und sieht aus wie etwas, das eben unter einer Autobahnbrücke liegt. Das „Erd-Mal“ das Karina Raeck 1994 als Bodenerhebung um eine Esche herum geformt hat, kann in der Vegetationszeit einfach auch zuwuchern.

Die „Hoffnung“ wird oft als Denkmal für den Mauerfall 1989 gedeutet, entstand aber schon drei Jahre davor.

Die „Hoffnung“ wird oft als Denkmal für den Mauerfall 1989 gedeutet, entstand aber schon drei Jahre davor. © Wilfried Wirth

Zeit, einmal über die Kunst nachzudenken

Kunst liegt immer im Auge des Betrachters, soll das Nachdenken und vielleicht das Reden darüber anregen. Manchmal sind dabei sogar die Fehlschlüsse interessant, wie zum Beispiel bei der Skulptur „Hoffnung“ im Stadtgarten. Der Mensch, der dort über ein offenbar herausgerissenes Stück einer großen Betonmauer guckt, wird gerne im Kontext der Deutschen Wiedervereinigung gedeutet. Graffiti auf dem Werk erscheinen als genial beabsichtigte Interaktionskunst, war doch auch die Berliner Mauer einseitig zugesprayt. Geschaffen hat die polnische Künstlerin Janina Jelenska Papp dieses Werk allerdings schon 1986, also vor dem Mauerfall.

Der Taubenkasper ist eine markante Figur im Nordteil von Königsborn - als Mensch und als Skulptur.

Der Taubenkasper ist eine markante Figur im Nordteil von Königsborn - als Mensch und als Skulptur. © Stadt Unna

Auch wenn die Oberstadt und der Unnaer Süden eine besondere Dichte an öffentlich ausgestellten Kunstwerken bieten, zieht sich die Freiluftgalerie durch fast alle Teile der Stadt. Königsborn etwa hat seinen „Taubenkasper“ und das „Fabeltier“, Lünern erinnert mit „Der Pole und die Deutsche“ an die tragische Liebe zwischen einem Zwangsarbeiter und einer Einheimischen 1943.

Die Regenfrau war mal eine Massenerin, hat aber dann eine neue Heimat am ersten Teich im Bornekamp gefunden.

Die Regenfrau war mal eine Massenerin, hat aber dann eine neue Heimat am ersten Teich im Bornekamp gefunden. © Stadt Unna

In manchen Werken steckt Stadtgeschichte

Manche Werke haben ihren Standort aber auch schon einmal gewechselt. Die „Regenfrau“ etwa stand einmal an den Becken des Massener Freizeitbades. Nach dessen Abriss fand sich für sie eine neue Heimat am ersten Teich im Bornekamp. In Königsborn gab es vor dem Abriss der Anne-Frank-Realschule Irritationen darüber, ob die einst an einem kleinen Teich arrangierte Skulptur künftig auch trockenen Fußes aufgestellt werden darf.

Seejungfrau? Liegende? Im Moment ist diese Skulptur eindeutig eine eingelagerte.

Seejungfrau? Liegende? Im Moment ist diese Skulptur eindeutig eine eingelagerte. © Wilfried Wirth

Die beiden Titel „Seejungfrau“ und „Die Liegende“ erwiesen sich in dieser Hinsicht als widersprüchlich. Zurzeit ist sie erst einmal eingelagert, um nach dem Neubau zurückzukehren und den Bildungscampus zu schmücken.

Kunst mit und ohne Wiederkehr

Weniger koordiniert verlief das Verschwinden und Zurückkehren eines halben Kunstwerkes in Hemmerde. Zwei „Spielende Schulkinder“ schmücken dort die Dorfstraße und mahnen zugleich die Autofahrer, den Fuß vom Gas zu nehmen. Eine der beiden Figuren war einmal von jetzt auf gleich verschwunden, wurde dann wiedergefunden, neu aufgestellt, erneut geklaut, verschwunden geblieben und dann durch einen Nachguss ersetzt, der diesmal um einiges tiefer verankert wurde.

Spielende Schulkinder halten Autofahrer in Hemmerde zugleich zur besonnenen Fahrweise auf der Dorfstraße an.

Spielende Schulkinder halten Autofahrer in Hemmerde zugleich zur besonnenen Fahrweise auf der Dorfstraße an. © Wilfried Wirth

Beim Werk mit dem Titel „Erscheinen-Verschwinden“ ist selbiges dagegen Programm. Es „steht“ im Afferder Bach kurz vor der Einmündung in den Massener Bach und besteht aus einer Wasserfontäne, die immer wieder das macht, was ihr Titel besagt: erscheinen und verschwinden.

Erscheinen-Verschwinden. Das ist, was diese Installation im Afferder Bach macht.

Erscheinen-Verschwinden. Das ist, was diese Installation im Afferder Bach macht. © Wilfried Wirth

Öffentliche Kunst

Ein virtueller Rundgang durch Unnas Freiluftgalerie

Eine Übersicht der Skulpturen und Brunnen im öffentlichen Raum mit weiterführenden Erklärungen der Werke findet sich auf der Internetseite der Stadt Unna, die unter dem Stichwort „Kunst im öffentlichen Raum“ einen virtuellen Rundgang ermöglicht.

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