Das Engagement gegen Gewalt und Rassismus muss 2020 ohne Aktionstage auskommen. Die Initiative bleibt aber stark, auch weil sie überparteilich ist – und erfindet ihre Arbeit gegen den Hass immer wieder neu.

Unna

, 27.03.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vorträge, Theaterstücke, Kunstaktionen, Konzerte: Vor allem für junge Menschen und mit ihnen gibt es seit elf Jahren in Unna eine Vielzahl von Aktionen gegen Gewalt und Rassismus. Die öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen sind in diesem Frühjahr wie alle anderen dem Coronavirus zum Opfer gefallen. Aber das Engagement findet auch auf anderen Ebenen statt. Und die Planungen für das kommende Jahr laufen bereits.

Runder Tisch seit elf Jahren aktiv

Seit elf Jahren gibt es den Runden Tisch gegen Gewalt und Rassismus, der die offene und tolerante Stadtgesellschaft in Unna fördert. Gut gewachsen sei die Zusammenarbeit mit Schulen, sagt der federführende Mitinitiator Klaus Koppenberg.

Der Stratege gegen den Hass: Nicht moralisch und nicht mit Konfrontation, sondern kreativ und beharrlich wollen Klaus Koppenberg und seine Mitstreiter vom Runden Tisch in der Öffentlichkeit kommunizieren.

Der Stratege gegen den Hass: Nicht moralisch und nicht mit Konfrontation, sondern kreativ und beharrlich wollen Klaus Koppenberg und seine Mitstreiter vom Runden Tisch in der Öffentlichkeit kommunizieren. © Archiv

Im Rahmen der Aktionstage wird reihum jedes Jahr an einer anderen Schule der „Große Runde Tisch“ zu einem bestimmten Thema abgehalten. In diesem Jahr wäre das Werkstatt-Berufskolleg an der Reihe gewesen. „Wir hatten eine sehr gute Zusammenarbeit“, berichtet Koppenberg. Umso mehr sei es schade, dass die Schule ihre Ergebnisse nun nicht präsentieren konnte.

Das Berufskolleg hätte auf kreative Weise seine kulturelle Vielfalt präsentiert. Die 650 Schüler stammen aus rund 50 verschiedenen Ländern. In einer Art „World Café“ hätten Schüler, Lehrer und Besucher miteinander diskutiert. „Das Ziel war, zu zeigen, dass Vielfalt durchaus anstrengend ist, aber dass jeder sich daran persönlich entwickeln kann“, sagt Koppenberg.

Planung für 2021 läuft schon

Für das kommende Jahr ist bereits ein Projekt mit dem Geschwister-Scholl-Gymnasium geplant. Das Königsborner Gymnasium habe Kontakt zu einer Schule in Unnas sächsischer Partnerstadt Döbeln, und die Schulen wollen sich gemeinsam damit auseinandersetzen, was sich in 30 Jahren Deutscher Einheit entwickelt hat, verrät Koppenberg.

Das Engagement für eine tolerante und offene Gesellschaft sei durchaus eine Sisyphusaufgabe, sagt Koppenberg. Ansprechpartner in Schulen wechseln, Themen und Anlässe gibt es ständig neue. Den Grundgedanken des Runden Tischs erklärt er aber mit spürbarer Begeisterung. Rechte Tendenzen, Hass und Gewalt sollen nicht direkt bekämpft werden, Koppenberg und Co. setzen sich vielmehr kreativ damit auseinander.

Buntes Fest als Antwort auf rechten Aufmarsch

Ein einprägsames Beispiel dafür, dass diese Arbeit Früchte trägt, brachte das Jahr 2016: Die AfD hatte einen Aufmarsch in Unna angekündigt. Als Reflex formierte sich eine linke Gegendemonstration. Es passierte aber noch etwas anderes, das letztlich wohl viel mehr Publikum anzog: Auf dem Kirchplatz feierten verschiedene Gruppen mit Bürgern ein Fest der Begegnung. „Das war eine sehr schöne Atmosphäre“, erinnert sich Koppenberg. Der Tag habe gezeigt: Auch eine politische Demo vom politisch extremen Rand könne stattfinden, „wenn wir sie nicht alleinlassen“.

Der Runde Tisch initiiert und begleitet Aktionen, in denen positive Botschaften platziert werden - keine reinen Gegen-Positionen.

Der Runde Tisch initiiert und begleitet Aktionen, in denen positive Botschaften platziert werden - keine reinen Gegen-Positionen. © Archiv

Schon die Anfänge des Runden Tischs zeigten diese Strategie. Es gab rechtsradikal motivierte Anschläge auf Parteibüros in Unna. Und am Büro der Grünen, zu denen Koppenberg auch gehört, wurde als Reaktion direkt an der zersplitterten Fensterscheibe eine Botschaft in besonderer Form aufgehängt: ein Gedicht.

Strategie statt Wut

Nicht mit Wut, sondern nachdenklich und beharrlich will Koppenberg Hass in der Gesellschaft entgegenwirken. So tun er und Gleichgesinnte es aktuell auch im Internet. Die online veröffentlichten Kommentare zu bestimmten Themen sind teils haarsträubend hasserfüllt. Und genau dort schalten Koppenberg und Co. sich ein. „Wir attackieren aber nicht“, betont er. „Wir kommentieren sachlich.“

Es gehe darum, jeweils die Person und ihre Emotionalität anzunehmen, zu hinterfragen, worüber sie sich aufregt. Wird er als Kommentator provoziert, so versuche er auch damit kreativ umzugehen. Seit Mitte 2019 versuche er auf diese Weise im Internet „das Idiotische zu irritieren“, so Koppenberg.

„Unser Interesse ist, den öffentlichen Diskurs zu beeinflussen.“ Zu Anfang habe er aus seinem Umfeld Gegenwind bekommen, dieses Vorgehen funktioniere ja doch nicht. „Aber ich mache es trotzdem.“

„Live“ gab es das auch schon. Ein Diskussionsabend mit AfD-Anhängern und anderen Bürgern sei geradezu „körperlich anstrengend“ gewesen, erinnert sich Koppenberg. „Aber wir sind auf einer Gesprächsebene geblieben.“

Kritik an Ratsdiskussion

Wichtig sei, nicht moralisch in diese Diskussionen einzusteigen, sondern mit Strategie. Deswegen kritisiert Koppenberg auch den jüngsten Streit im Unnaer Stadtrat über die Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge. Es sei nicht sinnvoll, Diskussionsgegner persönlich zu attackieren, etwa indem man ihnen Unmenschlichkeit vorwerfe. „Ich muss dann in der Diskussion einen anderen Aspekt in den Vordergrund stellen.“ Unter Politikern sei das allerdings meist schwierig, „weil die miteinander konkurrieren“.

Erfolgreicher weil unpolitisch

Das Nicht-Parteipolitische sei einer der großen Vorteile des Runden Tischs in Unna. In anderen Städten würden solche Initiativen von den Parteien getragen, und das erschwere die Arbeit, weil sich immer jemand an den Rand gedrängt fühle. In Unna hingegen seien von Beginn an verschiedenste Gruppen an einem Tisch.

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